Kultur-Kampf im Radio

Aus Anlass der Veränderungen in den sogenannten Kulturprogrammen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks scheint sich eine Bewegung in Gang zu setzen, die die deutsche Rundfunklandschaft in zwei Richtungen teilt. Auf der einen…

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Zugangsbarriere Plakat

<%popup(20040115-mdr-slogan-big.jpg|405|287|Plakatwerbung des MDR Figaro)%>

Jetzt bleibt eigentlich die Interpretation der Plakatwerbung von MDR FIGARO übrig. Ich weiß nicht recht, wen es ansprechen soll. Mir fehlt so ziemlich alles, was auf dem Plakat dargestellt ist. Habe weder ein weißes noch überhaupt ein Sofa, wohne nicht im Altbau mit den schönen Türen, habe auch keine Frau (weder eine so gekleidete noch überhaupt eine). Und meine Wohnung ist wesentlich unordentlicher. Andererseits konnte ich mir schon ein Regal leisten und muss mir ausgeliehene Bücher nicht neben dem Sofa auf dem Boden stapeln.

Sorgen macht mir auch die Sitzhaltung und Kleidung der Dame auf dem Bild. Bequem sitzen wird man das wohl kaum nennen dürfen. Geld für Heizung hat sie, denn frieren tut sie nicht – ist wohl zudem ein renovierter Altbau. Dann noch diese Handbewegung: Sehe ich da etwas wie Dirigieren, Mitfühlen? Oder wartet die Dame auf ein Gläschen guten Rotweins vom Hausherrn? Ist dieses angedeutete Lächeln und offensichtliche Ohrenspitzen nicht auch leicht ironischen Charakters? Oder ist das ein Lauern, wie beim Luchs. “Lauern wir mal MDR FIGARO – vielleicht kommt da im Laufe des Tages irgendwann doch noch mal Interessantes” Wie lange muss man da wohl lauern? Und ich finde auch, dass sie zugleich so komisch gekrümmt da sitzt, als ob sie Bauchweh habe. Überreizung des vegetativen Systems.

Das leicht angewinkelte linke Bein: Ich weiß es nicht zu deuten, bequem ist das auf Dauer jedenfalls nach eigener Sitzprobe nicht. Ein Schuss von Aktivität, eine Andeutung zu einer Übersprungshandlung – weil sie vielleicht doch den Sender wechseln will, zum Beispiel zu Klassik-Radio.

Ist das die mitteldeutsche Alltagskultur, die dargestellt wird? Eine einsame Frau, die ihre Wohnung prima in Schuss hält (bis auf die Bücher auf dem Boden) und sich dann MDR FIGARO gönnt, in einem typisch mitteldeutschen Morgenmantel?

Das Plakat wirft meines Erachtens mehr Fragen auf – und dann noch die Unterzeile: “Das Kultur-Radio”. Ist es am Ende vielleicht ein Bild einer Moderatorin im Sendekomplex des MDR? Dann verstehe ich zumindest die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Bei solchen Arbeitsbedingungen muss man die GEZ-Gebühren zwingend erhöhen.

Ich weiß nicht recht, welche Zielgruppe man mit so einem Plakat im Visier hat: Voyeure und überhaupt und sowieso. Normalerweise erwarte ich von so einem Plakat, dass man Hinweise erhält, wo es solche Sandalen, Hemdchen und Sofas gibt. Modefotografie eben. Aber Klassik-Radio macht ja jetzt auch im Fernsehen auf sich aufmerksam. Klassik-Radio – Modern Music.
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“Das Schöne lauert überall”

<%image(20040115-mdr-slogan.jpg|180|135|MDR - Das Schöne lauert überall)%>

Man könnte eigentlich die Sache mit dem MDR abhaken. Aus MDR KULTUR wurde MDR FIGARO. Wortreich haben die Verantwortlichen sich ihrer Verantwortung gestellt und damit selbstverständlich das gemacht, was sie machen sollten: Dem Einwand einer Entwortung des Programms etwas entgegen setzen.

Hörfunk-Chefin Barbara Molsen etwa: Man habe jetzt “auch das weite Feld der Alltagskultur im Blick. Zu dem Mode und Design genauso gehören wie Wohnen und Reisen, gutes Essen und Trinken oder das Gespräch mit interessanten Menschen.” Lassen wir es beim Trinken und Reisen. Wein (Rainer Damm, Barbara Friederici …) oder Reisen (Michaela Beddies, Vladimir Balzer …), gehören offenbar zu den Stärken dieser Truppe wenn man einmal die Selbstdarstellungen der Mitarbeiter dieser Welle durchgeht. Alles vereint in von der freien Mitarbeiterin Elgin Heuerding, (die als Interessen angibt: “Essen,Trinken,Reisen und vieles andere mehr”) bis zum Wellenleger Dr. Detlef Rentsch (der als Interessen notiert: “Musik, Sport, Reisen, Guter Wein”). Obwohl auch das schon wieder sehr witzig ist, dass so einer zwischen gutem und schlechtem Wein unterscheidet, bei Musik offenbar jedoch sich sowohl für gute wie schlechte Musik interessiert.

Man kann sich also fragen, hat man das Programm seiner Machern angepasst? Alles Rumreiser und Weinamseln?

Hörfunkchefin Molsen macht es sich dabei sehr einfach. Defizite werden nicht beklagt. Vom alten MDR KULTUR heißt es da: “Das alles bieten wir schon.” Also war MDR KULTUR nicht so schlecht gedacht. Aber leider ist KULTUR eine Eingangsbarriere, wie “Experten” wüssten. “Und die wollen wir mit dem neuen Namen MDR FIGARO beiseite schieben.” Also Problem so einfach beseitigt, dass man fast nicht drauf gekommen wäre.

Nun aber, wo man den neuen Namen hat, darf sie sagen: “Natürlich werden wir nicht nur den Namen, sondern auch das Programm verändern.” Na also, warum nur einen Schritt tun, wenn man zwei auf einmal machen kann. Eingangsbarriere niedergewälzt und Programm umstrukturiert. Aber das sei eben keinesfalls eine “Entwortung” des Programms. Im Gegenteil, es wird jetzt noch mehr gelabert. “Ganz im Gegenteil, keiner unserer Hörer muss ab Januar auf seine Sendung verzichten,” sagt sie. Und Logik verstehe, der mag. Frau Molsen zurück in den Schulfunk und nachlernen.

In der Programmzeitschrift “Triangel” ist man da offener, wenn der stellvertretende Musikchef sagt: Man mache einen “unterhaltsamen, positiv gefärbten Soundstream, der den Alltag freundlich zu umrahmen vermag”. Es gehe um ein “Nebeneinander heterogener Programmelemente in einem homogenenund stringenten Soundstream.”

Soundstream? Wolfgang Rihm hineingepackt in einen Soundstream. Oja, der arbeitet jetzt an seiner Komposition “Soundstream 1 bis 12”. Denn auch er möchte ja man gespielt werden, und Helmut Lachenmann auch (positiv gefärbte negative Musik?).

Ihr Weintrinker vom MDR, habt ihr da etwa zuviel vom Aldi-Schluckstream zu euch genommen? Positiv und rot gefärbt? Und seid ihr alle zu Pauschaltouristen des Hörfunks geworden, der euren tristen MDR-Alltag “freundlich zu umrahmen vermag?”

So wirds wohl sein. “Das Schnöde Schöne lauert überall.” Toller Werbeslogan.

Nachtrag 1: Unwort
Unter MDR FIGARO sucht das Unwort des Jahres kann man sein Unwort eintragen. Ich hätte da zwei: MDR FIGARO und SOUNDSTREAM.

Nachtrag 2: Die aktuelle Playlist von MDR FIGARO:
Mittwoch 14.01. | 13:51
Galopp (bearbeitet für Flöte, Oboe, 2 Klarinetten, 2 Hörner, 2 Fagotte und Kontr
Mittwoch 14.01. | 13:43
No smoke blues
Mittwoch 14.01. | 13:42
Dinner, Aus: Big night (Film, 1996)
Mittwoch 14.01. | 13:37
La ballata del fiume blu
Mittwoch 14.01. | 13:27
Mi amor

Welcher Sender? Klassik-Radio? Ähem, ne.

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Zugangsbarriere Plakat

Jetzt bleibt eigentlich die Interpretation der Plakatwerbung von MDR FIGARO übrig. Ich weiß nicht recht, wen es ansprechen soll. Mir fehlt so ziemlich alles, was auf dem Plakat dargestellt ist.…

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Kid Koala – Some of my best friends are djs

<%image(20040112-kid-koala.jpg|150|132|DjJ Koala - Some of my best friends are djs)%>

Turntablism einer ganz künstlichen Art. Der „Meister” selbst macht sich schon bei der Verpackung einen Riesenspaß, wenn er groß ins Innencover hineinschreibt: “free comic book + cd with this travel size chess game.” Und dann vergisst er noch, dass ein Filmchen mit auf die CD gebrannt ist. Also: Neben dem hübschen Schachspiel zum Ausschneiden und Verkleben gibt es noch Musik dazu.

Und die ist auch sehr süffig. Wie zum Beispiel der Basin Street Blues, der seine Töne recht merkwürdig bezieht, oder natürlich aus dem Plattenspielerdrehen. Es ist dies wohl die analoge Überlegenheit gegenüber einer per Tastendruck eingesampleten Möglichkeit. Das klingt hier schrabbelig und bei aller musikalischen Trauer irrwitzig. Ein Trauermarsch der besonderen Art. Hinzu kommt ein festsitzendes eingegroovtes Drumset.

Ähnliches gilt in anderer Weise für die funkigen Teile der CD – da ist einfach nicht gut Sitz-Tanzen, alles zu hibbelig. Die CD haut rein, verwirrt, macht einfach Vergnügen – eine moderne musique concréte vielleicht? Nur konkreter, nur abstrakter, nur so?

Kid Koala: Some of my best friends are djs,
includes game + 50 page comic!
Ninja Tune ZEN CD 82

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Plessner: Mit anderen Augen

Worum es Plessner vor allem geht, ist die Frage, wie man sich aus sich heraus bewegt und in eine andere Position bequemt. Es ist dies ja das wertvolle Phänomen, durch…

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Ein kleiner Beitrag zur Soziologie des Hörens

Nachfolgend mein Beitrag zur Ausgabe 73 der Sendung "taktlos" des Bayerischen Rundfunks und der neuen musikzeitung. Im Studio dabei: Rita Beulker (Projektcoach / Herausgeberin des Online Wirtschaftsmagazin infoquelle), Marion Glück-Levi…

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Noch mehr im Busch

JibJab.com - SOUND BYTES bietet schon seit längerer Zeit bissige Flash-Cartoons an. Die sind mal mehr, mal weniger interaktiv. Aber böse sind sie allemal.

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Kaufen Sie einen Musiker für 400 Euro

Auf diese Idee kam das phantastische ensemble resonanz und ruft damit “zur privaten Subventionierung der Konzertreihe "Resonanzen"” auf: Kaufen Sie einen Musiker!

Wir freuen uns, dass wir in unserem ersten Jahr in Hamburg nicht nur unsere Konzertreihe "Resonanzen" erfolgreich etablieren konnten, sondern auch in der Musikhalle oder der Palmerstiftung verlässliche und großzügige Partner gefunden haben. Doch bleibt uns für den Betrieb unserer Reihe immer noch eine erhebliche eigene Investitionslast, die wir gerne auf breiterer Ebene und breiteren Schultern verteilt wüssten.

Der Spielplan der Saison 2003/2004 sieht insgesamt rund 100 Musiker vor, im Schnitt also 20 pro Konzert. Zur finanziellen Mindestausstattung der Konzertreihe fehlt es an 400 € pro Musiker. Unsere Konsequenz: Outsourcing. Wir verkaufen diese defizitären Unternehmensteile an wohlwollende Investoren und lagern sie aus. Und dabei entsteht etwas besonderes: Öffentliche Kultursubventionierung, unabhängig von öffentlicher Verwaltung.

Sie können also direkt über die Subventionierung von Kultur entscheiden. Kaufen Sie einen Musiker! Ein Musiker kostet 400 € und Sie als Investor haben noch mehr davon: Sie werden eingeladen zu unserer exklusiven Saisonabschlussfeier mit prominenten Gästen und kleinem Konzert. Außerdem bekommen Sie für jedes „Resonanzen”-Konzert der Saison 03/04 zwei Ehrenkarten und Ihnen wird im Programmheft und auf unserer Website öffentlich gedankt.

Investieren also auch Sie in das “Orchester der Zukunft”, wie das Würth-Preis-Kommitee das Ensemble Resonanz anlässlich der Vergabe des Preises 2002 bezeichnete, und kaufen Sie einen Musiker! Bekunden Sie Ihren Investitionswillen unter 040-3499 3882 oder unter mail@ensembleresonanz.de. Der Verein Resonanz wird Ihnen eine Spendenquittung ausstellen.

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