4. März 2024 Die Masse lebt

Kultur – Welterschöpfungstag – Herbert Marcuse

Neulich hatte ich noch an Herbert Marcuse anlässlich seines Todestages erinnert. Vor kurzem war auch Welterschöpfungstag. Nicht der Tag, an dem die Welt erschaffen wurde, sondern der Tag, an dem sie sich auf Jahressicht hin erschöpft hat. Es ist der Tag an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt.

Was könnte das mit unserem Kulturleben zu tun haben? Einiges. Der Philosoph Gernot Böhme zieht eine Linie von Marcuse zur aktuellen Situation, die er als ästhetischen Kapitalismus und ästhetische Ökonomie bezeichnet. „Der Kapitalismus qua ästhetische Ökonomie ist dafür verantwortlich, dass der Mensch auch im Überfluss nie zufrieden ist und sein gesamtes Dasein unter dem Gesichtspunkt von Leistung sieht” (Gernot Böhme: Ästhetischer Kapitalismus, Frankfurt/M. 2016, S. 73).

Dabei geht es aber nicht um eine Unzufriedenheit, die kreative Energien freisetzen könnte, sondern um das Gefühl, sich auch im Konsum als Wettbewerbsteilnehmer zu sehen. „Die ästhetische Ökonomie erzeugt also auf der Konsumseite eine Eskalation des Verbrauchs. Von daher werden die Menschen im Gefühl der Knappheit gehalten, obgleich sie im Überfluss leben” (ebenda, S. 74 f.).

Das betrifft auch die Kultur selbst. So sei die „Unterhaltungsindustrie als Sektor der Konsumgüterindustrie ein Paradebeispiel dafür, die das Leistungsprinzip immer wieder verstärkt wird: Sie erweitert nämlich die Konsummöglichkeiten der Verbraucher quasi ins Unendliche” (ebenda, S. 72). Aber auch nur „quasi”.

Der Welterschöpfungstag hat seine Parallelen durchaus auch im kulturellen Bereich. Etwas mutwillig könnte man das im Opernspielbetrieb sehen, wo zwar die Abwesenheit von Uraufführungen beklagt wird, diejenigen aber, die es in den Betrieb hineinschaffen, mit einer Verbrauchseigenschaft ausgestattet sind, einer Art künstlichen Obsoleszenz: Sie halten nicht besonders lange. Die ganze Neue-Musik-Szene ist davon befallen, die sich permanent erneuern will (und muss) und damit das Angebot großzügig erweitert und, zack, auch schon wieder verbraucht ist. Das Neue verbraucht sich in dem Moment, in dem es erscheint.

Ich kann es hier nur bei Andeutungen belassen. Natürlich betreffen die genannten Phänomene viele Bereiche des Lebens: Schule, Arbeitswelt, Freizeit, Bildung, Kunst, Wirtschaft. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Menschen ein Glück und eine Zukunft verheißen, die sie im Moment socher Versprechen zugleich zerstören. Die Bedürfnisse werden nicht befriedigt, stattdessen werden Begehrnisse und Begierden erzeugt, wie Böhme weiter ausführt.


Herbert Marcuse

Vor einigen Tagen jährte sich der Todestag von Herbert Marcuse. Soweit ich das sehe, sind ästhetische Fragen und gesellschaftliche kulturelle immer ein Thema gewesen. Seine Rezeption im Bereich der Musik ist jedoch kaum erfolgt. Daran wird auch dieser Newsletter für die nmz nichts ändern können. Ich habe dennoch ein paar Ausschnitte aus seinen Texten angefügt – habe aber leider keine Ahnung mehr zu den Quellen.

Nicht nur, weil sie gut klingen, sondern weil sie einen doch daran erinnern, dass unser musikalisches und kulturelles Leben nicht abzusondern ist, vom Gesamtbetrieb der Gesellschaft. Aktuell gibt es eine Art Detailproblemversessenheit, die Probleme der Gesellschaft fachlich zu isolieren trachtet oder allein ihre geschichtlichen Entwicklungen und Bedingungen thematisiert. Diese Arbeit ist ohne Zweifel wichtig! Sie führt häufig genug jedoch zu einer Blindheit im Allgemeinen. Das Ganze lässt und will sich offenbar nicht mehr denken lassen. Herbert Marcuse erinnert daran, dass man die Dinge nicht so abtrennen kann.

Zitate-Sammlung

  • „Permanenter ästhetischer Umsturz – das ist die Aufgabe der Kunst.“
  • „Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt; obszön, weil sie sich und ihre Mülleimer vollstopft, während sie die kärglichen Lebensmittel in den Gebieten ihrer Aggression vergiftet und niederbrennt; obszön in den Worten und dem Lächeln der Politiker und Unterhalter; in ihren Gebeten, ihrer Ignoranz und in der Weisheit ihrer gehüteten Intellektuellen.“
  • „Von Anbeginn an war die Freiheit des Unternehmens keineswegs ein Segen. Als die Freiheit zu arbeiten oder zu verhungern bedeutete sie für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Plackerei, Unsicherheit und Angst. Wäre das Individuum nicht mehr gezwungen, sich auf dem Markt als freies ökonomisches Subjekt zu bewähren, so wäre das Verschwinden dieser Art von Freiheit eine der größten Errungenschaften der Zivilisation.“
  • „Kultur (…) lebt von Unerfülltem, Sehnsucht, Glauben, Schmerz, Hoffnung, kurz, von dem, was nicht ist, sich aber in der Wirklichkeit anmeldet. Das bedeutet aber, Kultur lebt vom Unglück.“
  • „Komfort, Geschäft und berufliche Sicherheit können in einer Gesellschaft, die sich auf und gegen nukleare Zerstörung vorbereitet, als allgemeines Beispiel versklavender Zufriedenheit dienen.“

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Ein Kommentar

  1. Lesen Sie mal, wenn Sie wollen, Nacy Faser: Der Allesfresser. Eine sehr intelligente Interpretation des Kapitalismus als Kannibalisch…

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