{"id":660,"date":"2004-08-07T14:59:00","date_gmt":"2004-08-07T13:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/sociologie-am-aeh-steh-tisch\/"},"modified":"2023-12-18T08:49:47","modified_gmt":"2023-12-18T07:49:47","slug":"sociologie-am-aeh-steh-tisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2004\/08\/sociologie-am-aeh-steh-tisch\/","title":{"rendered":"Sociologie am \u00c4h-Steh-Tisch"},"content":{"rendered":"<p>Zum Leidwesen vieler meiner Bekannter bin ich, trotz meines Bekenntnisses zu neuen Musik, ein Historiker. Da besch\u00e4ftigt man sich in der Regel mit alten Texten. Als Historiker aber arbeite ich nicht sauber genug. Der historische Stich, die Anregung, das ist es, was mich interessiert. Probleme nebens\u00e4chlicher Art meistens. So erinnere ich mich an die Suhrkamp-Edition von Georg Simmels &#8220;Soziologie &#8211; Untersuchungen \u00fcber die Formen der Vergesellschaftung&#8221; von 1908. Da Simmel dieses Werk nicht als Ganzes konzipiert hatte, sondern St\u00fcck um St\u00fcck zusammentrug, musste auch er sich mit Fragen der Orthographie auseinandersetzen. Das Werk wuchs zwischen 1900 und 1908 zusammen, greift aber auch auf \u00e4ltere Texte zur\u00fcck. In dieser Zeit m\u00fcssen, wenn die Angaben  des Herausgebers stimmen, mindestens zwei Schriftwerke zur Orthographie entstanden sein. <\/p>\n<p>Einmal die <i>Orthographische Konferenz von 1901<\/i> und 1907 das Werk \u00bbRechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache\u00ab, hrsg. v. Biobliographischen Institut, bearbeitet von Konrad Duden, 2. verm. u. verb. Aufl., Leipzig u. Wien 1907. Der Herausgeber hatte jetzt die Aufgabe, alles wenigstens so anzugleichen, dass nicht in einem Kapitel Worte mal so, im anderen dann anders auftauchen. Der \u00e4ltere (j\u00fcngere) Simmel schrieb noch &#8220;Energieen&#8221;, &#8220;Garantieen&#8221; und man k\u00fcrzte ihm dann ein &#8220;e&#8221; am Ende weg. Auch schrieb er fr\u00fcher &#8220;giltig&#8221; statt &#8220;g\u00fcltig&#8221;, &#8220;Geh\u00fclfe&#8221; statt &#8220;Gehilfe&#8221;, &#8220;transszendent&#8221; statt &#8220;transzendent&#8221;. Man kann sehen, wie sich die Orthographie langsam anpasst und daher aufeinander abgepasst werden mu\u00dfte. Einige Worte hat der Herausgeber im Sinne der Orthographie von 1907 rekalibriert (mir f\u00e4llt da kein besseres Wort ein):<br \/>\n<cite>allm\u00e4hlich statt allm\u00e4hlig, Balance statt Balanze, Gef\u00e4ngnis statt Gef\u00e4ngni\u00df, gibt statt giebt, Kompromi\u00df statt Kompromis, Kristall statt Krystall, Latit\u00fcde statt Latitude, Not statt Noth, Nuance statt N\u00fcance, Sprichwort statt Spr\u00fcchwort, tun statt thun, Usance statt \u00dcsance, Waage statt Wage, Z\u00f6libat statt C\u00f6libat. <br \/>\nEine Modernisierung der Orthographie durch uns beschr\u00e4nkt sich, um Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, auf folgende drei W\u00f6rter und die von ihnen abgeleiteten Formen:<br \/>\nFeme statt Vehme bzw. Veme, Fron statt Frohn und souver\u00e4n statt suver\u00e4n.<\/p>\n<p><quelle><i>Otthein Rammstedt: Editorischer Bericht, in: Georg Simmel, Soziologie &#8211; Untersuchungen \u00fcber die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Band 11, Frankfurt\/M. 1992, S. 879.<\/i><\/quelle><\/cite><br \/>\nWarum ich das so ausf\u00fchrlich zitiere? Gegen neue und alte Rechtschreibregeln und \u00c4nderungen der Orthographie wird gerne das Argument fehlender Ber\u00fccksichtigung \u00e4sthetischen Gesp\u00fcrs angebracht. Mir ist nicht klar, was man damit argumentiert. Ist nicht auch &#8220;Vehme&#8221; sch\u00f6ner als &#8220;Feme&#8221;, oder wie bei H\u00f6lderlin: Ist nicht &#8220;\u00e4cht&#8221; sch\u00f6ner als &#8220;echt&#8221;, &#8220;Karakter&#8221; als &#8220;Charakter&#8221;; ist nicht &#8220;suver\u00e4n&#8221; (der Simmel konnte franz\u00f6sisch) besser als &#8220;souver\u00e4n&#8221;. Nein, nichts ist sch\u00f6ner und mit \u00c4sthetik hat das alles schon gar nichts zu tun. <\/p>\n<p>Das ist blo\u00df das Niveau \u00e4sthetischer Urteile (mir str\u00e4ubt es sich, dieses Wort hier zu verwenden) derer, die ebenso wei\u00dfe Tennissocken in Sandalen &#8220;un\u00e4sthetisch&#8221; finden wie die hochzitierte Schifffahrt. \u00c4sthetisch, \u00e4sthetischer, am \u00e4sthetischten &#8211; hier ist man endg\u00fcltig am \u00c4h-Stehtisch der Verbl\u00f6dung gelangweilter Geistesbureaukraten gelandet.<\/p>\n<p>Bitte aber auch <a href=\"http:\/\/www.kopfhoch-studio.de\/artikel\/semmel.php?subaction=showcomments&#038;id=1091856247&#038;archive=&#038;start_from=&#038;ucat=1&#038;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Semmels Kolumne von heute zu den Wurzeln<\/a> lesen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nZum Leidwesen vieler meiner Bekannter bin ich, trotz meines Bekenntnisses zu neuen Musik, ein Historiker. Da besch\u00e4ftigt man sich in der Regel mit alten Texten. Als Historiker aber arbeite ich nicht sauber genug. Der historische Stich, die Anregung, das ist es, was mich interessiert. Probleme nebens\u00e4chlicher Art meistens. So erinnere ich mich an die Suhrkamp-Edition von Georg Simmels &#8220;Soziologie &#8211; Untersuchungen \u00fcber die Formen der Vergesellschaftung&#8221; von 1908. Da Simmel dieses Werk nicht als Ganzes konzipiert hatte, sondern St\u00fcck um St\u00fcck zusammentrug, musste auch er sich mit Fragen der Orthographie auseinandersetzen. Das Werk wuchs zwischen 1900 und 1908 zusammen, greift aber auch auf \u00e4ltere Texte zur\u00fcck. In dieser Zeit m\u00fcssen, wenn die Angaben  des Herausgebers stimmen, mindestens zwei Schriftwerke zur Orthographie entstanden sein. <\/p>\n<p>Einmal die <i>Orthographische Konferenz von 1901<\/i> und 1907 das Werk \u00bbRechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache\u00ab, hrsg. v. Biobliographischen Institut, bearbeitet von Konrad Duden, 2. verm. u. verb. Aufl., Leipzig u. Wien 1907. Der Herausgeber hatte jetzt die Aufgabe, alles wenigstens so anzugleichen, dass nicht in einem Kapitel Worte mal so, im anderen dann anders auftauchen. Der \u00e4ltere (j\u00fcngere) Simmel schrieb noch &#8220;Energieen&#8221;, &#8220;Garantieen&#8221; und man k\u00fcrzte ihm dann ein &#8220;e&#8221; am Ende weg. Auch schrieb er fr\u00fcher &#8220;giltig&#8221; statt &#8220;g\u00fcltig&#8221;, &#8220;Geh\u00fclfe&#8221; statt &#8220;Gehilfe&#8221;, &#8220;transszendent&#8221; statt &#8220;transzendent&#8221;. Man kann sehen, wie sich die Orthographie langsam anpasst und daher aufeinander abgepasst werden mu\u00dfte. Einige Worte hat der Herausgeber im Sinne der Orthographie von 1907 rekalibriert (mir f\u00e4llt da kein besseres Wort ein):<br \/>\n<cite>allm\u00e4hlich statt allm\u00e4hlig, Balance statt Balanze, Gef\u00e4ngnis statt Gef\u00e4ngni\u00df, gibt statt giebt, Kompromi\u00df statt Kompromis, Kristall statt Krystall, Latit\u00fcde statt Latitude, Not statt Noth, Nuance statt N\u00fcance, Sprichwort statt Spr\u00fcchwort, tun statt thun, Usance statt \u00dcsance, Waage statt Wage, Z\u00f6libat statt C\u00f6libat. <br \/>\nEine Modernisierung der Orthographie durch uns beschr\u00e4nkt sich, um Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, auf folgende drei W\u00f6rter und die von ihnen abgeleiteten Formen:<br \/>\nFeme statt Vehme bzw. Veme, Fron statt Frohn und souver\u00e4n statt suver\u00e4n.<\/p>\n<p><quelle><i>Otthein Rammstedt: Editorischer Bericht, in: Georg Simmel, Soziologie &#8211; Untersuchungen \u00fcber die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Band 11, Frankfurt\/M. 1992, S. 879.<\/i><\/quelle><\/cite><br \/>\nWarum ich das so ausf\u00fchrlich zitiere? Gegen neue und alte Rechtschreibregeln und \u00c4nderungen der Orthographie wird gerne das Argument fehlender Ber\u00fccksichtigung \u00e4sthetischen Gesp\u00fcrs angebracht. Mir ist nicht klar, was man damit argumentiert. Ist nicht auch &#8220;Vehme&#8221; sch\u00f6ner als &#8220;Feme&#8221;, oder wie bei H\u00f6lderlin: Ist nicht &#8220;\u00e4cht&#8221; sch\u00f6ner als &#8220;echt&#8221;, &#8220;Karakter&#8221; als &#8220;Charakter&#8221;; ist nicht &#8220;suver\u00e4n&#8221; (der Simmel konnte franz\u00f6sisch) besser als &#8220;souver\u00e4n&#8221;. Nein, nichts ist sch\u00f6ner und mit \u00c4sthetik hat das alles schon gar nichts zu tun. <\/p>\n<p>Das ist blo\u00df das Niveau \u00e4sthetischer Urteile (mir str\u00e4ubt es sich, dieses Wort hier zu verwenden) derer, die ebenso wei\u00dfe Tennissocken in Sandalen &#8220;un\u00e4sthetisch&#8221; finden wie die hochzitierte Schifffahrt. \u00c4sthetisch, \u00e4sthetischer, am \u00e4sthetischten &#8211; hier ist man endg\u00fcltig am \u00c4h-Stehtisch der Verbl\u00f6dung gelangweilter Geistesbureaukraten gelandet.<\/p>\n<p>Bitte aber auch <a href=\"http:\/\/www.kopfhoch-studio.de\/artikel\/semmel.php?subaction=showcomments&#038;id=1091856247&#038;archive=&#038;start_from=&#038;ucat=1&#038;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Semmels Kolumne von heute zu den Wurzeln<\/a> lesen.<\/p>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Sociologie%20am%20%C3%84h-Steh-Tisch https%3A%2F%2Fwww.kritische-masse.de%2Flogbuch%2F2004%2F08%2Fsociologie-am-aeh-steh-tisch%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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Da besch\u00e4ftigt man sich in der Regel mit alten Texten. Als Historiker aber arbeite ich nicht sauber genug. Der historische Stich, die Anregung, das ist es, was mich interessiert. Probleme nebens\u00e4chlicher Art meistens. So erinnere ich mich an die Suhrkamp-Edition [&hellip;]<\/p>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Sociologie%20am%20%C3%84h-Steh-Tisch https%3A%2F%2Fwww.kritische-masse.de%2Flogbuch%2F2004%2F08%2Fsociologie-am-aeh-steh-tisch%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#6364FF; color:#6364FF\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"fill:#6364FF\"><svg width=\"75\" height=\"79\" viewBox=\"0 0 75 79\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\"><path d=\"M37.813-.025C32.462-.058 27.114.13 21.79.598c-8.544.621-17.214 5.58-20.203 13.931C-1.12 23.318.408 32.622.465 41.65c.375 7.316.943 14.78 3.392 21.73 4.365 9.465 14.781 14.537 24.782 15.385 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