Punkt für Kuroe!
Die Diskussion um Zugangswege zum traditionellen Konzert- und Musikbetrieb mit Kunstmusik aller Art ist seltsam verdreht. Aber es gibt noch die Stimmen, die den Punkt treffen, auf den es ankommt. Shoko Kuroe gehört dazu!
Warum geht man bei den Programmen für die Jugend davon aus, dass diese abgeholt werden muss? Was ist mit denjenigen, die die klassische Musik lieben, also erst gar nicht abgeholt werden müssen? Mein Eindruck ist, dass ausgerechnet diese Menschen vernachlässigt werden, weil sie zahlenmäßig in der Minderheit sind – obwohl sie eigentlich genau die Kernzielgruppe von klassischen Konzerten sind.
Source: Nicht jeder will abgeholt werden – BackstageClassical
Das trifft ebenso auf fast alle Bereiche der Kunstkommunikation zu. Sei es beim Zugang zu den Leserinnen und Lesern von Musikkritik oder beim Verkauf von Verlagsprodukten. Das Publikum muss nicht abgeholt werden, es wartet nicht selten darauf, überhaupt bedient zu werden. Ja, ganz wie in einem Lokal, das laufend im Betrieb sich renoviert und Gardinen tauscht und dabei übersieht, dass im Lokal lauter Leute sitzen, zu denen die Bedienung nicht mehr kommt, weil sie gerade irgendwelche Reels aufnehmen soll/muss.
Punkt für Becher!
Gerade erschienen und seit zwei Tagen auf meinem Lesetisch: Die Henze-Challenge – erschienen bei Wolke. Wie schon bei der Schönberg-Challenge geht der Autor einzelne Stationen des Gesamtwerks des Komponisten ab und nähert sich ohne Notenbeispiele nachhörend den Kompositionen an. Das ist ein wunderbarer Zugangsweg. Am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Universität Gießen gehörte diese Form von Analyse zum Standard neben Tonsatz und so. Denn man hatte mit dem Schwerpunkt Jazz und Improvisation Spielarten von Musik zu analysieren, bei der man selten direkt auf Notiertes zurückgreifen konnte. Genauso im Fall der Musikkritiken, die Christoph Becher damals umfangreich für den Gießener Anzeiger beinahe täglich ablieferte. Was hörte man da? Was hört man da, auch wenn man die Noten hatte? Denn jede Interpretation hört den Notentext ja anders und in jeder Situation hört man die ausgedachte Musik ja anders.

Lese- und Hörempfehlung. Allein etwas bedauerlich, auch wenn den Usualitäten geschuldet, dass die entsprechenden Hörbeispiele über eine Spotify-Playlist geliefert werden. Da wünschte man sich etwas mehr Interoperabilität, insbesondere zu Streaming-Anbietern, die eine etwas fairere Art des Umgangs mit Interpret:innen und Urheber:innen anbieten, wie Qobuz (ich habe mal eine Übertragung gemacht – leider nicht ganz vollständig, es fehlen die Daten zur 7. Sinfonie und ein paar andere Kleinigkeiten – Playlist Henze-Challenge auf Qobuz).
Damit ist für heute genug gesagt.