{"id":766,"date":"2004-09-21T11:25:00","date_gmt":"2004-09-21T10:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/nur-ein-bisschen-druck\/"},"modified":"2023-12-18T08:49:45","modified_gmt":"2023-12-18T07:49:45","slug":"nur-ein-bisschen-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2004\/09\/nur-ein-bisschen-druck\/","title":{"rendered":"Nur ein bisschen Druck"},"content":{"rendered":"<div class=\"rightbox\"><%image(20040921-fuehmann.jpg|96|72|Franz F\u00fchmann - Mitte)%><\/div>\n<p>Er geh\u00f6rt zu den besten Autoren, die in der DDR gelebt haben. Franz F\u00fchmann, ein guter Mann. Als Jugendlicher war er ganz der Nazi-Propaganda auf den Leim gegangen, umerzogen in sowjetischen Lagern mauserte er sich zum Verteidiger des Sozialismus. Ab den 60er Jahren wurde er freier und freier &#8212; er setzte sich mit beispielsweise mit Trakl auseinander und bekam daf\u00fcr den Geschwister-Scholl-Preis. Am Ende war er engagiertes Mitglied der Friedensbewegung der DDR. Er starb 1984, die Stasi-Akte \u00fcber ihn wurde weit sp\u00e4ter geschlossen. F\u00fchmann geh\u00f6rt ganz sicher zu den integersten Personen, die der Schriftstellerberuf hevorgebracht hat.Er hat nie verleugnet, wof\u00fcr er einmal stand, er hat es nie entschuldigt. Er hat sich nie von seiner Biographie distanziert. Ja, solche Menschen gab es in der DDR. Ja, und wahr ist es, dass ich mich sch\u00e4men muss, es \u00fcberhaupt zu erw\u00e4hnen und einen Ma\u00dfstab heranzuziehen, denen westdeutsche Schriftsteller sich nie &#8222;so&#8220; stellen mussten. Denn, dass einer im &#8222;Reich des B\u00f6sen&#8220; nicht selber b\u00f6se wurde, dass mag sich auch heute kaum jemand vorstellen k\u00f6nnen oder wollen. Im Westen herrschte ja immer die Ariel-Reinheit der Kunst oder der perfekte Persilschein. Wir, die entnazifizierten, wir konnten uns duch unsere T\u00e4tigkeit nie beschmutzen. Aber die anderen, dr\u00fcben, die hatten sowieso, so und so Dreck am Stecken. Jaja, so einfach ist das.<\/p>\n<p>Also, jener Franz F\u00fchmann schrieb zwischen 1982 und 1984 ein St\u00fcck mit Musik, Alkestis, dessen pr\u00e4ziser Titel  lautet:<br \/>\n<!--break--><br \/>\n<cite>Alkestis. St\u00fcck mit Musik in einem ersten Akt, einem zweiten Akt, zwei dritten Akten und einem Vorspiel. <\/p>\n<p>Dazu = Delizi\u00f6s-verkl\u00e4rte Varianten zur Hintergrundforschung mythologisch bedingter Tr\u00e4ume bzw. Landschaften im Weltbild antiker Dramen oder so = F\u00fcnf Ostraka-Palimpseste aus dem Kramladen der Antike (in Aquatintamanier) von Heiner Ulrich, Hinstorff Verlag Rostock 1989.<\/cite><br \/>\nWarum ich das erw\u00e4hne. Dieses St\u00fcck ist leider nicht Bestandteil seiner Ausgabe der Gesammelten Schriften geworden. Aber dieses Werk kennt bestimmte Stellen, die so einfach wie schlagend sind. Die Projektion auf die DDR der Zeit liegt nahe, aber ebenso wirft sie ein Licht auf die Gegenwart. In der Rotfassung (es gibt auch eine Schwarzfassung, das Publikum h\u00e4tte per Scherbengericht zu entscheiden, welche Fassung gespielt wird) des Dritten Aktes beinhaltet den folgenden Passus.<br \/>\n<cite>Zeremonienmeister:<br \/>\nAls der C\u00e4sar der Skythen die Provinz Kimmerien erobert hatte und dort Wahlen ausschrieb, fragte man ihn, wieviel Stimmen seine Partei, die \u00bbPartei zum Wohl des Freien Volkes von Kimmerien\u00ab, wohl erwarten d\u00fcrfe, und da gab er die ber\u00fchmtgewordene Antwort: Bei wirklich freien Wahlen zwei, drei Prozent, aber mit ein gaaaanz klein bi\u00dfchen Druck achtundneunzigkommasieben \u0085 <br \/>\nEbenda, S. 72 f. <\/cite><br \/>\nUnd zuvor sang der Stadtkommandant:<br \/>\n<cite>Wenn etwas nicht geht,<br \/>\nwie es gehen mu\u00df,<br \/>\nman hat alles versucht,<br \/>\ndoch es gab nur Verdru\u00df,<br \/>\ndann bleibt noch ein Mittel zu Schlu\u00df:<br \/>\nEin kleines bi\u00dfchen Druck,<br \/>\nund schon geht es mit Ruck-Zuck,<br \/>\nwie es gehen mu\u00df<br \/>\nzum guten Schlu\u00df!<br \/>\nEin kleines bi\u00dfchen Druck,<br \/>\nund es geht mit Ruck-Zuck!<br \/>\nHau ruck! <br \/>\n<i>a.a.O.<\/i><\/cite><br \/>\nErschienen ist Alkestis in der DDR, 1989 &#8212; nicht in der BRD! Was ich n\u00e4hers bedeutsam finde, ich bin ja ein Kind des Zonenrandgebietes und hatte daher Zugriff aufs DDR-Fernsehen, es sind kaum 15 Jahre vergangen, dass das Staatsgebiet von DDR und BRD wieder vereinigt sind, ist, dass man heute wieder geneigt ist, historische Erfahrungen und politische Entwicklungen \u00fcber einen Kamm zu scheren. Die DDR, das war &#8222;b\u00f6se&#8220; und zwar nur &#8222;b\u00f6se&#8220;, Stasi, Sie wissen schon und so, freie Wahlen (haha) und SED, das sein NSDAP mit anderen Mitteln gewesen. Wenn man dann aus westlicher Sicht einmal eintaucht in die Geschichte der DDR, sich mit den einzelnen Biographien besch\u00e4ftigt, mit den Verschiebungen, mit den Traurigkeiten und Freuden, mit den Verzweifelungen, dann durchbricht man den eisernen Block und die Mauern der Vorurteile. Die BRD war ja auch ebenso Franz-Josef Strau\u00df wie Rio Reiser, war Nazi-Richter (ist kein einziger jemals zur Rechenschaft gezogen worden) wie Gustav Heinemann, war Rot-Weiss-Essen-Fan wie Bayreuth-Besucher, war Rudi Dutschke wie Kiesinger.<br \/>\n<cite>&#8222;Der Amerikaner, der Columbus zuerst entdeckte, machte eine b\u00f6se Entdeckung.&#8220;<br \/>\n<i>Georg Christoph Lichtenberg<\/i><\/cite><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<div class=\"rightbox\"><%image(20040921-fuehmann.jpg|96|72|Franz F\u00fchmann - Mitte)%><\/div>\n<p>Er geh\u00f6rt zu den besten Autoren, die in der DDR gelebt haben. Franz F\u00fchmann, ein guter Mann. Als Jugendlicher war er ganz der Nazi-Propaganda auf den Leim gegangen, umerzogen in sowjetischen Lagern mauserte er sich zum Verteidiger des Sozialismus. Ab den 60er Jahren wurde er freier und freier &#8212; er setzte sich mit beispielsweise mit Trakl auseinander und bekam daf\u00fcr den Geschwister-Scholl-Preis. Am Ende war er engagiertes Mitglied der Friedensbewegung der DDR. Er starb 1984, die Stasi-Akte \u00fcber ihn wurde weit sp\u00e4ter geschlossen. F\u00fchmann geh\u00f6rt ganz sicher zu den integersten Personen, die der Schriftstellerberuf hevorgebracht hat.Er hat nie verleugnet, wof\u00fcr er einmal stand, er hat es nie entschuldigt. Er hat sich nie von seiner Biographie distanziert. Ja, solche Menschen gab es in der DDR. Ja, und wahr ist es, dass ich mich sch\u00e4men muss, es \u00fcberhaupt zu erw\u00e4hnen und einen Ma\u00dfstab heranzuziehen, denen westdeutsche Schriftsteller sich nie &#8222;so&#8220; stellen mussten. Denn, dass einer im &#8222;Reich des B\u00f6sen&#8220; nicht selber b\u00f6se wurde, dass mag sich auch heute kaum jemand vorstellen k\u00f6nnen oder wollen. Im Westen herrschte ja immer die Ariel-Reinheit der Kunst oder der perfekte Persilschein. Wir, die entnazifizierten, wir konnten uns duch unsere T\u00e4tigkeit nie beschmutzen. 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