22. Juni 2024 Die Masse lebt

Kunst und Autoritäre

Wenn man die Zeit zwischen 1900 und 1950 mit der heutigen vergleicht, meine ich, fällt auf, dass die aktuell Autoritären Rechten zwar eine ausgeprägte Leitkultur für sich entwickeln und diese zu ihrem Zusammenhalt extrem beiträgt, dass sie aber keine wirklich existente Kunst ihr Eigen nennen können. Anders als es im faschistischen Futurismus der Fall war, oder bei der dem Architektur- und Stadtbauwahnsinn im zur Zeit des Nationalsozialismus oder in der Sowjetunion.

Leitkultur ohne Kunst

Was an Literatur produziert wird und in Nähe dazu steht, ist ziemlich dürftig. Außer glanzlosen, vor bürokratischen Phrasen triefenden Manifesten ist da nichts zu holen. Vielleicht ist es sogar so, dass man den Bereich vor einer politischen Machtergreifung als potenziellen Konfliktherd ansieht, da man über Kunst ja nicht vernünftig streiten könne. Selbst den Krieg können sie nicht als Kunst für sich reklamieren, da sie einer absolut fadenscheinigen und verlogenen Form des Pazifismus huldigen, egal ob bei Bündnis Sahra Wagenknecht oder Alice Weidel-Höckes AfD. Damit betätigen sie sich nicht als Friedensengel, sondern als Ermutiger für Kriegszündler der Hausmarke Putin und Co.

Wenn man sich auf etwas zu berufen pflegt, dann ist es das historische Erbe, dessen Kontext aber vom Grundsatz her überhaupt nicht aktualisierbar ist. Man kann sich da nur dann noch ein bisschen bedienen, wenn diese Erbe sich als befleckt erweisen würde. Die postkoloniale Kritik an Kant und Co bietet damit immerhin eine halbwegs nutzbare Abbruchkante für Rechte Autoritäre. Umgekehrt ergießt sich die Kultur der Linksextremen in kolonialistischer Fürsorge und kultureller Folklore: Pali-Tücher ja, Rastalocken nein.

Parodiesysteme

Ein anderer Weg ist die Parodie des Vorhandenen. Man entwendet der Massenkunst und -kultur ihre Bestände und verwendet sie in anderen Zusammenhängen.

 

In dem aktuellen Fall von Gigi D’Agostinos „L’ Amour Toujours“ geschieht das auf Umwegen. Nämlich sicher nicht in der Absicht, durch eine Neutextierung programmatisch vorzugehen. Aber man nutzt den Streisand-Effekt der Öffentlichkeit, um diesen Poptrack sich einzuverleiben und damit auch zu stigmatisieren – Rückholungstendenzen sind gut gemeint, aber die emotionale Umbesetzung durch den neuen Text ist mit rationalen Mitteln nahezu unmöglich – man hört die neuen Untertitel noch lange Zeit mit; Gefühle sind langsamer als der Verstand, wusste schon Georg Simmel in seiner Soziologie.

Wie dieser Versuch, eine kulturelle Hegemonie durch die rechte Szene herzustellen, läuft, hatte ich mal 2007 mit Hilfe eines Blicks in die politische Literatur dargestellt. Die Sache ist nicht neu. Neu agieren aber Bewegungen jüngerer Art wie die bei den Identitären oder das Think-Pack um Götz Kubitschek, der ganz bezeichnenderweise um sich sogenannte „Mosaikrechte“ sammelt. Sein Institut für Staatspolitik wurde gerade aufgelöst. Er arbeitet an einer neuen Sammlungsbewegung.

Musikalischer Kulturkampf rechts

Die Rechten haben aus den gesamten Fehlern der Linken Gruppen gelernt, die sich in diverse Grüppchen in den 60er- bis 80er-Jahren verteilt hat. Die Linke hatte immer auch „Kunst“, aber ihrer Kultur war durch Selbstzerlegung bis zur Feindschaft problematisch. Ein wenig davon spürt man auch in der aktuellen übernationalen Differenzierung innerhalb der Linken, wenn im Europaparlament die AfD aus der Fraktion der Rechten geworfen wird. Die Rechten (und alle anderen Autoritären) formieren sich unter dem Prinzip des Führers, des Tribuns oder des Duce.

Enteignungstendenzen

Aber auffällig bleibt, dass anders als die Kultur, die sich am Mainstream bedient, die Kunst nicht erobert wird. Die Kunstszene ist zwar in Teilen global und lokal gesehen mit antisemitischen Motiven durchsetzt (was unerträglich immer schon war und immer wieder erneut ist), aber meistens kommen diese Stimmen aus dem eher Lager linker Verblendeter. Man könnte da aber erwarten, dass auch dieses Material für Autoritäre Kunst aus dem Spektrum der Rechtsextremen anschlussfähig werden kann als geradezu pervertierte Form einer als „kulturelle Enteignung“.


Erwähnte Texte und Literatur

 

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