{"id":1731,"date":"2006-05-15T22:48:07","date_gmt":"2006-05-15T21:48:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/brand-einz-nachdenklich\/"},"modified":"2026-05-15T11:46:47","modified_gmt":"2026-05-15T09:46:47","slug":"brand-einz-nachdenklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2006\/05\/brand-einz-nachdenklich\/","title":{"rendered":"Brand einz &#8211; nachdenklich"},"content":{"rendered":"<p>Noch lese ich das Magazin. Der Wolf Lotter macht immerhin Essays, die selbst einen, der so normativ und dogmatisch ist wie ich es bin, nachdenklich. So geht es um das Ende, \u00fcber das permanente Erneuern, \u00fcber Dauerhaftigkeit und Fl\u00fcchtigkeit, \u00fcber Beschleunigung und Apathie. Das mixt er gekonnt zusammen. Liest sich gut und bleibt doch hinterfragbar. An manchen Stellen musste ich doch schlucken. Mir war nicht klar warum. Jetzt wei\u00df ich es.<br \/>\n<!--break--><br \/>\nDie von Lotter dargestellten Ph\u00e4nomene sind wirtschaftlicher Natur. Dort herrschen andere Methoden als beispielsweise in der Kunst. Man m\u00f6chte Lotter eigentlich die Lekt\u00fcre Max Webers anraten. Aber den kennt er freilich. Dort gibt es zahllose Passagen zum Thema Fortschritt, wenngleich Lotter diesen Begriff an keiner Stelle erw\u00e4hnt. Aber es geht ihm hin\u00adter\u00adgr\u00fcn\u00addig zentral eben doch darum, um das Neue, welches das Alte verdr\u00e4ngt. Das Ende des einen ist der Anfang des anderen.<\/p>\n<p>Max Weber hat sich die Frage gestellt, ob Fortschritt in der Kunst nach \u00e4hnlichen Ideen entwickelt wird wie andere Formen des Fortschritts. Auch Weber verkennt keineswegs, dass auch in der Kunst \u201eFortschritte der Technik\u201c auszumachen sind. Aber es sind eben keine Fortschritte zwingend des Inhalts, also dessen, was da ausgedr\u00fcckt wird. Eine Fuge von Bach ist nicht schlechter als eine von Beethoven, ein Madrigal von Dowland ist nicht durch ein Chorst\u00fcck von Sch\u00f6nberg au\u00dfer Kraft gesetzt.<\/p>\n<blockquote><p>Ein Kunstwerk, das wirklich \u00bbErf\u00fcllung\u00ab ist, wird nie \u00fcberboten, es wird nie veralten; der Einzelne kann seine Bedeutsamkeit f\u00fcr sich pers\u00f6nlich verschieden einsch\u00e4tzen; aber niemand wird von einem Werk, das wirklich im k\u00fcnstlerischen Sinne \u00bbErf\u00fcllung\u00ab ist, jemals sagen k\u00f6nnen, da\u00df es durch ein anderes, das ebenfalls \u00bbErf\u00fcllung\u00ab ist, \u00bb\u00fcberholt\u00ab sei. Jeder von uns dagegen in der Wissenschaft wei\u00df, da\u00df das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist.<br \/>\n<i>[Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Max Weber: Gesammelte Werke, S. 5239 (vgl. Weber-WL, S. 592)]<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Letzteres trifft so auch auf Gegenst\u00e4nde des Konsums zu. Lotter erw\u00e4hnt einen Jenaer Soziologen, der von seinem Radiorekorder spricht, den er einstmals genau kannte und genau suchte. Heute sind die Produkte ja doch anders und der Umgang mit ihnen ist anders. Man tauscht Festplatten aus und Stereoanlagen, Monitore und Hosen. Mein Haushalt ist die reinste Abstellkammer. Meinen ersten Radiorekorder besa\u00df ich dagegen jahrelang. Noch heute besitze ich die Bedienungsanleitung. Die Antenne erg\u00e4nzte ich doch die komplette Bespannung meiner Decke in meinem Zimmer. (So war es fast ein faradayscher K\u00e4fig!)<\/p>\n<p>Lotter sieht dahinter aber vor allem ein Veralten und ein H\u00e4ngen an etwas Vergangenem. Man kann das Tempo eben nicht aufhalten, und wer es tut, der ist nicht zeitgem\u00e4\u00df. Hierin sehe ich aber das Problem: Kann man das so wirklich sagen. Ist das tempor\u00e4re Sein, das Wandern (Lotter findet auch einen Begriff wie Heimat eher altert\u00fcmlich und selbstbel\u00fcgend) im Unhaltbaren tats\u00e4chlich eine Qualit\u00e4t, der man sich unterwerfen muss?<\/p>\n<p>Muss man sich dem nur unterwerfen, weil es, absurd genug, Status quo des Lebens geworden zu sein scheint.<\/p>\n<p>Das alte Problem scheint wieder auf, wie technische \u201eFortschritte\u201c zu deuten sind. Klar, ich komme heute innerhalb von sechs Stunden von Regensburg nach Berlin (und umgekehrt), zu Hegels Zeiten war dies anders. Dennoch kam selbst Hegel in der Welt herum, aus dem Schwabenland nach Berlin und nach Jena. Ein Umzug fr\u00fcher war zugleich einfacher und aufwendiger in einem. Es waren vor allem Entscheidungen, die auch eben personal gebunden waren. Man steckte mit Haut und Haaren darin. Heute muss man sich schwieriger daf\u00fcr entscheiden, dort zu blieben wo man ist. Kontinuit\u00e4t, was nicht identisch ist mit notorischem Beharren, gilt als unschick.<\/p>\n<p>Lotter unterliegt meines Erachtens dem Denkfehler, alles nach dem Ma\u00dfe eines priorisierenden Getriebenseins zu analysieren. Nach einer Vorgabe, die man sich nicht selbst macht, sondern die andere entwerfen. Die andere entwerfen, die man nicht benennen kann. Wer am Alten h\u00e4ngt, hat verloren. Kein K\u00fcnstler denkt so, kein Mensch denkt so \u2014 aus freien St\u00fccken.<\/p>\n<p>Es geht nicht allein um das Festhalten. Wer ein Mozart-Quartett h\u00f6rt und gerne h\u00f6rt, wird nicht aus der Bahn geworfen, wenn er danach eines von Bart\u00f3k h\u00f6rt. Im besten Fall erweitert es seinen H\u00f6rschatz, er h\u00f6rt danach Mozart inklusive der Erfahrung des Geh\u00f6rten von Bart\u00f3k. Die Erfahrungen nehmen kein Ende, sondern erg\u00e4nzen sich einfach, \u00fcberlagern sich, werden zu einer neuen, die schon eine andere Erkenntnis wieder weiter erg\u00e4nzt. Man wird reicher, nicht \u00e4rmer, nicht neuer, nicht besser.<\/p>\n<p>Der Kultursektor lernt im Moment um, aber in die falsche Richtung Im widerf\u00e4hrt die gleiche Illusion, der auch Lotter aufsitzt wie auch breite Kreise der Bev\u00f6lkerung. Und so kommt es, dass man sich als ein Konservativer wiederfindet in diesem Getriebe, welches man eigentlich immer revolutionieren wollte. eine Erfahrung, die seinerzeit auch G\u00fcnther Anders beschrieben hat, wenn er Marx umschreibend meinte, es komme nicht darauf an, die Welt zu ver\u00e4ndern, sondern sie zu bewahren.<\/p>\n<p>Wenn mir derlei aufscheint, dann komme ich mir sehr alt vor, sterbensalt. Da kann ich die neueste Technik benutzen, wie ich will. Ich brauche nur dem Klang von Bart\u00f3ks zweitem Streichquartett zu lauschen, im ersten Satz, wenn er sich in einen ungeahnten Flug begibt, wenn er losl\u00e4sst, sich dorthin ziehen l\u00e4sst, wo er sich nicht beherrscht f\u00fchlt. Wo es aus ihm herausbricht. Aber auch dort, wo er sich zur\u00fcckzieht in einen Tonsee. Wo es um das Innehalten geht. Also, das kann mir auch kein neuer Radiorekorder erf\u00fcllen, keine Gigahertz, keine noch so dicke Festplatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch lese ich das Magazin. Der Wolf Lotter macht immerhin Essays, die selbst einen, der so normativ und dogmatisch ist wie ich es bin, nachdenklich. So geht es um das Ende, \u00fcber das permanente Erneuern, \u00fcber Dauerhaftigkeit und Fl\u00fcchtigkeit, \u00fcber Beschleunigung und Apathie. Das mixt er gekonnt zusammen. Liest sich gut und bleibt doch hinterfragbar. 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