{"id":68,"date":"2000-06-30T22:00:00","date_gmt":"2000-06-30T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/2000\/06\/das-rauhe-und-das-glatte\/"},"modified":"2023-12-17T17:31:09","modified_gmt":"2023-12-17T16:31:09","slug":"das-rauhe-und-das-glatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2000\/06\/das-rauhe-und-das-glatte\/","title":{"rendered":"Das Rauhe und das Glatte"},"content":{"rendered":"<h3>\n\t<b>Von Roscoe Mitchell bis Till Br&ouml;nner<\/b><\/h3>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" align=\"right\" alt=\"\" hspace=\"5\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/jazz\/2000\/07\/jazz07-mitchell-cd.jpg?w=1200\" vspace=\"2\" \/>Wie antiquiert muss in diesem Zusammenhang zum Beispiel das St&uuml;ck &bdquo;Leola&rdquo; von &bdquo;<b>Roscoe Mitchell And The Note Factory<\/b>&rdquo; aus dem Jahr 1998 erscheinen. Es gibt keine pr&auml;zisen Instrumentaleins&auml;tze, der Intonation nach ist diese Musik einfach unsauber gespielt. Dabei handelt es sich bei den Musikern um Profis an ihren Instrumenten. Musikalisch-technisch gesehen passiert hier eigentlich wenig: Abfallende Akkordbrechungen, zun&auml;chst einstimmig, sp&auml;ter dann harmonisch in Akkorde aufgel&ouml;st. Die musikalischen Gesten deuten auf einen Trauerzug hin, &bdquo;Richtig&rdquo; das hei&szlig;t hier zun&auml;chst, sauber intoniert gespielt, kl&auml;nge diese Musik aber wohl doch einfach nur &bdquo;falsch&rdquo;. &Auml;hnliches lie&szlig;e anhand der Interpretation von &bdquo;<b>The Great Pretender<\/b>&rdquo; bei <b>Lester Bowie<\/b> zeigen. Er denaturiert die Tonfolgen des Songs in Timbre und mit melodischen Variantenbildungen vor dem Hintergrund einer klaren Songstruktur. Diese stellt er auch keinesfalls in Frage, aber er kontrapunktiert sie spielerisch. Das zum Erstaunen auf der Oberfl&auml;che einer &auml;u&szlig;erst gelungenen Studioproduktion.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" align=\"right\" alt=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/jazz\/2000\/07\/jazz07-ayler-cd.jpg?w=1200\" \/>Oder zum Beispiel <b>Albert Ayler<\/b>s Einspielungen von Traditionals auf &bdquo;<b>Goin&rsquo; Home<\/b>&rdquo;: Im Gewand der Timbreverschiebungen verlieren die Traditionals ihre Trivialit&auml;t (was nicht b&ouml;sartig gemeint ist) und gewinnen eine neue Herzlichkeit. Der expressive Tonfall von Albert Aylers Saxophonspiel verdankt sich einem gebrochenen Zusammenhang von Kontrolle und innerer Br&uuml;chigkeit &ndash; die jenseits des Manierierten liegt und es auch schon streift. Das Gegenbeispiel scheint die Chet-Aufnahme von <b>Till Br&ouml;nner<\/b> zu sein. So schreibt Stefan Raulf in der neuen musikzeitung (6\/2000):<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Sein Ergebnis ist auf allen Ebenen h&auml;sslich, weil affektiert und verlogen. Wo bei Baker die Liebe in der Stimme und die Melancholie im Spiel in jedem Moment Leben und Pers&ouml;nlichkeit widerspiegeln, h&ouml;rt man in Br&ouml;nners T&ouml;nen einzig die perfekte Studiotechnik, den digitalen Hall auf der Trompetenspur zum Beispiel, den Kompressor, durch den der h&ouml;rbar angestrengt gehauchte Gesang geschleift wurde. In keinem Moment ist eine lebendige Kante zu vernehmen, und nirgends sp&uuml;rt man eine Reflexion, welche Bedeutung diese Weichheit im Zusammenspiel mit den Beats der aktuellen NuJazz-Clubmusik f&uuml;r das Hier und Jetzt vermittelt. Vielleicht ist sich Br&ouml;nner &uuml;berhaupt nicht im Klaren dar&uuml;ber, dass der Sound, den er da via Chet-Attit&uuml;de produziert, im Jahre 2000 nicht mehr ist als eine Edelpop-Backgroundmusik f&uuml;r die triste Noblesse der Yuppies und Broker (man h&ouml;re exemplarisch die Eigenkomposition &bdquo;Tell Me&rdquo;). Ein Sound, der nicht mehr vermittelt als den Kitsch eines &uuml;ber den gebohnerten Parkettfu&szlig;boden wehenden Seidenkleides.&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><b><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\">Hanns Eisler<\/font><\/b><\/p>\n<p>Diese Ph&auml;nomene gibt es nicht nur im Jazz, sondern ebenso im Sektor der &bdquo;klassischen&rdquo; Musik und auch in Rock- und Popmusik. Wenn zum Beispiel Hanns Eisler seine Komposition &bdquo;<b>Anmut sparet nicht noch M&uuml;he<\/b>&rdquo; singt, ein St&uuml;ck das als <b>Kinderhymne<\/b> bekannt ist, dann wird man spontan ergriffen &ndash; oder man h&auml;lt es f&uuml;r komplett misslungen. Der zum Zeitpunkt der Aufnahme an Asthmaproblemen leidende Hanns Eisler l&ouml;st die Kinderhymne mit einer wundersch&ouml;nen Naivit&auml;t auf. Dabei beruht das Lied in seiner kompositorischen und interpretatorischen Phrasierung auf der &Auml;sthetik des sogenannten Sch&ouml;nberg-Kreises, gewiss kein Ort f&uuml;r laxen und unreflektierten Umgang mit Musik. Da wird zum Beispiel die aufsteigende Tonleiter-Linie auf &bdquo;wie kein andres Land&rdquo; nicht emphatisch nach oben getrieben, sondern Ton f&uuml;r Ton dekliniert und am h&ouml;chsten Punkt, entgegen einer naheliegenden klassischen Interpretation, zur&uuml;ckgenommen. Zieht man einmal die durch das Asthma provozierten Atmer ab, so ist die Eislersche Interpretation durch ihren Charme, ein gewisses L&auml;cheln, das man im Tonfall h&ouml;rt, gekennzeichnet. Derartige Charakteristika werden f&uuml;r die musikalische Praxis und Interpretation sehr viel wichtiger als das &bdquo;saubere&rdquo; oder &bdquo;reine&rdquo; Intonieren. Das h&ouml;rt man im Vergleich zu einer Aufnahme mit einer &bdquo;professionellen&rdquo; S&auml;ngerin.<\/p>\n<p>Wird die Kinderhymne hingegen wie ein klassisches Konzertlied aufgefasst, so stimmen zwar die Noten alle, aber ansonsten verfehlt man den Gehalt der Komposition vollkommen. F&uuml;r Hanns Eisler liegt der Grund eines solchen interpretatorischen Versagens darin, dass diese Musiker die musikalischen Texte als abstrakte Kunstobjekte auffassen, als in erster Linie technisch zu meisternde Aufgaben. Eisler hat f&uuml;r diesen Interpretationsstil drastische Worte gefunden. In seinen Gespr&auml;chen mit Hans Bunge sagt er:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Die Barbarei der musikalischen Interpretation ist erstaunlich. Ich bin bereit, Ihnen Platten vorzuspielen von den ber&uuml;hmtesten S&auml;ngern, um Ihnen nachzuweisen, da&szlig; das schlecht interpretiert ist. &#8230; es ist erstaunlich, wie auch die Klassiker mi&szlig;verstanden werden. Wie aus Schumann ein sentimentales Geschmalze wird, aus Schubert, dem h&ouml;chst originellen, nerv&ouml;sen Komponisten, irgendeine Art von Unterhaltungsmusik wird &ndash; das ist ganz erstaunlich. Auch bei den besten Interpreten.&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Was Eisler f&uuml;r den Bereich der &bdquo;ernsten Musik&rdquo; erw&auml;hnt, gilt genauso f&uuml;r den &bdquo;Jazz&rdquo; oder auch allgemein f&uuml;r die improvisierte Musik. F&uuml;r Eisler hat das Erfassen der gestischen Impulse, das Erfassen des Tonfalls Vorrang vor technischer Perfektion. Man k&ouml;nnte aber auch sagen, die technische Perfektion steht einer Interpretation der musikalischen Gestik geradezu im Wege.<\/p>\n<p align=\"left\"><b><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\">Phil Minton<\/font><\/b><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" align=\"right\" alt=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/jazz\/2000\/07\/jazz07-minton-cd.jpg?w=1200\" \/>H&ouml;rt man sich beispielsweise Phil Mintons Version von Franz Schuberts Liedkomposition &bdquo;<b>An die Musik<\/b>&rdquo; an, so findet man ein extremes Beispiel f&uuml;r diese Gestaltungsidee. Das ist keine im klassischen Sinn perfekte Interpretation. Es gibt hier weder den Sch&ouml;nklang eines in klassischem Gesang ausgebildeten Musikers, noch entspricht die Artikulation dem notierten Hochdeutsch. Phil Minton singt ein englisches Deutsch. Und doch: In dieser Interpretation wird eine im sch&ouml;nsten Sinne anr&uuml;hrende Variante zum Vortrag gebracht. Es ist eine Huldigung sowohl an die Schubert&rsquo;sche Musik wie an die Musik selbst. Sie ist dies gerade auch deshalb, weil sie den Sch&ouml;nklang nicht erreichen kann und will aber dennoch die &bdquo;holde Kunst&rdquo; in naiver Weise beschw&ouml;rt. Darum kann diese Interpretation besonders glaubhaft wirken. Nat&uuml;rlich geh&ouml;rt zu dieser Wirkung, dass die ein gewisses Ma&szlig; an technischer Qualit&auml;t unbedingt vorhanden sein muss. Auch das Nicht-Perfekte bedarf eines gewissen Grades an technischer Leistungsf&auml;higkeit. Phil Minton versucht keinesfalls, eine immergleiche oder wenigstens immer&auml;hnliche Interpretation zu erbringen. Dahinter steckt ein ganz anderer Anspruch als in der traditionellen Interpretation klassischer Musik, bei der man versucht, die interpretatorische Gestaltung m&ouml;glichst rein, genau und beliebig reproduzierbar auszuformulieren. Hier kann die Interpretation klassischer Werke vom Jazz einiges lernen. Schon als Musiksch&uuml;ler lernt man ja meistens, seinen Musikvortrag in der Hinsicht zu kontrollieren, dass man zu wiederholbaren Interpretationen gelangt. F&uuml;r eine spontane &bdquo;Eingebung&rdquo; ist in der Regel kein Platz. In der improvisierten Musik w&uuml;rde ein derartiges Verhalten durch einstudierte Improvisationen repr&auml;sentiert &ndash; genau zu diesem Resultat f&uuml;hrt aber eigentlich das Bannen der Musik auf Tontr&auml;ger. So schreibt <b>Edgar Wind<\/b> in seinem Buch &bdquo;<b>Kunst und Anarchie<\/b>&rdquo;:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Zuerst sollte die Grammophonplatte lediglich ein Echo der lebendigen Darbietung liefern, mit allen Eigent&uuml;mlichkeiten des aus&uuml;benden K&uuml;nstlers. Sie diente als Ersatz f&uuml;r das Konzert, eine Stufe vom Ereignis selbst entfernt. &#8230; Doch wie die Buchdruckerei entwickelte auch die Schallplatte ihren eigenen Stil und wurde zu einem Ausdrucksmittel mit einer eigenen &Auml;sthetik. Ausgepr&auml;gte Phrasierungen zum Beispiel, die im Konzertsaal vielleicht fesseln und beeindrucken, k&ouml;nnen peinlich wirken, wenn sie zu oft geh&ouml;rt werden. Die Aufnahmetechnik neigt darum zur Abschleifung solcher Eigenheiten und strebt eine technische Vollendung an, die der Wiederholbarkeit des H&ouml;rens Rechnung tr&auml;gt.&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><b><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\">K&ouml;rperbeziehung<\/font><\/b><\/p>\n<p>Auf einen anderen Aspekt hat der franz&ouml;sische Philosoph <b>Roland Barthes<\/b> in seinem Aufsatz &bdquo;<b>Die Rauheit der Stimme<\/b>&rdquo; hingewiesen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Wenn ich die &sbquo;Rauheit&rsquo; einer Musik wahrnehme und dieser &sbquo;Rauheit&rsquo; einen theoretischen Wert beimesse, so kann ich mir, da ich entschlossen bin, meine Beziehung zum K&ouml;rper des S&auml;ngers oder Musikers zu h&ouml;ren, und da diese Beziehung erotisch ist, nur eine neue und ohne Zweifel individuelle, keineswegs jedoch &sbquo;subjektive&rsquo; Wertetabelle erstellen. &#8230; Ich h&ouml;re mit Gewi&szlig;heit &ndash; der Gewi&szlig;heit des K&ouml;rpers, der Wollust &ndash;, da&szlig; das Cembalo von Wanda Landowska aus ihrem K&ouml;rperinneren kommt und nicht von dem kleinen Fingergestricke so vieler Cembalisten.&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Roland Barthes verweist auf die Bedeutung der K&ouml;rperlichkeit von Musik f&uuml;r die Klang- und Existenzform der Musik selbst. Genauso wenig wie der Tonfall erfasst wird, wenn man die Noten mechanisch oder klischeehaft abspielt, steht der K&ouml;rper oder Leib des Musikers in den Noten. Die K&ouml;rperlichkeit muss also dem abstrakten und auf den ersten Blick so objektiven Notentext erst wieder entrissen werden.<\/p>\n<p>Anders als in der sogenannten klassischen ernsten Musik, ist die K&ouml;rperbeziehung im avancierten Jazz eine Grundvoraussetzung des Musizierens. Wenn man sich beispielsweise Auftritte des &bdquo;<b>Art Ensemble Of Chicago<\/b>&rdquo; ansieht, dann stehen da nicht etwa in feinen Zwirn oder Frack verpackte Musiker, sondern bunte, bemalte Menschen, deren Aussehen eher an Zauberer oder Magier erinnert, die ein Ritual zelebrieren. Auf diese Weise wird selbst aus einem Wiener Konzertsaal eine Art Kultst&auml;tte f&uuml;r musikalische Mythen. Auf der Platte &bdquo;<b>Urban Bushman<\/b>&rdquo; spielen das &bdquo;Art Ensemble of Chicago&rdquo; eine Art Trauermusik mit dem Titel &bdquo;<b>Uncle<\/b>&rdquo;, nachdem sie zuvor eine minutenlange Tonmeditation gestaltet haben. Im Trauermarsch geht es um emotionale Intensit&auml;ten, bei denen fast notwendig die k&ouml;rperhafte Reaktion die Beherrschung des Instruments beeinflusst.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"left\"><b><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\">Moderne und Rationalit&auml;t<\/font><\/b><\/p>\n<p>Im Jazz ist dieses Verh&auml;ltnis zwischen Komposition und Interpretation viel leichter zu fassen, da die Interpreten in der Regel auch die Komponisten sind: Musikpraxis und Komposition geraten h&auml;ufig zur Deckung. Dem gegen&uuml;ber ist in der Entwicklung der traditionellen abendl&auml;ndischen Musik die Musikproduktion in eine sehr weit ausdifferenzierte Arbeitsteilung &uuml;bergegangen. Von der Komposition bis zur Interpretation und schlie&szlig;lich dem Marketing hin professionalisieren und entsinnlichen sich die Agenten, die am Musikprozess beteiligt sind. Das hat zwar im technischen Bereich zu einer immer h&ouml;heren Perfektion gef&uuml;hrt. <b>Roland Barthes<\/b> sieht darin jedoch eine merkw&uuml;rdige Entwicklung: So<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;mu&szlig; man hier in Erinnerung rufen, da&szlig; es heute unter dem Druck der Massenschallplatte eine Verflachung der Technik zu geben scheint; diese Verflachung ist paradox: alle Spielweisen werden in der Perfektion verflacht&rdquo;.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das ist die Kehrseite der Rationalisierung zur Perfektion. Dieser Prozess ist erkauft durch eine Isolierung der einzelnen an dieser Produktionskette h&auml;ngenden Personen. Man kann es so darstellen: Es gibt einen wesentlichen Unterschied, ob man die Produktionskette im Zusammenhang sieht und diese im gegenseitigen Einvernehmen perfektioniert, oder ob man die Einzel-Agenten der Kette unabh&auml;ngig voneinander zu Einzel-Spezialisten macht. Die fortgeschrittene Arbeitsteiligkeit der abendl&auml;ndischen Kultur begr&uuml;ndet sich im Wesentlichen aus der letzten Sichtweise. Der Soziologe<b> Max Weber<\/b> hat diese Form der Kulturentwicklung zu Anfang des 20. Jahrhunderts kritisch beurteilt:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Dann allerdings k&ouml;nnte f&uuml;r die &sbquo;letzten Menschen&rsquo; dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: &sbquo;Fachmenschen&lsquo; ohne Geist, Genu&szlig;menschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.&rsquo;&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><b><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\">Pop<\/font><\/b><\/p>\n<p>Der musikalische H&ouml;hepunkt dieser Beschreibung d&uuml;rfte wohl in der <b>Chart-Popmusik<\/b> zu finden sein. Das sind in der Regel auf Hochglanz polierte Musikproduktionen. Das &bdquo;Glatte&rdquo; ist ihr eigentliches Metier. Allein vorregulierte und schablonisierte Gef&uuml;hle kann und soll diese Musik ausl&ouml;sen. Leichte Konsumierbarkeit, die im wahrsten Sinne des Wortes durch das eine Ohr hinein und das andere hinausgeht. Nur auf diese Weise ist es schlie&szlig;lich m&ouml;glich, dass ein Hit von einem anderen abgel&ouml;st werden kann. Die Rauheit dieser Musik muss gerade soweit langen, dass diese Musik sich so weit in den Geh&ouml;rg&auml;ngen und im Hirn verhakt, um den Wunsch nach Wiederholung hervorzurufen. Solche Musik darf auf keinen Fall so rau sein, dass sich das Publikum dagegen absperrt. Doch gerade in der Absperrung vom gemeinen Publikum liegt die Qualit&auml;t derjenigen Popul&auml;rkunst, die sich als subversiv auszeichnet. Der Absperrungsprozess war ein Kennzeichen der Punk-Bewegung, und auch noch in der Techno-Szene ist dies der Fall gewesen. Beide Bewegungen sind f&uuml;r eine wirtschaftliche Ausbeutung wesentlich umgemodelt und gegl&auml;ttet worden. Die Tendenz zur publikumswirksamen Gl&auml;tte kennt man &uuml;brigens auch in der klassischen ernsten Musik, die damit teilweise auch zu platter Popmusik wird.<\/p>\n<p align=\"left\"><b><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\">Das Rauhe<\/font><\/b><\/p>\n<p>Gegen diese Glattb&uuml;gelung hat der russische Futurist <b>Velimir Chlebnikov<\/b> klare Worte gefunden. In einem Manifest fordert er von den K&uuml;nstlern:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Auf da&szlig; sperrig geschrieben und sperrig gelesen werde, unangenehmer als geschmierte Stiefel oder ein Lastwagen im Salon (Menge von Knoten Verkn&uuml;pfungen und Maschen und Flicken Oberfl&auml;che mit Rissen Spr&uuml;ngen, sehr rauh)&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dabei ist vor allem auch die Perspektive Chlebnikovs &uuml;berraschend, weil er ausdr&uuml;cklich den Leser mit einbezieht, der &bdquo;sperrig&rdquo; lesen soll. Ein sperrig h&ouml;render Mensch wird solche Glattheit und solche funktionale Musik kaum akzeptieren und er wird sich, wie Eisler sagte, nicht f&uuml;r dumm verkaufen lassen.<\/p>\n<p>Die bisher angef&uuml;hrten Texte und musikalischen Beispiele verweisen auf die &auml;sthetische und gesellschaftliche Bedeutung des Rauhen. Man kann sogar so weit gehen, die geschichtliche Entwicklung innerhalb einer neuen theoretischen Konstruktion umzudeuten. Zu dieser These kommt jedenfalls <b>Roland Barthes<\/b> in seinem Aufsatz &bdquo;Die Rauheit der Stimme&rdquo;:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;&#8230;es versteht sich jedoch von selbst, da&szlig; die blo&szlig;e Ber&uuml;cksichtigung der musikalischen Rauheit eine andere Musikgeschichte als die, die wir kennen zur Folge haben k&ouml;nnte.&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Einer <b>&Auml;sthetik des Nicht-Perfekten und Rauhen<\/b> kommt man gegenw&auml;rtig am n&auml;chsten, wenn man den <b>Begriff des Experimentellen in ihren Mittelpunkt<\/b> stellt. Dinge, die nicht festschraubbar sind, musikalische Vorstellungen, die sich auszeichnen durch einen &Uuml;berschuss an Ungekl&auml;rtem. <b>Theodor W. Adorno<\/b> fasst diese Idee in den Satz zusammen:<\/p>\n<blockquote>\n<p>&bdquo;Die Gestalt aller k&uuml;nstlerischen Utopie heute ist: Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.&rdquo;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dann muss sich Kunst in die Gefahr begeben, den Boden unter den F&uuml;&szlig;en zu verlieren. Sie ger&auml;t ins Schweben.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" align=\"right\" alt=\"\" hspace=\"5\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/jazz\/2000\/07\/jazz07-gillespie-cd.jpg?w=1200\" vspace=\"2\" \/>&bdquo;<b>Things To Come<\/b>&rdquo; hie&szlig; eine Komposition von <b>Dizzy Gillespie<\/b>. Gillespie wagte 1948 mit dieser Musik einen Blick in eine musikalische Welt, &uuml;ber die er noch nicht viel wusste. Diese Musik ist unruhig, br&uuml;chig, irr und noch ungekl&auml;rt. Was sich hier im Jazz zeigt, gilt f&uuml;r alle Musik, die &uuml;ber den Rand des Selbstverst&auml;ndlichen schaut. <b>Solche Musik ist Avantgarde, sie ist ein Vortrupp ins Ungewisse.<\/b> Der Begriff der Avantgarde wird dadurch historisch nicht mehr fixiert. Auch <b>Bachs<\/b>, <b>Mozarts<\/b>, <b>Beethovens<\/b> und <b>Mahlers<\/b> Musik und die vieler anderer kann immer noch ins Unbekannte hineinsto&szlig;en, wenn man ihre musikalischen Sprengs&auml;tze zu z&uuml;nden wei&szlig;, indem man sie nicht klassizistisch gl&auml;ttet und reinw&auml;scht. Nur so wird diese Musik den Schein der Selbstverst&auml;ndlichkeit durchbrechen und die H&ouml;rer verst&ouml;ren. Eine perfekte Musik h&ouml;rte auf zu existieren, w&auml;re sinnlich tot, w&uuml;rde bedeutungslos werden. Die Absicht der Biotechnologie, den Menschen technisch durch Genmanipulationen zu perfektionieren, l&auml;uft letztendlich auf die Abschaffung des Lebendigen hinaus, auf ein Einfrieren von Gl&uuml;ck und Schmerz. Der perfektionierte Mensch erleidet den gesellschaftlichen K&auml;ltetod.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Literatur:<\/b><\/font><\/samp><\/p>\n<ul>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Theodor W. Adorno<\/b>, Gesammelte Schriften Bd. 16, Frankfurt am Main 1978.<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Roland Barthes<\/b>, Was singt mir, der ich h&ouml;re in meinem K&ouml;rper das Lied, Berlin 1979.<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Velimir Chlebnikov<\/b>, Werke, Reinbek 1985.<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Hanns Eisler<\/b>, Fragen Sie mehr &uuml;ber Brecht. Gespr&auml;che mit Hans Bunge, Darmstadt\/Neuwied 1986.<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Edgar Wind<\/b>, Kunst und Anarchie, Frankfurt am Main 1994.<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Max Weber<\/b>, Die protestantische Ethik I, T&uuml;bingen 1981.<\/font><\/samp><\/li>\n<\/ul>\n<p align=\"left\"><samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Diskografie:<\/b><\/font><\/samp><\/p>\n<ul>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Albert Ayler<\/b>, Goin&rsquo; Home, Black Lion BLCD760197<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Art Ensemble Of Chicago<\/b>, Urban Bushman, ECM 1211\/12<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Lester Bowie<\/b>, The Great Pretender, ECM 1209<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Till Br&ouml;nner<\/b>, Chatting With Chet, Universal<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Dizzy Gillespie<\/b>, Pleyel Jazz Concert 1948, BMG France 74321409412<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Phil Minton and Veryan Weston<\/b>, Ways, ITM 971420<\/font><\/samp><\/li>\n<li>\n\t\t<samp><font face=\"Arial, Helvetica, sans-serif\" size=\"2\"><b>Roscoe Mitchell<\/b>, Nine to get Ready, ECM 1651<\/font><\/samp><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=Das%20Rauhe%20und%20das%20Glatte https%3A%2F%2Fwww.kritische-masse.de%2Flogbuch%2F2000%2F06%2Fdas-rauhe-und-das-glatte%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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