21. Februar 2024 Die Masse lebt

Chamberlain, Akerman, Tillmanns, Fischli & Weiss [1996 – Kunstmuseum Wolfsburg]

Eigentlich gedacht für den Gießener Anzeiger. Leider nie erschienen. Eine Antwort habe ich nicht erhalten. Aber so schlecht war das nun wirklich nicht. Fotos in Schwarz/Weiss hatte ich auch dabei.

Passagiere in fremden und bekannten Welten

Zunächst sieht es aus, als habe das Volkswagenwerk lauter bunte Polo Harlekin durch eine Schrottpresse gejagt. Doch welche Presse wäre zu einer Arbeit fähig, die bei näherem Betrachten so zart verbiegt, so wundervoll knüllt und filigran ineinanderwebt? Daß es sich um menschliche Arbeit handelt ist offenbar. Die Arbeiten des Amerikaners John Chamberlain verteilen sich in der mächtigen Halle des Kunstmuseums Wolfsburg wie in einem japanischen Steingarten.

Die Gestalten haben ihr eigenes Gesicht, das man gleichermaßen von allen Seiten umschiffen darf. Nie sind sich die Skulpturen gleich: Das einfallende Licht bricht sich an diesen schweren Leichtgewichten immer neu. Selbst gegen diese Kontingenz bewahren die gefalteten und geschweißten, mal bunten, mal fast monochromen Werke ihre Eigenheit, so, als wäre das Wechselnde der Erscheinung miteingeplant. Dieses Wechselspiel aus Schwere und Leichtigkeit, aus Dynamik und Statik, Askese und Opulenz findet sich allenthalben. Hier ist man Passagier, wandelnd zwischen sich ständig erneuernden Objekten. Man folgt beispielsweise den Gondelskulpturen auf ihrer angedeuteten Reise zu den Toten, denen sie gewidmet sind, man möchte die kleineren Werke von ihrem Platz nehmen und in der Hand durchtasten.

Fischli & Weiss. Foto: Hufner
Fischli & Weiss. Foto: Hufner

Aus der Höhe hört man indes diverse Geräusche aus der Arbeitswelt. Auf der Empore des Kunstmuseums findet sich die neuerstandene Arbeit des Schweizerischen Künstlerpaares Fischli & Weiss mit dem Titel “Ohne Titel” (Venedig Tapes). Zwölf Monitore spielen jeweils achtstündige Videosequenzen, insgesamt also 96 Stunden Videomaterial. Das Werk, erstmals auf der XLVI. Biennale in Venedig gezeigt, widmet sich allem und nichts. Fischli/Weiss filmten mit der Handkamara diverse Sujets (Kindereishockey, Schneepflug, Landschaften, Diskotheken und weiter 120) manchmal samt der An- und Abfahrten zu diesen Ereignissen. Herausgekommen ist ein Bilderbogen, der durch nichts als die optische Präsentation zusammengehalten wird: ein Kaleidoskop des Arbeits- und Naturlebens, dicht nebeneinander, nie zugleich erfaßbar.

Während bei Fischli/Weiss das Panoptikum in der Behauptung der Tatsachen vor jeder Utopie besteht, blickt Chantal Akermans filmische Reise durch den Osten (von Deutschland über Polen nach Rußland) zwischen die Fakten. Akermans 107 Minuten langer Film “D’Est” fährt die Landschaften entlang, entlang auch an den Menschen. Das geschieht mit einer aufreizenden Langsamkeit, die den dargestellten Menschen ihre Würde läßt, so kalt und stumm ihre Gesichter zuweilen auch sein mögen. Die Kamara gleitet durch die Welt wie ein Flaneur, der alles in sich hineinzieht, aber nichts aus seinem Zusammenhang reißt. In einem zweiten Raum sind einige Filmsequenzen sich unablässig wiederholend nebeneinander gestellt. Acht Monitortryptichen konvertieren auf diese Weise das Nach- in ein Nebeneinander, sogar ein und derselben Szene. Allerdings ist die Installation des Filmes weniger konsistent, weniger herzlich als der langsame Film. Die mediale Technik zerreißt die sanfte Abtastung im Bewegungsprozeß des Films.

Die dritte Ausstellung im Zwischendeck des Nordflügels ist dem fotografischen Werk des 1968 in Remscheid geborenen Wolfgang Tillmans gewidmet. Tillmanns’ Fotografien finden sich vornehmlich in “Pop”ulären Zeitschriften wie “Prinz”, “Tempo” und “Spex”, neuerdings auch in der Süddeutschen Zeitung. Tillmans Blick ist geprägt von dem fotografischen Paradigmenwechsel des “Nicht ich will inszenieren, sondern die Gegenstände inszenieren sich für mich.” Und diese Einstellung macht dann auch klar, warum die genannten Zeitschriften gerne auf ihn zukommen: Er ist der Insider, dem gegenüber man bleibt, was man ist. Das darf als Stärke auffaßt werden, gewiß, nur museal wirken die Bilder sehr abstrakt und läppisch. Auch dem wollte Tillmans sich stellen, indem er die für ihn ungünstige Architektur der Räume durch eine hingeworfene Hängung der Bilder ad absurdum zu führen beabsichtigte. So sehr ihm das gelingt, so sehr gelingt es ihm auch, die Nichtigkeit seines Werks als originäre Kunst zu präsentieren.

Termine:

  • John Chamberlain: Current Works And Found Memories. Skulpturen und fotografische Arbeiten 1967-1995 (7.9.96-17.11.96)
  • Chantal Akerman: Bordering On Fiction: Chantal Akermans D’EST (7.9.96-19.1.97)
  • Wolfgang Tillmans: Wer Liebe wagt lebt morgen (7.9.96-17.11.96)
  • Peter Fischli/David Weiss: Ohne Titel – Venedig Tapes (Neuerwerbung)

 

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