{"id":1112,"date":"2005-03-14T23:49:30","date_gmt":"2005-03-14T22:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/terror-2005\/"},"modified":"2023-12-18T08:49:26","modified_gmt":"2023-12-18T07:49:26","slug":"terror-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2005\/03\/terror-2005\/","title":{"rendered":"Terror 2005"},"content":{"rendered":"<p>Quirinus <a href=\"http:\/\/spielverderber.twoday.net\/stories\/568244\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">brachte mich zur\u00fcck<\/a>, Hella <a href=\"http:\/\/www.hoeherewelten.de\/demokraten.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schrieb ausgezeichnet<\/a>, Pepa <a href=\"http:\/\/infragelb.de\/pepa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">berichtet aus dem Leben des Sohnes<\/a>. Es geht um nur eines einerseits: den zweiten Tod der Toten und andererseits um den Tod der Lebenden. <\/p>\n<p>Ich will es kurz machen, die Frage zwischen Vergleich und Singularit\u00e4t angesichts des Holocaust, und damit also die Einbindung in die Gegenwart der je einzelnen Menschen ist kein Problem, das die Philosophie oder die Soziologie l\u00f6sen kann. Zur Erinnerung, Hella schrieb unter anderem in ihrem nachdenklichen Text <a href=\"http:\/\/www.hoeherewelten.de\/demokraten.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Demokraten, unberaten &#8211; Der Antifaschismus entl\u00e4sst seine Kinder&#8220;<\/a>:<br \/>\n<cite>Wozu aber sollen sich Sch\u00fcler immer wieder mit Ereignissen besch\u00e4ftigen, die mittlerweile 60 Jahre zur\u00fcckliegen und aus denen sie nichts lernen k\u00f6nnen, solange es ihnen nicht gestattet ist, sie mit gegenw\u00e4rtigen Ereignissen oder Tendenzen zu vergleichen?<\/cite><br \/>\nUnd zur Mentalit\u00e4t, die sich da breit macht: <br \/>\n<cite>Zwischen einem Irren wie <b>Roland Freisler<\/b>, so glauben die meisten, und einem Vater, einem Lehrer oder Chef, der einen \u00bbUntergebenen\u00ab anschreit, in die Enge zu treiben versucht und dies gar vor anderen tut, bestehe keinerlei Gemeinsamkeit: ist der Vater, Lehrer oder Chef doch kein <i>Nazi<\/i> und damit kein Vollstrecker einer Diktatur, sondern \u00bbnur\u00ab einer von vielen ganz normalen Spinnern. Und diese Spinner mu\u00df man halt so nehmen, wie sie sind. <\/cite><br \/>\nDenn, wenn man Nazizeit und Holocaust gleichsetzt, die Singularit\u00e4t des Holocaust r\u00fcckw\u00e4rts gerechnet also als Singularit\u00e4t des anderen nimmt, dann verstellt man den Blick auf die aktuelle Situation. Das ist richtig beobachtet, wenn ich es richtig verstanden habe. <\/p>\n<p>Mich trieben k\u00fcrzlich \u00e4hnliche Gedanken an als ich einen Cluster f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/www.nmz.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neue musikzeitung<\/a> verfasste. Antrieb war ein Passus in Adornos Text &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; in dem er die Frage stellte, wie sich so etwas \u0084inmitten von einigerma\u00dfen gesitteten und harmlosen Menschen\u0093 abspielen konnte. Und das ist eine Frage, die man eben stellen muss, gerade auch heute, wo man das Ende nicht kennen kann.<br \/>\n<!--break--><br \/>\n<cite><b>Terror 2005<\/b><\/p>\n<p>Es gibt Gegenden in Deutschland, wo eine neue \u0084braune Kultur\u0093 ganz auf der Oberfl\u00e4che der Gesellschaft in Erscheinung tritt. Dar\u00fcber kann man in letzter Zeit in den \u0084Politiker-Analysen\u0093 genug und viel sich \u00e4rgern. Die Arbeitslosigkeit, die mache das aus uns. So einfach kann man es sich machen und ablenken davon, was sich \u0084inmitten von einigerma\u00dfen gesitteten und harmlosen Menschen\u0093, wie sie Theodor W. Adorno nannte, abspielt.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele: Das Landeskriminalamt Niedersachsen hat einen anonymen Denunziationsserver (im Internet) eingerichtet, der Verleumdungen sozusagen unter Staatsschutz erm\u00f6glicht. Mobbing unter Sch\u00fclern ist zu einer erfolgreichen Methode der Durchsetzung ebenso geworden wie das Kuschen von Mitsch\u00fclern und das h\u00e4ufige Kapitulieren der Erzieher in diesen Situationen. Knappe Ressourcen im medizinischen Sektor fordern geradezu nachhaltig unethische Verhaltensweisen nach dem Motto: \u0084Wenn du das nicht machst, macht es eben ein anderer!\u0093 Die letzte Umsetzung einer EU-Richlinie zur Telekommunikations\u00fcberwachung und Vorratsspeicherung von Daten macht uns alle zu gl\u00e4sernen potenziellen Verbrechern am Staat. Hohe deutsche Regierungspolitiker aus der 68er- und 70er-Generation setzen damit ihr T\u00fcraush\u00e4ngungsgebot in die Praxis um. Rundfunkr\u00e4te degradieren sich selbst zu Abnickorgangen von Programmdirektoren und Intendanten und ignorieren letzte Reste b\u00fcrgerschaftlicher Kritik. Und Rundfunkintendanten geben nichts auf Begriffe wie Kultur- oder Bildungsauftrag, orientieren sich lieber an Mediaanalysen. Deutsche Banken und andere Gro\u00dfkonzerne sind endg\u00fcltig desinteressiert an Menschen. Aufmucker und Kritiker werden unter den gegenw\u00e4rtigen Marktbedingungen einfach geschnitten, dazu bedarf es weder Entlassungen noch Abmahnungen. \u0084Entweder du unterl\u00e4sst deine Kritik, oder du bist raus, und niemanden wird das interessieren\u0093, h\u00f6rt man immer h\u00e4ufiger. Der alte Staatszensor des 19. Jahrhunderts sitzt l\u00e4ngst inmitten von uns selbst.<\/p>\n<p>Ich muss mal pers\u00f6nlich werden. Als ich ein Kind war, in den 70er-Jahren, war es mir schlichtweg unbgreiflich, wie sich der Nationalsozialismus in Deutschland etablieren und durchsetzen konnte. Ich fragte mich: \u0084Wie konnten sich Menschen das gefallen lassen?\u0093 Heute bangt es mir weniger vor dem Nationalsozialismus, aber vor einem neuen Terror, denn die Bedingungen f\u00fcr eine neue allgemeine Selbstzerst\u00f6rung der Gesellschaft haben sich nicht ver\u00e4ndert. Adorno hat diese Bedingungen in seinem Text \u0084Erziehung nach Auschwitz\u0093 sehr genau beschrieben: \u0084Unf\u00e4higkeit zur Identifikation war fraglos die wichtigste psychologische Bedingung daf\u00fcr, dass so etwas wie Auschwitz sich inmitten von einigerma\u00dfen gesitteten und harmlosen Menschen hat abspielen k\u00f6nnen. Was man so \u00bbMitl\u00e4ufertum\u00ab nennt, war prim\u00e4r Gesch\u00e4ftsinteresse: dass man seinen eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnimmt und, um nur ja nicht sich zu gef\u00e4hrden, sich nicht den Mund verbrennt. Das ist ein allgemeines Gesetz des Bestehenden.\u0093 Wenn nicht alle einzelnen Ph\u00e4nomene t\u00e4uschen, dann sind wir auf dem besten Weg, was Adorno in der Vergangenheit ausmachte: \u0084Die K\u00e4lte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der anderen die Voraussetzung daf\u00fcr, dass nur ganz wenige sich regten. Das wissen die Folterknechte; auch darauf machen sie stets erneut die Probe.\u0093<\/p>\n<p>Martin Hufner<\/p>\n<p><b>Erschienen in: <\/b><a href=\"http:\/\/www.nmz.de\/nmz\/2005\/03\/cluster-hufner.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>neue musikzeitung 3\/2005<\/i><\/a><\/cite><br \/>\n<!--more--><br \/>\nQuirinus <a href=\"http:\/\/spielverderber.twoday.net\/stories\/568244\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">brachte mich zur\u00fcck<\/a>, Hella <a href=\"http:\/\/www.hoeherewelten.de\/demokraten.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schrieb ausgezeichnet<\/a>, Pepa <a href=\"http:\/\/infragelb.de\/pepa\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">berichtet aus dem Leben des Sohnes<\/a>. Es geht um nur eines einerseits: den zweiten Tod der Toten und andererseits um den Tod der Lebenden. <\/p>\n<p>Ich will es kurz machen, die Frage zwischen Vergleich und Singularit\u00e4t angesichts des Holocaust, und damit also die Einbindung in die Gegenwart der je einzelnen Menschen ist kein Problem, das die Philosophie oder die Soziologie l\u00f6sen kann. 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Kurzum: Es wird an alles erinnert. Doch wie man auf die Geschichte\u2026","rel":"","context":"In &quot;nmz&quot;","block_context":{"text":"nmz","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/category\/texte\/nmz\/"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1112","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1112"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1112\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}