{"id":897,"date":"2004-11-16T04:59:00","date_gmt":"2004-11-16T03:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/wordpress\/blog\/to-whom-it-may-concern-ii\/"},"modified":"2023-12-18T08:49:29","modified_gmt":"2023-12-18T07:49:29","slug":"to-whom-it-may-concern-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kritische-masse.de\/logbuch\/2004\/11\/to-whom-it-may-concern-ii\/","title":{"rendered":"To whom it may concern II"},"content":{"rendered":"<p>Auch das hatte Kierkegaard recht fein herausgearbeitet und pointiert. Das Wesen der Kritik mal anders:<br \/>\n<cite>Der beste Beweis, der sich f\u00fcr die J\u00e4mmerlichkeit des Daseins f\u00fchren l\u00e4\u00dft, ist der, den man aus der Betrachtung seiner Herrlichkeit herleitet.<\/cite><br \/>\nDer geneigte Leser der &#8222;Kritische Masse&#8220; mag sich da langsam fragen. &#8222;Mein lieber Hufi, was ist denn nur mit dir los. Warum tust du dir diesen D\u00e4nen an? Diesen waschechten Jammerlappen aus Sm\u00f6rreland und Selbstmordistan?&#8220; [Ich glaube, die D\u00e4nen haben sich da sehr verbessert, heute bringt man sich eher im Baltikum selbst um die Ecke.] <br \/>\nNun Jungs und M\u00e4dels, die Antwort ist recht einfach. Der D\u00e4ne spinnt &#8212; also genauer: Dieser D\u00e4ne spinnt, wie es nur ein literarisch f\u00fchliger Mensch tun kann. Der Autor, nun eben der S\u00f6ren Kierkegaard, der war ja selbst nicht so \u00fcbellaunig, sondern vor allem gallig. Das Genre des Aphorismus, das er in den Diapsalmata (so habe ich mir diese griechische Fitzelei am Seitenkopf transliteriert) ausprobiert ist ja voll von Hasenschl\u00e4gen und k\u00fcrzesten Verkehrungen. Man ist nachher nicht schlauer, auch wenn einem am Anfang alles spontan klar ist. Anfangs sagt man sich: &#8222;Naja, klar doch, stimmt &#8212; sch\u00f6n gesagt.&#8220; Und kramt man dann herinnen herum, dann werden diese Aphorismen sowohl zu Supernovae wie zu schwarzen L\u00f6chern. Plumps, sagte ich da nur. Eben war da doch noch ein Sinn. Und nu?<br \/>\n<!--break--><br \/>\nAber manchmal sinds auch nur Lebensweisheiten, h\u00fcbsch ausgedacht, wie der n\u00e4chste Aphorismus:<br \/>\n<cite>Die meisten Menschen hasten so sehr dem Genusse nach, da\u00df sie an ihm vor\u00fcberhasten. Es geht ihnen wie jenem Zwerg, der eine entf\u00fchrte Prizessin in seinem Schlo\u00df bewachte. Eines Tages hielt er ein Mittagsschl\u00e4fchen. Als er nach einer Stunde erwachte, war sie fort. Geschwind zieht er seine Siebenmeilenstiefel an; mit einem Schritt ist er weit an ihr vor\u00fcber.<\/cite><br \/>\nKlingt ja alles zun\u00e4chst plausibel. Aber wer von uns ist denn ein Zwerg, der eine Prinzessin bewacht (die er selbst entf\u00fchrt hat?; wer anders entf\u00fchrt hat?). Und: Was hat das mit dem Genuss zu tun. Braucht der Kierkegaard die Siebenmeilenstiefel doch nur zum Beleg seiner These vom Genuss nachhasten. Wo ist denn der Genuss an einer entf\u00fchrten Prinzessin? Sie zu bewachen und nicht zu pennen, gerade als Zwerg?  <\/p>\n<p>Kierkegaard ist dann aber wieder so schlau und sagt ja nicht: &#8222;alle&#8220; Menschen sondern nur &#8222;die meisten&#8220; Menschen. Tscha. Ich war nicht gemeint, soviel ist doch klar. Prima zum Zur\u00fcckzug. Aber, so h\u00f6re die Leser bl\u00f6ken: &#8222;Hufi, warum denn dann?&#8220;<\/p>\n<p>Das will ich wohl sagen. Ich beziehe mich dabei auf die Einleitung Theodor W. Adornos zu Heinz Kr\u00fcgers &#8222;\u00dcber den Aphorismus als philosophische Form&#8220; [M\u00fcnchen 1988] Adorno schreibt dort, selbst ganz aphoristisch den Pfeil f\u00fchrend:<br \/>\n<cite>Der Aphorismus verwendet Sprache und Wissensprinzipien nicht so, wie sie sich von sich aus meinen: er macht sie uneigentlich und sich selber fremd. Er ist das entfaltete Nichtwissen, das die \u00e4u\u00dferste Reflexion des Wissens voraussetzt. \u0085 Er zielt auf die Negation abschlu\u00dfhaften Denkens; er terminiert nicht im Urteil, sondern ist die konkrete Gestalt, in der die Bewegung des Begriffs sich darstellt, der des Systems sich entschlug. (S. 8)<\/cite><br \/>\nDas versteht jetzt zwar auch keiner, nicht mal ich, aber ein paar Teile leuchten sofort ein. Der &#8222;gute&#8220; Aphorismus macht nicht &#8222;peng&#8220; oder &#8222;puff&#8220; und weg isser, sondern er ist wie ein leises Gift, welches sich durch die Gedanken bohrt und affiziert. <\/p>\n<p>Kr\u00fcger hat nat\u00fcrlich auch dazu etwas zu sagen, und das ist gar nicht mal schlecht. Ich hatte es mir nicht gemerkt. Aber die etymologische Wurzel soll auf Hippokrates zur\u00fcckgehen, der wohl medizinische Lehrs\u00e4tze so nannte (\u00bbaphorismoi\u00ab), die gegen die Tempelmedizin standen und wohl auch mit seinem Lehrer <a href=\"http:\/\/www.kritische-masse.de\/blog\/item\/551\">Gorgias<\/a> zu tun haben. Im 12. Jahrhundert greift dies ein Joannes de Mediolano seine \u00e4rztlichen Vorschriften im Form metrischer \u00bbaphorismis\u00ab zusammen. Die begannen mit dem weltbekannten: &#8222;Vita brevis, ars longa \u0085&#8220; (was ich immer dachte, von Baudelaire stammt). Aber klar, konnte eigentlich nicht sein. <\/p>\n<p>Sch\u00f6n endet Kr\u00fcgers Abhandlung mit einem Aphorismus des Meisters Nietzsche aus der &#8222;Fr<strike>\u00fc<\/strike>\u00f6hlichen Wissenschaft&#8220;, der wundersch\u00f6n ist und lange anh\u00e4lt:<br \/>\n<cite>Meine Gedanken, sagte der Wanderer zu seinem Schatten, sollen mir anzeigen, wo ich stehe: aber sie sollen mir nicht verraten, <i>wohin ich gehe.<\/i> Ich liebe die Ungewissheit um die Zukunft und will nicht an der Ungeduld und dem Vorwegkosten verhei\u00dfener Dinge zugrunde gehen.<\/cite><br \/>\n<!--more--><br \/>\nAuch das hatte Kierkegaard recht fein herausgearbeitet und pointiert. Das Wesen der Kritik mal anders:<br \/>\n<cite>Der beste Beweis, der sich f\u00fcr die J\u00e4mmerlichkeit des Daseins f\u00fchren l\u00e4\u00dft, ist der, den man aus der Betrachtung seiner Herrlichkeit herleitet.<\/cite><br \/>\nDer geneigte Leser der &#8222;Kritische Masse&#8220; mag sich da langsam fragen. &#8222;Mein lieber Hufi, was ist denn nur mit dir los. Warum tust du dir diesen D\u00e4nen an? Diesen waschechten Jammerlappen aus Sm\u00f6rreland und Selbstmordistan?&#8220; [Ich glaube, die D\u00e4nen haben sich da sehr verbessert, heute bringt man sich eher im Baltikum selbst um die Ecke.] <br \/>\nNun Jungs und M\u00e4dels, die Antwort ist recht einfach. Der D\u00e4ne spinnt &#8212; also genauer: Dieser D\u00e4ne spinnt, wie es nur ein literarisch f\u00fchliger Mensch tun kann. Der Autor, nun eben der S\u00f6ren Kierkegaard, der war ja selbst nicht so \u00fcbellaunig, sondern vor allem gallig. Das Genre des Aphorismus, das er in den Diapsalmata (so habe ich mir diese griechische Fitzelei am Seitenkopf transliteriert) ausprobiert ist ja voll von Hasenschl\u00e4gen und k\u00fcrzesten Verkehrungen. Man ist nachher nicht schlauer, auch wenn einem am Anfang alles spontan klar ist. Anfangs sagt man sich: &#8222;Naja, klar doch, stimmt &#8212; sch\u00f6n gesagt.&#8220; Und kramt man dann herinnen herum, dann werden diese Aphorismen sowohl zu Supernovae wie zu schwarzen L\u00f6chern. Plumps, sagte ich da nur. Eben war da doch noch ein Sinn. Und nu?<br \/>\n<!--break--><br \/>\nAber manchmal sinds auch nur Lebensweisheiten, h\u00fcbsch ausgedacht, wie der n\u00e4chste Aphorismus:<br \/>\n<cite>Die meisten Menschen hasten so sehr dem Genusse nach, da\u00df sie an ihm vor\u00fcberhasten. Es geht ihnen wie jenem Zwerg, der eine entf\u00fchrte Prizessin in seinem Schlo\u00df bewachte. Eines Tages hielt er ein Mittagsschl\u00e4fchen. Als er nach einer Stunde erwachte, war sie fort. Geschwind zieht er seine Siebenmeilenstiefel an; mit einem Schritt ist er weit an ihr vor\u00fcber.<\/cite><br \/>\nKlingt ja alles zun\u00e4chst plausibel. Aber wer von uns ist denn ein Zwerg, der eine Prinzessin bewacht (die er selbst entf\u00fchrt hat?; wer anders entf\u00fchrt hat?). Und: Was hat das mit dem Genuss zu tun. Braucht der Kierkegaard die Siebenmeilenstiefel doch nur zum Beleg seiner These vom Genuss nachhasten. Wo ist denn der Genuss an einer entf\u00fchrten Prinzessin? Sie zu bewachen und nicht zu pennen, gerade als Zwerg?  <\/p>\n<p>Kierkegaard ist dann aber wieder so schlau und sagt ja nicht: &#8222;alle&#8220; Menschen sondern nur &#8222;die meisten&#8220; Menschen. Tscha. Ich war nicht gemeint, soviel ist doch klar. Prima zum Zur\u00fcckzug. Aber, so h\u00f6re die Leser bl\u00f6ken: &#8222;Hufi, warum denn dann?&#8220;<\/p>\n<p>Das will ich wohl sagen. Ich beziehe mich dabei auf die Einleitung Theodor W. Adornos zu Heinz Kr\u00fcgers &#8222;\u00dcber den Aphorismus als philosophische Form&#8220; [M\u00fcnchen 1988] Adorno schreibt dort, selbst ganz aphoristisch den Pfeil f\u00fchrend:<br \/>\n<cite>Der Aphorismus verwendet Sprache und Wissensprinzipien nicht so, wie sie sich von sich aus meinen: er macht sie uneigentlich und sich selber fremd. Er ist das entfaltete Nichtwissen, das die \u00e4u\u00dferste Reflexion des Wissens voraussetzt. \u0085 Er zielt auf die Negation abschlu\u00dfhaften Denkens; er terminiert nicht im Urteil, sondern ist die konkrete Gestalt, in der die Bewegung des Begriffs sich darstellt, der des Systems sich entschlug. (S. 8)<\/cite><br \/>\nDas versteht jetzt zwar auch keiner, nicht mal ich, aber ein paar Teile leuchten sofort ein. Der &#8222;gute&#8220; Aphorismus macht nicht &#8222;peng&#8220; oder &#8222;puff&#8220; und weg isser, sondern er ist wie ein leises Gift, welches sich durch die Gedanken bohrt und affiziert. <\/p>\n<p>Kr\u00fcger hat nat\u00fcrlich auch dazu etwas zu sagen, und das ist gar nicht mal schlecht. Ich hatte es mir nicht gemerkt. Aber die etymologische Wurzel soll auf Hippokrates zur\u00fcckgehen, der wohl medizinische Lehrs\u00e4tze so nannte (\u00bbaphorismoi\u00ab), die gegen die Tempelmedizin standen und wohl auch mit seinem Lehrer <a href=\"http:\/\/www.kritische-masse.de\/blog\/item\/551\">Gorgias<\/a> zu tun haben. Im 12. Jahrhundert greift dies ein Joannes de Mediolano seine \u00e4rztlichen Vorschriften im Form metrischer \u00bbaphorismis\u00ab zusammen. Die begannen mit dem weltbekannten: &#8222;Vita brevis, ars longa \u0085&#8220; (was ich immer dachte, von Baudelaire stammt). Aber klar, konnte eigentlich nicht sein. <\/p>\n<p>Sch\u00f6n endet Kr\u00fcgers Abhandlung mit einem Aphorismus des Meisters Nietzsche aus der &#8222;Fr<strike>\u00fc<\/strike>\u00f6hlichen Wissenschaft&#8220;, der wundersch\u00f6n ist und lange anh\u00e4lt:<br \/>\n<cite>Meine Gedanken, sagte der Wanderer zu seinem Schatten, sollen mir anzeigen, wo ich stehe: aber sie sollen mir nicht verraten, <i>wohin ich gehe.<\/i> Ich liebe die Ungewissheit um die Zukunft und will nicht an der Ungeduld und dem Vorwegkosten verhei\u00dfener Dinge zugrunde gehen.<\/cite><\/p>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=To%20whom%20it%20may%20concern%20II https%3A%2F%2Fwww.kritische-masse.de%2Flogbuch%2F2004%2F11%2Fto-whom-it-may-concern-ii%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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Das Wesen der Kritik mal anders: Der beste Beweis, der sich f\u00fcr die J\u00e4mmerlichkeit des Daseins f\u00fchren l\u00e4\u00dft, ist der, den man aus der Betrachtung seiner Herrlichkeit herleitet. Der geneigte Leser der &#8222;Kritische Masse&#8220; mag sich da langsam fragen. &#8222;Mein lieber Hufi, was ist denn nur [&hellip;]<\/p>\n<div class=\"shariff\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#563ACC\"><a href=\"https:\/\/s2f.kytta.dev\/?text=To%20whom%20it%20may%20concern%20II https%3A%2F%2Fwww.kritische-masse.de%2Flogbuch%2F2004%2F11%2Fto-whom-it-may-concern-ii%2F\" title=\"Bei Mastodon teilen\" aria-label=\"Bei Mastodon teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#6364FF; color:#6364FF\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"fill:#6364FF\"><svg width=\"75\" height=\"79\" viewBox=\"0 0 75 79\" fill=\"none\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\"><path d=\"M37.813-.025C32.462-.058 27.114.13 21.79.598c-8.544.621-17.214 5.58-20.203 13.931C-1.12 23.318.408 32.622.465 41.65c.375 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