{"id":8750,"date":"2018-03-31T19:14:40","date_gmt":"2018-03-31T17:14:40","guid":{"rendered":"https:\/\/musikunrat.de\/?p=845"},"modified":"2018-03-31T19:14:40","modified_gmt":"2018-03-31T17:14:40","slug":"kein-echo-aus-der-echokammer-der-musikindustrie-oder-ueber-die-deutsche-mehrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2018\/03\/kein-echo-aus-der-echokammer-der-musikindustrie-oder-ueber-die-deutsche-mehrheit\/","title":{"rendered":"Kein ECHO aus der Echokammer der Musikindustrie. Oder: \u00dcber die deutsche Mehrheit"},"content":{"rendered":"<p>Der Musikpreis der Musikindustrie, der Echo, der hat jetzt sogar eine eigene Seite mit Fragen und Antworten. Man ist bem\u00fcht um Aufkl\u00e4rung. Viele Frage werden in den sozialen Netzwerken ja auch immer wieder gestellt und da kann man bequemerweise nun auf strukturierte Antworten verweisen. Die Antworten sind durchaus heiter im Tonfall. Man muss die sozialen Mediennutzer da abholen wo sie sind. N\u00e4mlich bei ihrer tippfritzeligen sturmerprobten Nervosit\u00e4t. Die Idee ist gut. <a href=\"http:\/\/www.echopop.de\/pop-q-a\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Durchf\u00fchrung ist eigenartig<\/a>.<\/p>\n<p>So lautet die Antwort auf die Frage bzw. These:<strong>\u00a0Letztendlich geht es doch nur um reinen Kommerz. <\/strong>[Das ist so abgr\u00fcndig wie allt\u00e4glich formuliert &#8220;doch&#8221; &#8220;nur&#8221; &#8220;reiner Kommerz&#8221; &#8211; als g\u00e4be es doch auch mindestens der unreinen Kommerz.]<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Ja genau und das im positivsten aller Sinne! Unsere Gewinner und Nominierten sprechen die breite Masse an \u2013 die deutsche Mehrheit, um genau zu sein. Das bringt sie an die Spitze der Charts und damit in unsere Shortlist. Manch einer nennt es Kommerz, wir nennen es Erfolg. Und wir finden, Musiker sollen f\u00fcr ihren Erfolg belohnt werden, alles andere w\u00e4re brotlos und von Luft &amp; Liebe allein wird niemand satt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ein mentaler Br\u00fcckenbau der &#8220;Sinne&#8221; sondergleichen. Kommerz ist Kommerz, weil Kommerz Kommerz ist. Wer erfolgreich ist, hat eine breite Masse zur Grundlage (n\u00e4mlich die deutsche Mehrheit) \u2013 dazu gleich! \u2013 und Erfolg muss nat\u00fcrlich belohnt werden (gemeint ist aber: sollte nicht bestraft werden). Denn wer erfolglos ist, ist auch wahrscheinlich brotlos und muss von Luft &amp; Liebe sattwerden. Ja, so etwa \u2013 k\u00f6nnte auch von Jens Spahn sein.<\/p>\n<p>Speziell die &#8220;deutsche Mehrheit&#8221; sollte aber schon mal genauer unter die Lupe genommen werden. Wo ist sie, die deutsche Mehrheit eigentlich? Ist das die, die als Masse immer breit ist? Gemeint d\u00fcrfte sein: die h\u00f6chste Zahl von K\u00e4ufern von &#8220;Musik&#8221; in Deutschland (ob physisch oder latent unphysisch-digital). Nat\u00fcrlich werden dabei auch die mitgez\u00e4hlt, die nicht &#8220;deutsch&#8221; in ihren &#8220;Dokumenten&#8221; stehen haben. Aber man muss die Sache ja nicht unn\u00f6tig kompliziert machen. Ich verstehe das. Mit etwas Reduktion will man etwas sagen, was jedes nat\u00fcrlich dem Lesestrom folgende Individuum implizit auch versteht.<\/p>\n<p>Um das &#8220;Deutsche&#8221; muss man sich keine Sorgen machen. Eher um die Mehrheit. Denn das impliziert eine Mehrheit. Es gibt Mehrheiten mit mehr oder mit weniger Mehrheiten. Auf jeden Fall sind mehr immer mehr als wenigere. Aber Vorsicht: Im Sprachgebrauch kennt man das von Abstimmungen oder Wahlen her. Der Antrag fand keine Mehrheit. Da geht es um absolute oder relative Mehrheiten.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Die Gewinner und Nominierten sprechen die deutschen Mehrheiten an.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>So lie\u00dfe sich das mal eink\u00fcrzen. Das ist jetzt: Nicht wirklich was Neues. Man wird davon ausgehen k\u00f6nnen, dass die meisten K\u00fcnstler gerne eigentlich fast jeden ansprechen wollen &#8211; und nur selten auch mal wen explizit nicht ansprechen. So wird das leider nix. Da ist ein Fehler. Mit &#8220;Ansprechen&#8221; wird hier sicher ein &#8220;f\u00fchlen sich angesprochen&#8221;gemeint sein. F\u00fchlen sich angesprochen \u00e4u\u00dfert sich wie: Dass man die Musik kauft, um sie anzuh\u00f6ren, auf physischem Tontr\u00e4ger oder am Streamingdienst virulent-latent ihr sein Ohr leiht. Ein Mehrheit bedeutet in diesem Zusammenhang aber nicht, dass es mehr w\u00e4ren, die diesen Kaufschritt t\u00e4tigen im Gegensatz zu denen, die die Sachen nicht gekauft haben. Aber!:! Auszuschlie\u00dfen ist das nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_848\" aria-describedby=\"caption-attachment-848\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/kiz-geldfressen_c_hufner.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-848\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/kiz-geldfressen_c_hufner.jpg?resize=1024%2C674&#038;ssl=1\" alt=\"Erfolg ist relativ. Foto: Hufner\" width=\"1024\" height=\"674\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-848\" class=\"wp-caption-text\">Erfolg ist relativ. Foto: Hufner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die deutschen Mehrheiten sind gew\u00f6hnlich ebenso [deutsche] Minderheiten. Und die erfolgreichen K\u00fcnstler sind eben finanziell erfolgreich, relativ zu anderen K\u00fcnstler, die das nicht sind. Und das ist eben Kommerz. Aber eben doch nicht zwingend im &#8220;positivsten Sinne&#8221;. Sondern im Sinn der Konstruktion einer Musikindustrie. Das ist nicht toll, das ist nicht schlimm. Das ist meistens v\u00f6llig egal.<\/p>\n<p>Nicht ganz: Aber Kritik am &#8220;Kommerz&#8221; ist immer auch etwas billig. Kommerz kommt ja wo her und ist keine Erfindung der b\u00f6sen kapitalistischen Industrie! Deshalb noch ein Wort zu Sonntag von TWA in Sachen Kommerz und so.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Und als Wort zum Sonntag:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Indem sie [die Kulturkritik, MH] jedoch bei der Verfilzung von Kultur mit dem Kommerz stehenbleibt, hat sie an der Flachheit teil. Sie verf\u00e4hrt nach dem Schema der reaktion\u00e4ren Sozialkritiker, die das schaffende gegen das raffende Kapital ausspielen. W\u00e4hrend aber in der Tat alle Kultur am Schuldzusammenhang der Gesellschaft teilhat, fristet sie ihr Dasein doch nur, wie, der \u203aDialektik der Aufkl\u00e4rung\u2039 zufolge, der Kommerz, von dem in der Produktionssph\u00e4re bereits ver\u00fcbten Unrecht.&#8221;<br \/>\n[Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I\/II: Kulturkritik und Gesellschaft. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 7402 (vgl. GS 10.1, S. 19)]<\/p><\/blockquote>\n<p>Und wie man sich das vielleicht vorzustellen hat, sagt Adorno an anderer Stelle zu Mahlers Musik:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Nicht trotz des Kitschs, zu dem sie sich neigt, ist Mahlers Musik gro\u00df, sondern indem ihre Konstruktion dem Kitsch die Zunge l\u00f6st, die Sehnsucht entbindet, welche der Kommerz blo\u00df ausbeutet, dem der Kitsch dient.&#8221;<br \/>\n[Band 13: Die musikalischen Monographien: II Ton. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 10640 (vgl. GS 13, S. 189)]<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Musikpreis der Musikindustrie, der Echo, der hat jetzt sogar eine eigene Seite mit Fragen und Antworten. Man ist bem\u00fcht um Aufkl\u00e4rung. Viele Frage werden in den sozialen Netzwerken ja auch immer wieder gestellt und da kann man bequemerweise nun auf strukturierte Antworten verweisen. Die Antworten sind durchaus heiter im Tonfall. 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