{"id":165,"date":"2003-05-10T08:53:14","date_gmt":"2003-05-10T07:53:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/ideenverkaeufer\/"},"modified":"2023-12-18T08:50:12","modified_gmt":"2023-12-18T07:50:12","slug":"ideenverkaeufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2003\/05\/ideenverkaeufer\/","title":{"rendered":"Ideenverk\u00e4ufer"},"content":{"rendered":"<p>Alexis des Tocqueville, der gro\u00dfe franz\u00f6sische Soziologe, schrieb in den 40er Jahren des 19. Jarhunderts ein faszinierendes Buch &#8222;\u00dcber die Demokratie in Amerika&#8220;. In einem Abschnitt geht es um die gerade entstehende Literaturindustrie. Unter anderem hei\u00dft es dort: &#8222;Die demokratischen Literaturen wimmeln immer von diesen Autoren, die die Literatur nur als Gesch\u00e4ft betrachten und wenn auch unter ihnen einige gro\u00dfe Schriftsteller sein m\u00f6gen, z\u00e4hlt man doch Tausende von Ideenverk\u00e4ufern.&#8220; Was in der Literatur festgestellt wurde, gilt noch viel mehr f\u00fcr die Musik der Gegenwart. Schaut man sich einmal an, was heute so alles unter Musik l\u00e4uft, so findet man fast nur Gesch\u00e4ftsmusik.<br \/>\n<!--break--><br \/>\nDass Musik allein im Sinne des Warenbegriffs verstanden wird, ist zwar nichts neues. Relativ neu ist jedoch, dass grunds\u00e4tzlich Ware vor \u00c4stehtik geht und in \u00f6ffentlichen Debatten zum common sense geworden ist. Das dies auch eine demokratisch legitimierte Form des Kultur-Krieges ist, zeigt sich schon in der Bezeichnung der H\u00f6rer, die man ins Visier nimmt: Man bezeichnet sie schlicht als &#8222;Zielgruppen&#8220;. Man trifft sie \u00fcber die zeitgeistgeschulten Ohren an der Geldb\u00f6rse. Und damit schlie\u00dft sich der Kreis. Musik wird zur t\u00f6nend bewegten Form von geldwertem Kapital. So haben Karl Marx und Friedrich Engels doch noch versp\u00e4tet und unverhofft Recht bekommen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. In dieser Lage Initiativen \u00fcber den Wert der Kreativit\u00e4t zu arrangieren, muss auf die Zielgruppen wie ein schlechter protestantischer Witz aus den Moralkellern der Musikindustrie wirken &#8211; n\u00e4mlich unglaubw\u00fcrdig und weltfremd. Wo das Geld regiert ist kein Platz f\u00fcr Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>cluster<br \/>\n<br \/>\n<i>Cluster sind eine st\u00e4ndige Rubrik der <a href=\"http:\/\/www.nmz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neuen musikzeitung<\/a><\/i><br \/>\n<!--more--><br \/>\nAlexis des Tocqueville, der gro\u00dfe franz\u00f6sische Soziologe, schrieb in den 40er Jahren des 19. Jarhunderts ein faszinierendes Buch &#8222;\u00dcber die Demokratie in Amerika&#8220;. In einem Abschnitt geht es um die gerade entstehende Literaturindustrie. Unter anderem hei\u00dft es dort: &#8222;Die demokratischen Literaturen wimmeln immer von diesen Autoren, die die Literatur nur als Gesch\u00e4ft betrachten und wenn auch unter ihnen einige gro\u00dfe Schriftsteller sein m\u00f6gen, z\u00e4hlt man doch Tausende von Ideenverk\u00e4ufern.&#8220; Was in der Literatur festgestellt wurde, gilt noch viel mehr f\u00fcr die Musik der Gegenwart. Schaut man sich einmal an, was heute so alles unter Musik l\u00e4uft, so findet man fast nur Gesch\u00e4ftsmusik.<br \/>\n<!--break--><br \/>\nDass Musik allein im Sinne des Warenbegriffs verstanden wird, ist zwar nichts neues. Relativ neu ist jedoch, dass grunds\u00e4tzlich Ware vor \u00c4stehtik geht und in \u00f6ffentlichen Debatten zum common sense geworden ist. Das dies auch eine demokratisch legitimierte Form des Kultur-Krieges ist, zeigt sich schon in der Bezeichnung der H\u00f6rer, die man ins Visier nimmt: Man bezeichnet sie schlicht als &#8222;Zielgruppen&#8220;. Man trifft sie \u00fcber die zeitgeistgeschulten Ohren an der Geldb\u00f6rse. Und damit schlie\u00dft sich der Kreis. Musik wird zur t\u00f6nend bewegten Form von geldwertem Kapital. So haben Karl Marx und Friedrich Engels doch noch versp\u00e4tet und unverhofft Recht bekommen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. In dieser Lage Initiativen \u00fcber den Wert der Kreativit\u00e4t zu arrangieren, muss auf die Zielgruppen wie ein schlechter protestantischer Witz aus den Moralkellern der Musikindustrie wirken &#8211; n\u00e4mlich unglaubw\u00fcrdig und weltfremd. Wo das Geld regiert ist kein Platz f\u00fcr Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>cluster<br \/>\n<br \/>\n<i>Cluster sind eine st\u00e4ndige Rubrik der <a href=\"http:\/\/www.nmz.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neuen musikzeitung<\/a><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexis des Tocqueville, der gro\u00dfe franz\u00f6sische Soziologe, schrieb in den 40er Jahren des 19. Jarhunderts ein faszinierendes Buch &#8222;\u00dcber die Demokratie in Amerika&#8220;. In einem Abschnitt geht es um die gerade entstehende Literaturindustrie. 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