{"id":2252,"date":"2007-07-31T05:09:56","date_gmt":"2007-07-31T04:09:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/maszliglose-maszlige\/"},"modified":"2023-12-18T08:48:38","modified_gmt":"2023-12-18T07:48:38","slug":"maszliglose-maszlige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2007\/07\/maszliglose-maszlige\/","title":{"rendered":"Ma\u00dflose Ma\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Es geh&ouml;rt vielleicht zu den ganz besonderen Eigent&uuml;mlichkeiten, insbesondere bei den Deutschen, dass sie sich in fast jeder Situation als zu kurz gekommen auffassen. Egal wo, immer benehmen sich vor allem die anderen falsch. Im Verkehr, im Beruf, in der Schule, der Kultur, im Sport. Und in der Politik und Bildung.  Es ist einigerma&szlig;en nicht nachvollziehbar, woher dieses Ohnmachtsgef&uuml;hl stammt. Obwohl, ein Ohnmachtsgef&uuml;hl ist es ja gar nicht, sondern eher eines des permanenten Neids. Da kann man machen, was man will. Ist man zu zuspitzend, gilt man als unausgewogen; ist man ausgewogen, gilt man als nivellierend.  <\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p>Es scheint kein Gl&uuml;ck darin zu liegen, im Federkampf um Solidarit&auml;ten. In vielem Gesagtem ist vieles nicht gesagt, aber doch immer ist etwas gemeint. Gemeint ist aber immer das Ungesagte.  Was in der Literatur und ihrer Analyse zum festen Bestandteil des interpretatorisch Hinzuschie&szlig;enden ist, was derjenige, der Texte verfasst, nicht kennt, mithin was einen Text &uuml;ber sein Gesagtes Hinausgesagtes enth&auml;lt, ist im normalen Textverlauf etwas Verschwiegenes oder, schlimmer noch, Mitausgesagtes. Dagegen kann man sich nicht abdichten, weder mit Dementi noch mit den blogsprachlichen Dis(claimern) oder (closures).<\/p>\n<p align=\"center\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" hspace=\"5\" height=\"339\" width=\"450\" vspace=\"5\" alt=\"Heinrich Zille: Kinder und Kinderspielpl&auml;tze, acht Jungen &uuml;ben Handstand.\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.urteilskraft.de\/kritik\/wp-content\/uploads\/2007\/07\/zille-handstand.jpg?resize=450%2C339\" \/><font style=\"background-color: rgb(192, 192, 192);\">Heinrich Zille: Kinder und Kinderspielpl&auml;tze, acht Jungen &uuml;ben Handstand.<\/font>  <\/p>\n<p class=\"rteleft\">Denn es ist eine Sache des gef&uuml;hlten Angriffs auf pers&ouml;nliche Integrit&auml;t. Sachen werden an Personen aufgemacht und aufgerechnet. Das reicht im schlimmsten Fall bis zur Denunziation. Freilich unter dem Deckm&auml;ntelchen einer Aufkl&auml;rung.  Man k&ouml;nnte das alles ganz selbstverst&auml;ndlich als <em>Stilmittel<\/em> abtun. Die Provokation oder die Polemik als Mittel der Verst&auml;ndigung sowie als Kommunikationsform, auch die Satire, sind dabei nat&uuml;rlich auszunehmen. Denn dort wird der Fall als solcher, wenn dies gelingt, zur Nebensache. Historische Meister der Anwendung dieser Technik sind Karl Kraus oder Friedrich Nietzsche. Bei letzterem f&uuml;hrt dies zu einer ulkigen Situation, dass n&auml;mlich der gleiche Fall, mal so, mal andersherum, gewertet ist. Richard Wagner w&auml;re da die Figur des argumentatorischen Kreisverkehrs.  Doch zur&uuml;ck zum Thema. Wenn man so zur&uuml;ckschaut in die 50er und 60er Jahre, dann f&auml;llt einem ein Thema der Debatte auf, welches heute irgendwie verloren ist. Hanns Eisler bemerkte es, wenn er immer wieder von Freundlichkeit spricht und sie als wichtiges Merkmal einer verst&auml;ndigen Gesellschaft bezeichnet. Oder wenn Alexander und Margarete Mitscherlich in der Vorbemerkung zu &quot;Die Unf&auml;higkeit zu trauern &#8211; Grundlagen kollektiven Verhaltens&quot; feststellen:<\/p>\n<blockquote><p>So wird kaum jemand leugnen, da&szlig; es in Deutschland keine kleine Zahl von Menschen gibt, die h&ouml;flich, anteilnehmend, r&uuml;cksichtsvoll sind, dies alles nicht aus sittlichem &quot;Dressatgehorsam&quot;, weil man ihnen &quot;Manieren&quot; beigebracht hat, sondern weil sie gelernt haben, die Eigenart des Partners zu achten und sich f&uuml;r ihn zu interessieren. Die Einschr&auml;nkung ist aber nicht zu vermeiden, da&szlig; diese freundlichen Deutschen etwa im Stra&szlig;enverkehr oder in anderen R&uuml;cksicht fordernden Situationen nicht der den Ton bestimmende, sondern ein mehr oder minder &quot;stummer&quot; Bev&ouml;lkerungsanteil sind. Der freundliche Deutsche, um es in zugespitzter Form zu sagen, hat im eigenen Land keinen zwingenden Vorbild-Charakter. Obgleich es ihn als angenehme &Uuml;berraschung gibt. (&#8230;) Die aufkl&auml;rerische Absicht der Autoren ist es, die Chancen f&uuml;r den freundlichen Deutschen zu vermehren. (Mitscherlich, Die Unf&auml;higkeit zu trauern, Frankfurt\/M. o. J., S. 10 f.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das liest sich r&uuml;ckblickend als Illusionsmeldung. Im Gegenteil man sieht eine dar&uuml;ber hinweggehende Kontinuit&auml;t. Redunzl hat heute im Zusammenhang mit Zappas Berlin-Bild <a target=\"_blank\" title=\"Zappa in Berlin\" href=\"http:\/\/www.kopfhoch-studio.de\/blog\/?p=2860\" rel=\"noopener\">eine &auml;hnliche Bemerkung<\/a> fallen lassen.  Mit der Freundlichkeit ist es nat&uuml;rlich dann vorbei, wenn man sich selbst abgekanzelt sieht.&nbsp; Man verliert dann das Ma&szlig; und es gelten pl&ouml;tzlich ganz andere Ma&szlig;st&auml;be. Man behandelt andere, wie man selbst nicht behandelt werden will, man sieht Fallstricke, die andere nicht sehen, man sieht zugleich mit anderen Augen, aber nicht aus dem Blickwinkel einer anderen Perspektive sondern indem man die andere Perspektive gleich okkupiert. Mitf&uuml;hlen wird zur Zwangshandlung, die nur verdeckt, dass man selbst den Faden verloren hat. Oder: Mitf&uuml;hlen wird zur strapazierten Schadenfreude. Beklatschungsgeilheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geh&ouml;rt vielleicht zu den ganz besonderen Eigent&uuml;mlichkeiten, insbesondere bei den Deutschen, dass sie sich in fast jeder Situation als zu kurz gekommen auffassen. Egal wo, immer benehmen sich vor allem die anderen falsch. Im Verkehr, im Beruf, in der Schule, der Kultur, im Sport. Und in der Politik und Bildung. 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