Der ewige Spießer – 1930

War mal wieder ein bisschen stiller geworden. Lärm ist ja auch ohne einen genug. Es ist zugleich auch eine zusätzliche Langeweile mit im Spiel. Das Gefühl, es rollt einerseits so vieles an einem vorbei – und andererseits: wird man davon einfach mitgerollt, ohne dass einem ein Plan von Gegenmacht dazu einfällt.

Ist das Dekadenz des 21. Jahrhunderts. In einem Land, das sich alles leisten kann, sogar Unmenschlichkeiten nach innen und nach außen. Hier muss man ja immer Spitzenreiter sein. Das Siegersyndrom. Das meiste ist aber doch eher Gemüsesuppe, was einen beisammen hält.

1930 hat Ödön von Horvárth seinen erbaulichen Roman “Der ewige Spießer” beendet. Darin findet sich ein Abschnitt, der wie in unsere Jahrhundert hineingeschaut wirkt:

»Kehren wir lieber zum Thema zurück: Ich, Rudolf Schmitz, bin überzeugt, daß es zwischen den europäischen bürgerlichen Großmächten zu keinem Krieg mehr kommen wird, weil man heutzutag eine Nation auf kaufmännisch-friedliche Art bedeutend billiger ausbeuten kann.« »Das sag ich ja auch immer«, nickte Kobler. »Das freut mich aber!« freute sich Schmitz und wurde wieder lebhaft: »Denkens doch nur an Amerika! Vergessens bitte nur ja nicht, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika Europa zu einer Kolonie degradieren wollen, und das werden sie auch, falls sich Europa nicht verständigen sollte, denn Europa ist ja schon ein Mandatsgebiet!« »Ob wir uns aber verständigen werden?« fragte Kobler und fühlte sich überlegen. »Wir müssen halt einen dicken Strich unter unsere Vergangenheit ziehen!« ereiferte sich Schmitz. »Ich persönlich hätt nichts dagegen«, beruhigte ihn Kobler. »Diese Zoll- und Paßschikanen sind doch purer Wahnsinn!« jammerte Schmitz. »Von einem höheren Standpunkt aus betrachtet«, meinte Kobler gelassen, »haben Sie schon sehr recht, aber ich glaub halt, daß wir uns nur sehr schwer verständigen werden, weil keiner dem andern traut, jeder denkt, der andere ist der größere Gauner. Ich denk jetzt speziell an Polen.«

Ödön von Horváth: Der ewige Spießer. Quelle: Projekt Gutenberg

Nun hat man ja immer mal recht, wenn man viel spricht und schreibt. Trotzdem scheint mir hier eine Mentalität und Geschichte mitgedacht, die ja von 1930 aus gesehen in seiner Nahsicht eher daneben lag, sondern erst eine Prozess in Europa nach 1950 bis allerdings heute hin beschreibt.

Ich komme drauf, weil ich manchmal gerne vor dem Einschlafen noch ein Stückchen was lesen möchte. Da liegen ja immer Bücher rum. Und dann schlage ich die irgendwo auf. Und dann ist da plötzlich das!

Wie geht es weiter?

Der Kellner brachte die fünfte Flasche, und Kobler wurde immer wißbegieriger. »Was bedeutet eigentlich ›Pan‹?« fragte er. »Das Universum zu guter Letzt«, dozierte Schmitz. »Und im Falle ›Paneuropa‹ bedeutet es die ›Vereinigten Staaten von Europa‹.« »Das weiß ich«, unterbrach ihn Kobler. Schmitz schlug mit der Faust auf den Tisch. »Aber ohne Großbritannien gefälligst!« brüllte er und mußte dann plötzlich gähnen. »Pardon!« riß er sich zusammen. »Ich hab jetzt gegähnt, aber ich bin noch gar nicht müd, das sind nur so Magengase, die sich bei mir besonders stark entwickeln, wenn ich etwas angeheitert bin. Apropos: Kennen Sie meine Kriegsnovelle? Sie ist leider kein pekuniärer Erfolg, weil ich die grausige Realistik des Krieges mit meiner grausigen Phantastik verband, gewissermaßen ein Kriegs-Edgar-Allan-Poe. Ist Ihnen dieser Name ein Begriff?«

»Nein.«

»Ja, die Kunst hört allmählich auf«, murmelte Schmitz, ließ einen Donnernden fahren und wurde wieder sentimental. Er war eben ein Stimmungsmensch.

Ödön von Horváth: Der ewige Spießer. Quelle: Projekt Gutenberg

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