{"id":1575,"date":"2006-01-06T20:58:47","date_gmt":"2006-01-06T19:58:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/der-brillenputzer-vom-bahnhof-zoo\/"},"modified":"2023-12-18T08:49:07","modified_gmt":"2023-12-18T07:49:07","slug":"der-brillenputzer-vom-bahnhof-zoo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2006\/01\/der-brillenputzer-vom-bahnhof-zoo\/","title":{"rendered":"Der Brillenputzer vom Bahnhof Zoo"},"content":{"rendered":"<p>Da ich ausnahmsweise heute etwas fr\u00fcher am Bahnhof an Berlin Zoologischem Garten war, beschaffte ich mir schnell eine neue c&#8217;t und die Berliner Zeitung (solange es sie noch so gibt). Auf dem Weg zum Bahnsteig gibt es dann eine Zwischenetage. Schon fr\u00fcher fiel mir ein Mann mit Verkaufsstand auf. Meistens halte ich da Abstand, um ja nur nicht in ein Gespr\u00e4ch verwickelt zu werden. Oder sogar in ein Verkaufsgespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Der Mann f\u00e4llt mir schon seit einiger Zeit auf. Er steht da mit seinen Tischen und seinen Fl\u00e4schchen und putzt Brillen. Brillentr\u00e4ger, der ich bin, nahm ich dieses Mal, ich hatte ja Zeit, den k\u00fcrzeren Weg, dicht an ihm vorbei &#8212; also den l\u00e4ngeren. Er bat mich freundlich um die Brille, die er auch als verschmutzt ausmachte beim Durchschauen. Er putzte sie und erz\u00e4hlte mir etwas von biologischen Sachen. Er hauchte auf sie drauf, um mir klar zu machen, jetzt gibt es keinen Beschlag mehr. Ein Wundermittel. Und sauber macht es auch noch.<br \/>\n<!--break--><br \/>\nSo ein Fl\u00e4schchen wollte er mir dann auch verkaufen. 19, 90 Euro und h\u00e4lt anderthalb Jahre. Und ausnahmsweise und nur f\u00fcr mich, zwei zum Preis von einem. Nun ja, das sind immer noch 40 Mark etwa und umgerechnet, da bekommt man schon eine Sporthose f\u00fcr. Aber: Das Kunststoffglas war sauber. <\/p>\n<p>Trotzdem lehnte ich ab. Er fragte zur\u00fcck, weshalb ich ablehnte, vielleicht wegen des Preises. Ja, gab ich zur\u00fcck. Also dann f\u00fcr 10 Euro nur eine Flasche. Das schien mir doch einigerma\u00dfen logisch und aufrichtig. Ich willigte ein und erwarb das Wundermittel. F\u00fcr Schmuck solle es auch wirken, sagte er noch, das w\u00e4re doch etwas f\u00fcr meine Frau. Na klar.<\/p>\n<p>Im Zug stellte ich mir die Frage, ob nicht 10 Euro f\u00fcr ein Putzmittel auch etwas happig sei. Nun, der Stand kostet ja auch etwas und Personalkosten fallen auch an. Eigentlich sogar g\u00fcnstig das Zeug. So gesehen.<\/p>\n<p>Aber doch ein anderes Argument fiel mir ein. Auch sp\u00e4ter kann ich guten Gewissens seine Putzdienste am Bahnhof Zoo annehmen und sagen, dass ich sein Produkt schon besitze. Klar, ich k\u00f6nnte auch zum Optiker meiner Wahl gehen, aber das ist nicht das Gleiche. Mit klaren Brillengl\u00e4sern die c&#8217;t und die Berliner Zeitung zu lesen auf einer langweiligen Zugfahrt durch Ostdeutschland und Bayern, das hat auch seinen Reiz. <\/p>\n<p>Ich hoffe, er macht noch gute Gesch\u00e4fte, dieser Mann in der Zwischenetage des Bahnhof Zoo. Ich g\u00f6nne es ihm ganz aufrichtig, auch wenn ich es nicht gerne habe, wenn fremde Menschen mir auf meine Brille hauchen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDa ich ausnahmsweise heute etwas fr\u00fcher am Bahnhof an Berlin Zoologischem Garten war, beschaffte ich mir schnell eine neue c&#8217;t und die Berliner Zeitung (solange es sie noch so gibt). Auf dem Weg zum Bahnsteig gibt es dann eine Zwischenetage. Schon fr\u00fcher fiel mir ein Mann mit Verkaufsstand auf. Meistens halte ich da Abstand, um ja nur nicht in ein Gespr\u00e4ch verwickelt zu werden. Oder sogar in ein Verkaufsgespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Der Mann f\u00e4llt mir schon seit einiger Zeit auf. Er steht da mit seinen Tischen und seinen Fl\u00e4schchen und putzt Brillen. Brillentr\u00e4ger, der ich bin, nahm ich dieses Mal, ich hatte ja Zeit, den k\u00fcrzeren Weg, dicht an ihm vorbei &#8212; also den l\u00e4ngeren. Er bat mich freundlich um die Brille, die er auch als verschmutzt ausmachte beim Durchschauen. Er putzte sie und erz\u00e4hlte mir etwas von biologischen Sachen. Er hauchte auf sie drauf, um mir klar zu machen, jetzt gibt es keinen Beschlag mehr. Ein Wundermittel. Und sauber macht es auch noch.<br \/>\n<!--break--><br \/>\nSo ein Fl\u00e4schchen wollte er mir dann auch verkaufen. 19, 90 Euro und h\u00e4lt anderthalb Jahre. Und ausnahmsweise und nur f\u00fcr mich, zwei zum Preis von einem. Nun ja, das sind immer noch 40 Mark etwa und umgerechnet, da bekommt man schon eine Sporthose f\u00fcr. Aber: Das Kunststoffglas war sauber. <\/p>\n<p>Trotzdem lehnte ich ab. Er fragte zur\u00fcck, weshalb ich ablehnte, vielleicht wegen des Preises. Ja, gab ich zur\u00fcck. Also dann f\u00fcr 10 Euro nur eine Flasche. Das schien mir doch einigerma\u00dfen logisch und aufrichtig. Ich willigte ein und erwarb das Wundermittel. F\u00fcr Schmuck solle es auch wirken, sagte er noch, das w\u00e4re doch etwas f\u00fcr meine Frau. Na klar.<\/p>\n<p>Im Zug stellte ich mir die Frage, ob nicht 10 Euro f\u00fcr ein Putzmittel auch etwas happig sei. Nun, der Stand kostet ja auch etwas und Personalkosten fallen auch an. Eigentlich sogar g\u00fcnstig das Zeug. So gesehen.<\/p>\n<p>Aber doch ein anderes Argument fiel mir ein. Auch sp\u00e4ter kann ich guten Gewissens seine Putzdienste am Bahnhof Zoo annehmen und sagen, dass ich sein Produkt schon besitze. Klar, ich k\u00f6nnte auch zum Optiker meiner Wahl gehen, aber das ist nicht das Gleiche. 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