{"id":822,"date":"2004-10-07T22:55:17","date_gmt":"2004-10-07T21:55:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/ach-was\/"},"modified":"2023-12-18T08:49:45","modified_gmt":"2023-12-18T07:49:45","slug":"ach-was","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2004\/10\/ach-was\/","title":{"rendered":"Ach was?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/weblog.plasticthinking.org\/item\/2004\/10\/7\/auch-wir-sind-das-volk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Moe<\/a> verweist auf eine &#8222;Pro-Hartz Anzeige einiger &#8220;Prominenter&#8222; Deutscher&#8220; in der kommenden SZ. Unter ihnen Leute wie Flimm, Luepertz, Grass, Glotz, selbst den Rechtsphilosophen und -gechichtler Uwe Wesel (den ich im Gegensatz zu den andern immer sehr gesch\u00e4tzt habe). Angeblich wird da drin stehen etwas wie: &#8222;Wir, die Initiatoren dieser Anzeige, w\u00e4hlten und w\u00e4hlen ganz unterschiedliche Parteien. Wir arbeiten in diesem Land, wir bezahlen Steuern in diesem Land, wir bekennen uns zu diesem Land. Wir haben das Jammern \u00fcber Deutschland satt.&#8220; Dann esst eben was anderes, verdammt. Aber ich m\u00f6chte den gar so gescheiten Herrschaften ein paar Worte ihres Kollegen Karl Jaspers mitgeben, die er in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel <i>&#8222;Werden wir richtig informiert?&#8220;<\/i> 1960 dem sog. freien Deutschland mit auf den Weg gab.<br \/>\n<cite>Vertrauen, das ist vielleicht ein Punkt, aus dem unser Schicksal bestimmt wird. Vertrauen darf nicht vorweg verlangt und nicht vorweg geleistet werden. In Deutschland h\u00f6re ich den Ruf nach Vertrauen seit Anfang dieses Jahrhunderts, vor den Kriegen, in den Kriegen, im Kaiserreich, in der Demokratie, im Nationalsozialismus. Dies Vertrauen ist nur zu gern entgegengebracht und fast immer betrogen worden. Im Vertrauen zur Regierung sich t\u00e4uschen zu lassen war bisher deutsches Schicksal und, weil Vertrauen doch freiwillig und so bequem ist, deutsche Schuld. Heute ist es sachgem\u00e4\u00df und notwendig, politisch Mi\u00dftrauen zu haben, solange bis jeweils eine Berechtigung zum Vertrauen erwiesen ist.<\/cite><br \/>\nJaspers ist absolut unverd\u00e4chtig, mit keinem Ton &#8222;links&#8220; oder &#8222;rechts&#8220; stehend. Er liebte einfach nur die Freiheit und die Menschen. Aber der Bundesrepublik hat er von Anfang an den Vorwurf nicht erspart, dass sie ein geg\u00e4ngeltes System ist: ein Staat n\u00e4mlich, dessen Bev\u00f6lkerung sich nie zu Grundgesetz oder zu einer Verfassung bekennen durfte. Das war anfangs sicher nicht ganz falsch (die erste freie Wahl in Wolfsburg bescherte der Nachfolgepartei der NSDAP einen fantastischen Sieg und die Wahl wurde annulliert &#8212; etwas, wenn ich b\u00f6sartig sein darf, was der Nachfolgepartei der SPD [der SPD] \u00fcbrigens nie gelang). <\/p>\n<p>Und nun frage ich, wie soll ich einem Staat oder einer Regierung vertrauen, die ihren B\u00fcrger nur Misstrauen entgegenbringt?  Spiegelt sich da nicht zuf\u00e4llig eine Situation, die &#8222;unsere Br\u00fcder und Schwestern im Osten&#8220; 1953 auch schon einmal hatten und so empfanden. Jaspers f\u00e4hrt fort:<br \/>\n<cite>Die Information durch die Presse, durch Zeitungen, Zeitschriften, B\u00fccher, Rundfunk hat dadurch eine schwere Aufgabe. Die Presse kann nicht bauen auf einer Vertrauensgrundlage. Sie mu\u00df fragen, weiterfragen, nachpr\u00fcfen, darf niemals schweigen. Wo sie aber einem absoluten Mi\u00dftrauen den Freibrief gibt, dem Mi\u00dftrauen des Mi\u00dftrauens wegen, daverf\u00e4llt sie dem Zynismus mit der Folge von Hoffnungslosigkeit und Gemeinheit. Das Mi\u00dftrauen reinigt die Luft, in deren Helle Deutsche frei werden k\u00f6nnen zur Umkehr. (\u0085)<br \/>\nWenn wir zwar noch nicht richtig informiert sind, so k\u00f6nnen wir doch, in der freien Welt, in gemeinsamer Verantwortung, auf die Wege gelangen, uns besser zu informieren und besser informiert zu werden.<\/cite><br \/>\nUnd das ist allemal was anderes als ein Abnicken von Entscheidungen sondern das Aufzeigen von Alternativen, zwischen denen man w\u00e4hlen kann. Doch die kann und darf nicht einzig darin bestehen, zu behaupten: &#8222;Entweder so oder gar nicht &#8212; oder Untergang.&#8220; Die Kritik an Hartz IV ist berechtigt, denn es ist keine Initiative nach vorn sondern nach unten \u00e4hnlich dem Ende der Titanic entweder im Schiff untergehen oder ins eiskalte Wasser springen. Ein paar konnten sich in Rettungsbote retten. Darauf l\u00e4uft es n\u00e4mlich hinaus, wenn es so bleibt wie es werden soll.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<a href=\"http:\/\/weblog.plasticthinking.org\/item\/2004\/10\/7\/auch-wir-sind-das-volk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Moe<\/a> verweist auf eine &#8222;Pro-Hartz Anzeige einiger &#8220;Prominenter&#8222; Deutscher&#8220; in der kommenden SZ. Unter ihnen Leute wie Flimm, Luepertz, Grass, Glotz, selbst den Rechtsphilosophen und -gechichtler Uwe Wesel (den ich im Gegensatz zu den andern immer sehr gesch\u00e4tzt habe). 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Dies Vertrauen ist nur zu gern entgegengebracht und fast immer betrogen worden. Im Vertrauen zur Regierung sich t\u00e4uschen zu lassen war bisher deutsches Schicksal und, weil Vertrauen doch freiwillig und so bequem ist, deutsche Schuld. Heute ist es sachgem\u00e4\u00df und notwendig, politisch Mi\u00dftrauen zu haben, solange bis jeweils eine Berechtigung zum Vertrauen erwiesen ist.<\/cite><br \/>\nJaspers ist absolut unverd\u00e4chtig, mit keinem Ton &#8222;links&#8220; oder &#8222;rechts&#8220; stehend. Er liebte einfach nur die Freiheit und die Menschen. Aber der Bundesrepublik hat er von Anfang an den Vorwurf nicht erspart, dass sie ein geg\u00e4ngeltes System ist: ein Staat n\u00e4mlich, dessen Bev\u00f6lkerung sich nie zu Grundgesetz oder zu einer Verfassung bekennen durfte. Das war anfangs sicher nicht ganz falsch (die erste freie Wahl in Wolfsburg bescherte der Nachfolgepartei der NSDAP einen fantastischen Sieg und die Wahl wurde annulliert &#8212; etwas, wenn ich b\u00f6sartig sein darf, was der Nachfolgepartei der SPD [der SPD] \u00fcbrigens nie gelang). <\/p>\n<p>Und nun frage ich, wie soll ich einem Staat oder einer Regierung vertrauen, die ihren B\u00fcrger nur Misstrauen entgegenbringt?  Spiegelt sich da nicht zuf\u00e4llig eine Situation, die &#8222;unsere Br\u00fcder und Schwestern im Osten&#8220; 1953 auch schon einmal hatten und so empfanden. Jaspers f\u00e4hrt fort:<br \/>\n<cite>Die Information durch die Presse, durch Zeitungen, Zeitschriften, B\u00fccher, Rundfunk hat dadurch eine schwere Aufgabe. Die Presse kann nicht bauen auf einer Vertrauensgrundlage. Sie mu\u00df fragen, weiterfragen, nachpr\u00fcfen, darf niemals schweigen. Wo sie aber einem absoluten Mi\u00dftrauen den Freibrief gibt, dem Mi\u00dftrauen des Mi\u00dftrauens wegen, daverf\u00e4llt sie dem Zynismus mit der Folge von Hoffnungslosigkeit und Gemeinheit. Das Mi\u00dftrauen reinigt die Luft, in deren Helle Deutsche frei werden k\u00f6nnen zur Umkehr. (\u0085)<br \/>\nWenn wir zwar noch nicht richtig informiert sind, so k\u00f6nnen wir doch, in der freien Welt, in gemeinsamer Verantwortung, auf die Wege gelangen, uns besser zu informieren und besser informiert zu werden.<\/cite><br \/>\nUnd das ist allemal was anderes als ein Abnicken von Entscheidungen sondern das Aufzeigen von Alternativen, zwischen denen man w\u00e4hlen kann. Doch die kann und darf nicht einzig darin bestehen, zu behaupten: &#8222;Entweder so oder gar nicht &#8212; oder Untergang.&#8220; Die Kritik an Hartz IV ist berechtigt, denn es ist keine Initiative nach vorn sondern nach unten \u00e4hnlich dem Ende der Titanic entweder im Schiff untergehen oder ins eiskalte Wasser springen. Ein paar konnten sich in Rettungsbote retten. Darauf l\u00e4uft es n\u00e4mlich hinaus, wenn es so bleibt wie es werden soll.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moe verweist auf eine &#8222;Pro-Hartz Anzeige einiger &#8220;Prominenter&#8222; Deutscher&#8220; in der kommenden SZ. Unter ihnen Leute wie Flimm, Luepertz, Grass, Glotz, selbst den Rechtsphilosophen und -gechichtler Uwe Wesel (den ich im Gegensatz zu den andern immer sehr gesch\u00e4tzt habe). 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