Am 22. Dezember ist in St. Petersburg die russische Komponistin Galina Ustwolskaja
Dies kann nur auf der Stufe der persönlichen Anschauung geschehen, auch wenn ich sie selbst leider nie kennen lernen konnte. Für mich ist Galina Ustwolskaja ein ebenso kompositorisches Phänomen wie es selten andere gibt. Mir fallen da nur John Cage, Iannis Xenakis oder Claude Vivier ein. Natürlich war Ustvolskaja einmal Schülerin von Schostakowitsch, dessen 100. Geburtstag wir dieses Jahr hätten feiern können, aber meines Erachtens verfehlt der Bezug zu Schostakowitsch die wesentlichen Dinge, die nur der Ustwolskaja eigen waren. Ich lernte ihre Musik über ein paar Klaviersonaten kennen, deren klangliche und zeitstrukturelle Radikalität mich fesselte, vom ersten Ton an. Ich vernahm hier nichts von einer musikalischen Diskursivität oder einer Art auf ein Ziel gerichteter Aktivität. Sie kam mir vor wie eine zugleich grob und doch extrem präzise behauene Skulptur aus Musik. Die gefühlte Temperatur der Radikalität reicht an die Fusionswärme. Natürlich sind da die krassen Lautheitsunterschiede in kürzester Zeit, natürlich sind da auch die ungewöhnlichen und extremen Besetzungen der Sinfonie genannten Werke. (Ich habe schon einmal darauf hingewiesen.)
Ich bin heute den ganzen Tag mit dem Gedanken an diese Komponistin herum gelaufen. Wie kann man sie würdigen ohne sie zu würgen durch Sprache. Mir fiel ein, ihr Tun und Komponieren als „beherzt“ zu bezeichnen — beherzt in all seiner Bedeutungsvielfalt.
In ihrer Musik wird zu einer Selbstverständlichkeit, dass es eben keine Selbstverständlichkeit mehr gibt, keine des musikalischen Aufbaus oder der Konstruktion. Das besagt nichts dagegen über die Verständlichkeit der ihrer Musik. Klänge es nicht beinahe schändlich, wäre es kein Problem zu sagen, ihre Verständlichkeit sei unmittelbar. Vielleicht sogar so unmittelbar, dass sie gerade deshalb Unverständnis hervorrufen müsste. Man versteht diese Musik eben einfach zu gut. Ihr „Misterioso“ liegt in der Klarheit, ihre Tiefe in der Unanalysierbarkeit. (Wobei man das bitte nicht pejorativ missverstehe). Auch das gehört zur Beherztheit dieser Musik: Sie ist verstecklos, kein Schleier musikalischer Beliebigkeit bietet da Schutz. Dies zu wagen, dies immer wieder gewagt zu haben, alles um den Preis (der freilich nie einer war, den es anzustreben gelten würde) der Absenz im marketinggeschwängerten Musikbetrieb, dies alles machte und macht sie zu einer der ganz seltenen ästhetisch und persönlich integeren Personen der Zeit- und Musikgeschichte.
Nachtrag: Die angeblichen Top-News aus Kunst&Kultur heute. Vielleicht kann man so „noch besser“ verstehen, warum man sich besser abwenden sollte. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass es Menschen wie die Ustwolskaja überhaupt geben konnte.
Am 22. Dezember ist in St. Petersburg die russische Komponistin Galina Ustwolskaja
Dies kann nur auf der Stufe der persönlichen Anschauung geschehen, auch wenn ich sie selbst leider nie kennen lernen konnte. Für mich ist Galina Ustwolskaja ein ebenso kompositorisches Phänomen wie es selten andere gibt. Mir fallen da nur John Cage, Iannis Xenakis oder Claude Vivier ein. Natürlich war Ustvolskaja einmal Schülerin von Schostakowitsch, dessen 100. Geburtstag wir dieses Jahr hätten feiern können, aber meines Erachtens verfehlt der Bezug zu Schostakowitsch die wesentlichen Dinge, die nur der Ustwolskaja eigen waren. Ich lernte ihre Musik über ein paar Klaviersonaten kennen, deren klangliche und zeitstrukturelle Radikalität mich fesselte, vom ersten Ton an. Ich vernahm hier nichts von einer musikalischen Diskursivität oder einer Art auf ein Ziel gerichteter Aktivität. Sie kam mir vor wie eine zugleich grob und doch extrem präzise behauene Skulptur aus Musik. Die gefühlte Temperatur der Radikalität reicht an die Fusionswärme. Natürlich sind da die krassen Lautheitsunterschiede in kürzester Zeit, natürlich sind da auch die ungewöhnlichen und extremen Besetzungen der Sinfonie genannten Werke. (Ich habe schon einmal darauf hingewiesen.)
Ich bin heute den ganzen Tag mit dem Gedanken an diese Komponistin herum gelaufen. Wie kann man sie würdigen ohne sie zu würgen durch Sprache. Mir fiel ein, ihr Tun und Komponieren als „beherzt“ zu bezeichnen — beherzt in all seiner Bedeutungsvielfalt.
In ihrer Musik wird zu einer Selbstverständlichkeit, dass es eben keine Selbstverständlichkeit mehr gibt, keine des musikalischen Aufbaus oder der Konstruktion. Das besagt nichts dagegen über die Verständlichkeit der ihrer Musik. Klänge es nicht beinahe schändlich, wäre es kein Problem zu sagen, ihre Verständlichkeit sei unmittelbar. Vielleicht sogar so unmittelbar, dass sie gerade deshalb Unverständnis hervorrufen müsste. Man versteht diese Musik eben einfach zu gut. Ihr „Misterioso“ liegt in der Klarheit, ihre Tiefe in der Unanalysierbarkeit. (Wobei man das bitte nicht pejorativ missverstehe). Auch das gehört zur Beherztheit dieser Musik: Sie ist verstecklos, kein Schleier musikalischer Beliebigkeit bietet da Schutz. Dies zu wagen, dies immer wieder gewagt zu haben, alles um den Preis (der freilich nie einer war, den es anzustreben gelten würde) der Absenz im marketinggeschwängerten Musikbetrieb, dies alles machte und macht sie zu einer der ganz seltenen ästhetisch und persönlich integeren Personen der Zeit- und Musikgeschichte.
Nachtrag: Die angeblichen Top-News aus Kunst&Kultur heute. Vielleicht kann man so „noch besser“ verstehen, warum man sich besser abwenden sollte. Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass es Menschen wie die Ustwolskaja überhaupt geben konnte.
2 Antworten
Ich danke Ihnen.
Sie haben
Ich danke Ihnen.
Sie haben die Worte gefunden, die ich nicht finden kann.
Welch ein Verlust.
Galina Ustvolskaya und Avet Terterian – die zwei Solitäre der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts …
Danke, was ein Text, ein
Danke, was ein Text, ein Verlust, wirklich.