{"id":164,"date":"2003-05-10T08:28:51","date_gmt":"2003-05-10T07:28:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/taktlos-65-geist-ist-geil-martin-hufner-252003\/"},"modified":"2023-12-18T08:50:12","modified_gmt":"2023-12-18T07:50:12","slug":"taktlos-65-geist-ist-geil-martin-hufner-252003","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2003\/05\/taktlos-65-geist-ist-geil-martin-hufner-252003\/","title":{"rendered":"taktlos 65 \u2013 geist ist geil \u2013 martin hufner 2.5.2003"},"content":{"rendered":"<p><b>Musik:<\/b>\tConlon Nancarrow: Player Piano Study No.11 (T 8, Anfang)<\/p>\n<p><b>Autor:<\/b>\tDer gesellschaftliche Umgang mit &#8222;geistigem Eigentum&#8220; ist kein Problem der Gegenwart. Bereits 1974 wird im Nachwort eines Nachdrucks des Buches &#8222;Anti-\u00d6dipus&#8220; erkl\u00e4rt, warum man sich entschlossen habe, &#8222;Geist geil&#8220; zu finden und billige Nachdrucke von teuren Verlagsobjekten herzustellen. Unter der \u00dcberschrift &#8222;Schizophrenie im Kapitalismus oder Die Logik des Kapitals&#8220; kann man da lesen:<br \/>\n<!--break--><\/p>\n<blockquote><p><b>Zitatsprecher:<\/b>\t&#8222;Das Problem: Manche B\u00fccher k\u00f6nnen wegen eines sehr hohen Preises nur von einer sehr kleinen Leserschaft erworben werden. Dadurch k\u00f6nnen Werke die f\u00fcr bestimmte Wissenschaftsbereiche und\/oder auch gesamtgesellschaftlich relevant sind, einer breiteren (wissenschaftlichen) Diskussion entzogen werden. &#8230; diesen B\u00fcchern ist eines gemeinsam, sie sind (oder waren) als ,sozialisierte Drucke&#8217; (mitunter auch &#8216;Raubdrucke&#8217; genannt) erh\u00e4ltlich, die Mechanismen monopolistischer Verwertung geistiger Produktion wurden durchbrochen und zumindest ansatzweise eine zwar partiell illegale, nichtsdestoweniger aber legitime Befriedigung von Informations-, Agitations- und Bildungsbed\u00fcrfnissen sichergestellt.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>\n<b>Autor:<\/b>\tDas war 1974 und die Argumentation noch werthaltig. Es ging um die Erm\u00f6glichung eines allgemeinen und nicht zu kostspieligen Zugangs zu Bildungsg\u00fctern. Kreativit\u00e4t ist so gesehen schon etwas wert, jedoch nur dann, wenn sie nicht einer Bildungs- und Wissenselite vorbehalten bleibt.<\/p>\n<p>\tDie heutige Praxis sieht ganz anders aus. Die Konstruktion des Gutes &#8222;Geistiges Eigentum&#8220; wird von einigen Ignoranten komplett als Schmarotzertum abserviert, andere denken, dass ohne den strafbew\u00e4hrten Schutz der Verwertungsmechanismen die komplette Wissensgesellschaft und der Kunstbetrieb zusammenbrechen werde. Dies- und jenseits dieser beiden extremen Vorstellungen hat sich allerdings eine dritte, neue herausgebildet, die wieder an die Ideen der siebziger Jahre ankn\u00fcpft &#8211; Open Source &#8211; Public Domain &#8211; Creative Commons: Wissen und Kunst werden hier als G\u00fcter angesehen, die frei tauschbar und zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen. Im emphatischen Sinn ist Kreativit\u00e4t nach dieser Auffassung nur dann werthaltig, wenn sie sich in alle Richtungen entfalten kann: ob bei der Entwicklung einer Software, eines Medikamentes, einer philosophischen Theorie oder der Herstellung einer Komposition. Die Philosophie fasst dies unter dem Begriff des gerechten Tausches zusammen. Dazu aber bedarf es des Schutzes und des Engagements der Gesellschaft als Ganzer. Diesen Schutz an das Strafrecht und die Polizei abzugeben ist zwar enorm praktisch, aber billiger ist es f\u00fcr die Gesellschaft auch nicht. Auch die Polizei kommt ja nicht aus der Steckdose.<\/p>\n<p><b>Musik:<\/b>\tConlon Nancarrow: Player Piano Study No.11 (T 8, Anfang)<\/p>\n<p><b>Autor:<\/b>\t\tLeider findet sich in der Bugwelle der Idee des \u00f6ffentlichen Gemeinguts eine nicht geringe Anzahl von Trittbrettfahrern, die die \u00f6ffentliche Diskussion durch einen hirnlosen Dogmatismus unterlaufen; und allen Ernstes meinen, man k\u00f6nne geistiges Eigentum beliebig enteignen wie es einem gerade passt. Dieses Verhalten ist nicht mehr politisch-gesellschaftlich motiviert sondern blo\u00dfer Hedonismus.<br \/>\n<br \/>\n\tDoch auch die Gegenseite verb\u00fcndet sich mit den falschen Freunden. Und das ist etwas, was einen an der Initiative &#8222;Wert der Kreativit\u00e4t&#8220; unter dem Dach des Deutschen Kulturrates \u00e4rgern muss. Man positioniert sich hier &#8222;nur&#8220; gegen die Kostenlos-Gesellschaft, ohne ein Wort dar\u00fcber zu verlieren, wozu denn Kreativit\u00e4t dient und wem sie zugute kommt. Kreativit\u00e4t wird zu einer rein privatistischen, blo\u00df pers\u00f6nlichen Leistung entwertet, die sich wie jede andere Ware oder Dienstleistung verh\u00e4lt. Das sieht man zum Beispiel an der Wahl der Partner dieser Initiative: die GEMA, der Bundesverband der phonographischen Industrie, die deutsche Phonoakademie, der deutsche Musikverlegerverband. Das sind also drei Industrieverb\u00e4nde und ein Inkassounternehmen. Und die haben es im Prinzip nur mit der Verwaltung von Geist und dessen Verk\u00e4uflichkeit zu tun. Kreativit\u00e4t ist f\u00fcr diese Organisationen nun wirklich nicht die Basis der Gesellschaft sondern nur die Grundlage ihres Gesch\u00e4fts. Es handelt sich somit im Prinzip um eine Geldw\u00e4sche von Geist.<\/p>\n<p>\tWenn tats\u00e4chlich Kreativit\u00e4t und nicht monet\u00e4res Gewinnbestreben die Basis unserer Gesellschaft w\u00e4re, h\u00e4tten wir tats\u00e4chlich eine bessere und liebenswertere. Der Deutsche Kulturrat laboriert mit seiner Initiative deshalb blo\u00df an einem Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomen herum, wo es eigentlich g\u00e4lte, die Gesellschaft als Ganze ins Visier zu nehmen. &#8222;Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft&#8220; hat schon Adorno im amerikanischen Exil geschrieben. Heute denkt man lieber in kleiner M\u00fcnze, aber vor allem eben mit Silberlingen. Und so muss man dem Deutschen Kulturrat entgegen halten &#8230;<\/p>\n<p><b>Musik:<\/b>\tKinderzimmer Productions, Das Gegenteil von gut (ab 1:43\/44 &#8222;Vielen Dank f\u00fcr Deine Tips, Du meinst es gut wie mir scheint, doch das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.&#8220;)<\/p>\n<p>taktlos<br \/>\n<br \/>\n<i><a href=\"http:\/\/www.nmz.de\/taktlos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">taktlos<\/a> ist eine sendung des bayerischen rundfunks und der neuen musikzeitung<\/i><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<b>Musik:<\/b>\tConlon Nancarrow: Player Piano Study No.11 (T 8, Anfang)<\/p>\n<p><b>Autor:<\/b>\tDer gesellschaftliche Umgang mit &#8222;geistigem Eigentum&#8220; ist kein Problem der Gegenwart. Bereits 1974 wird im Nachwort eines Nachdrucks des Buches &#8222;Anti-\u00d6dipus&#8220; erkl\u00e4rt, warum man sich entschlossen habe, &#8222;Geist geil&#8220; zu finden und billige Nachdrucke von teuren Verlagsobjekten herzustellen. Unter der \u00dcberschrift &#8222;Schizophrenie im Kapitalismus oder Die Logik des Kapitals&#8220; kann man da lesen:<br \/>\n<!--break--><\/p>\n<blockquote><p><b>Zitatsprecher:<\/b>\t&#8222;Das Problem: Manche B\u00fccher k\u00f6nnen wegen eines sehr hohen Preises nur von einer sehr kleinen Leserschaft erworben werden. 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Kreativit\u00e4t ist so gesehen schon etwas wert, jedoch nur dann, wenn sie nicht einer Bildungs- und Wissenselite vorbehalten bleibt.<\/p>\n<p>\tDie heutige Praxis sieht ganz anders aus. Die Konstruktion des Gutes &#8222;Geistiges Eigentum&#8220; wird von einigen Ignoranten komplett als Schmarotzertum abserviert, andere denken, dass ohne den strafbew\u00e4hrten Schutz der Verwertungsmechanismen die komplette Wissensgesellschaft und der Kunstbetrieb zusammenbrechen werde. Dies- und jenseits dieser beiden extremen Vorstellungen hat sich allerdings eine dritte, neue herausgebildet, die wieder an die Ideen der siebziger Jahre ankn\u00fcpft &#8211; Open Source &#8211; Public Domain &#8211; Creative Commons: Wissen und Kunst werden hier als G\u00fcter angesehen, die frei tauschbar und zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen. Im emphatischen Sinn ist Kreativit\u00e4t nach dieser Auffassung nur dann werthaltig, wenn sie sich in alle Richtungen entfalten kann: ob bei der Entwicklung einer Software, eines Medikamentes, einer philosophischen Theorie oder der Herstellung einer Komposition. Die Philosophie fasst dies unter dem Begriff des gerechten Tausches zusammen. Dazu aber bedarf es des Schutzes und des Engagements der Gesellschaft als Ganzer. Diesen Schutz an das Strafrecht und die Polizei abzugeben ist zwar enorm praktisch, aber billiger ist es f\u00fcr die Gesellschaft auch nicht. Auch die Polizei kommt ja nicht aus der Steckdose.<\/p>\n<p><b>Musik:<\/b>\tConlon Nancarrow: Player Piano Study No.11 (T 8, Anfang)<\/p>\n<p><b>Autor:<\/b>\t\tLeider findet sich in der Bugwelle der Idee des \u00f6ffentlichen Gemeinguts eine nicht geringe Anzahl von Trittbrettfahrern, die die \u00f6ffentliche Diskussion durch einen hirnlosen Dogmatismus unterlaufen; und allen Ernstes meinen, man k\u00f6nne geistiges Eigentum beliebig enteignen wie es einem gerade passt. Dieses Verhalten ist nicht mehr politisch-gesellschaftlich motiviert sondern blo\u00dfer Hedonismus.<br \/>\n<br \/>\n\tDoch auch die Gegenseite verb\u00fcndet sich mit den falschen Freunden. Und das ist etwas, was einen an der Initiative &#8222;Wert der Kreativit\u00e4t&#8220; unter dem Dach des Deutschen Kulturrates \u00e4rgern muss. Man positioniert sich hier &#8222;nur&#8220; gegen die Kostenlos-Gesellschaft, ohne ein Wort dar\u00fcber zu verlieren, wozu denn Kreativit\u00e4t dient und wem sie zugute kommt. Kreativit\u00e4t wird zu einer rein privatistischen, blo\u00df pers\u00f6nlichen Leistung entwertet, die sich wie jede andere Ware oder Dienstleistung verh\u00e4lt. Das sieht man zum Beispiel an der Wahl der Partner dieser Initiative: die GEMA, der Bundesverband der phonographischen Industrie, die deutsche Phonoakademie, der deutsche Musikverlegerverband. Das sind also drei Industrieverb\u00e4nde und ein Inkassounternehmen. Und die haben es im Prinzip nur mit der Verwaltung von Geist und dessen Verk\u00e4uflichkeit zu tun. Kreativit\u00e4t ist f\u00fcr diese Organisationen nun wirklich nicht die Basis der Gesellschaft sondern nur die Grundlage ihres Gesch\u00e4fts. Es handelt sich somit im Prinzip um eine Geldw\u00e4sche von Geist.<\/p>\n<p>\tWenn tats\u00e4chlich Kreativit\u00e4t und nicht monet\u00e4res Gewinnbestreben die Basis unserer Gesellschaft w\u00e4re, h\u00e4tten wir tats\u00e4chlich eine bessere und liebenswertere. 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