{"id":21542,"date":"2026-06-05T10:23:11","date_gmt":"2026-06-05T08:23:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/?p=21542"},"modified":"2026-06-05T10:23:26","modified_gmt":"2026-06-05T08:23:26","slug":"warnung-es-dauerte-nur-zwei-monate-eher-weniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2026\/06\/warnung-es-dauerte-nur-zwei-monate-eher-weniger\/","title":{"rendered":"Warnung: Es dauerte nur zwei Monate (eher weniger)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute, am Geburtstag von Ralph Benatzky m\u00f6chte ich an zwei Eintr\u00e4ge aus seinen Tageb\u00fcchern erinnern. Da werden doch aktuell Brandmauern geschliffen, wie es einem Linnemann nur so passt \u2013 und wenn die so weiter machen, schleifen sie l\u00e4ngst von der anderen Seite. Wir haben drei Landtagswahlen im September vor uns. Was f\u00e4llt uns ein: Gilt auch f\u00fcr die AfD und die CDU die Unschuldsvermutung? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauerte zwei Monate von der Faszination zur Erkenntnis des tats\u00e4chlichen politischen Agierens des deutschen Faschismus&#8217; und Nationalsozialismus&#8217;. Aber da war die R\u00fcckkehr zur Demokratie bereits verunm\u00f6glicht. <strong>Es gibt keinen guten Faschismus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2005\/05\/april-1933\/\" type=\"post\" id=\"1188\">1933, April<\/a>. Na klar, sehen konnte niemand etwas, nicht wahr? Das ging erstaunlich schnell. Und was ja auch frappierend ist, Benatzky (\u201eDas wei\u00dfe R\u00f6ssl\u201c) hatte noch wenige Tage zuvor, nun, wie soll man sagen, die Entwicklung in Deutschland immerhin ambivalent gesehen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>1. Feber 1933, 2.45 fr\u00fch!<\/strong><br>Hitler hat heute im Rundfunk gesprochen. Stilistisch bemerkenswert gut (abgelesen!) verfasst, (der Rundfunkansager sagt immer \u00bbvorgetragen\u00ab), ist dieser Aufruf eine fast erbitterte Kampfansage an Kommunismus und Marxismus, die noch viel Unheil \u00fcber Deutschland bringen kann. Ausgesprochenster Faschismus, ostentativste Negierung anderer Gesinnung, in diesem Falle einer freilich ruin\u00f6sen, wie sie der Kommunismus hat, so offiziell und ostentativ betont, kann sich kaum ein kluger, \u00bbdiplomatischer\u00ab Reichsverweser leisten, wenn er nicht sch\u00e4rfste Gegenma\u00dfregel heraufbeschw\u00f6ren will! Ich glaube, nicht einmal Mussolini tat das!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im \u00fcbrigen wieder der Plagiat-Eindruck. Er sprach vom \u00bbVier-Jahres-Plan\u00ab, in welchem die Arbeitslosigkeit behoben sein wird (Plagiat: F\u00fcnf-Jahres-Plan Ru\u00dflands) und auch sonst Phrasen und Pathos, aber unleugbar geschickt gemacht und im Moment faszinierend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sogar durch das abschw\u00e4chende Mittel des Mikrophons \u00bbwirkte\u00ab er. Gegen die uns\u00e4gliche Plattheit und Gedankenarmut des Herrn von Schleicher, vor kaum acht Wochen an selber Stelle, gegen dessen Inhaltslosig- und Wasch-mir-den-Pelz-und-mach-mich-nicht-na\u00df-keit eine Offenbarung. Mit nichts und wieder nichts kann man auch nicht dreizehneinhalb Millionen Menschen, von [denen] doch wenigstens zehn Prozent Intelligenz, Urteilspublikum und Nichtstimmvieh sein m\u00fcssen, zu einem fanatisierten Block zusammenschwei\u00dfen! Also: Etwas wird schon dran sein! Fragt sich nur, ob sie den unweigerlich eintretenden Kampf mit Ganz- und Halb-Links bestehen, und, wie sich das aufs Theater und so auswirkt? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle:&nbsp;<em>Ralph Benatzky, Triumph und Tristesse. Aus den Tageb\u00fcchern von 1919 bis 1946, Berlin S. 142 f.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber schon zwei Monate sp\u00e4ter ist die Ambivalenz gewichen. Die Worte sind drastisch geworden.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>5. April 1933<\/strong><br>Wegen der angeblichen \u00bbGreuelmeldungen\u00ab haben die Nazi einen Judenboykott in Deutschland wachgerufen. S\u00e4mtliche j\u00fcdischen \u00c4rzte, Rechtsanw\u00e4lte, Professoren, Lehrer, alle in leitender Stellung Befindlichen, alle anderen Angestellten etc. sind zu entlassen. An dreitausend Fl\u00fcchtlinge sind in Basel; an die Gesch\u00e4fte sind die aus dem Mittelalter bekannten \u00bbgelben Flecke\u00ab angeschlagen worden, \u00fcberall wurden diese \u00bbStaatsb\u00fcrger\u00ab zu Parias herabgew\u00fcrdigt und der barbarischen Horde der aufgehetzten heulenden Menge, als \u00bbSchandflecke\u00ab gebrandmarkt, hingestellt. Ja, was gibts denn im Jahre des Heils 1933 noch mehr, um den Ausdruck \u00bbGreuel\u00ab f\u00fcr gerechtfertigt zu erkl\u00e4ren? Wogegen wehren sie sich denn? Sind das nicht Greuel?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Bekannten versichern uns, es sei alles \u00bbruhig\u00ab. Ja, was braucht\u2019s denn noch mehr, um die \u00bbUnruhe\u00ab zu dokumentieren? Soll man noch federn und teeren, oder die Geschlechtsteile den M\u00e4nnern abschneiden und in den Mund stecken?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es immer noch nicht genug \u00bbGreuel\u00ab, da\u00df man in einem (angeblich) kulturell hochstehenden Lande \u00fcberhaupt einen friedlich seinem Erwerb nachgehenden Menschen nur deswegen, weil er zuf\u00e4llig von j\u00fcdischen Eltern ist, die er sich gewiss lieber nicht ausgesucht h\u00e4tte, um das doch heutzutage gewi\u00df schwer genug zu verdienende t\u00e4gliche Brot bringt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00fcrden diese nordischen Kulturtr\u00e4ger, diese k\u00fchnen germanischen Recken, die Schnauze auch so aufrei\u00dfen, wenn der Prozentsatz zwischen Juden und ihnen nicht 1:99 sondern 50:50 w\u00e4re? Schon bei 25:75 w\u00fcrden sie sich\u2019s \u00fcberlegen. In Wien pflegt man zu sagen: \u00bbKunst, a Kind schlag\u2019n\u00ab! Und wenn mir jemand aus Berlin telefonisch versichert, ich k\u00f6nne \u00fcberall versichern, es sei \u00bballes in Ordnung\u00ab, pflege ich immer zu fragen, ob ich das der Frau Blaschke auch erz\u00e4hlen soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Depression, diese fanatischen Ableugnungsbestrebungen sind auf die Aufhebung des Briefgeheimnisses und das Abh\u00f6ren der Telefongespr\u00e4che zur\u00fcckzuf\u00fchren! Noch nicht Greuel genug? Und dabei lacht der Fr\u00fchling, auf dem Rasen bl\u00fchen die Krokusse, gelb, wei\u00df, lila und zu Mittag brennt die Sonne auf den Balkon, wie im Juli. Und in Berlin entl\u00e4\u00dft man zur selben Minute den armen, f\u00fcnfundzwanzig Jahre im Hause t\u00e4tigen Buchhalter Sami Nathansohn, krumm vom Rechnen f\u00fcr den Chef, vertrocknet vom Hunger f\u00fcr seine zwei S\u00f6hne, die 1917 in Flandern ad majorem Germaniae gloriam gestorben sind, Amen! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle: Ralph Benatzky, Triumph und Tristesse. Aus den Tageb\u00fcchern von 1919 bis 1946, Berlin S. 148<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt keinen guten Faschismus.  Was Ralph Benatzky 1933 von Februar bis April bitter gelernt 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