Ein Porträt des Leipziger Iturriaga Quartetts

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Unverstellte Annäherung von vorn an unverbrauchte Musik

Zusammengezählt sind sie gerade mal etwas mehr als hundert Jahre alt, die vier Streicher des Iturriaga Quartetts. Damit dürften sie gegenwärtig eines der jüngsten Quartett-Ensembles überhaupt sein. Zum Teil stecken sie sogar im Moment noch im Hochschulprüfungsstress. Seit 1996 spielen sie zusammen und haben sich in kurzer Zeit und trotz gleichzeitigem Studiums zum Quartett mit professionellem Anspruch verbunden – einen Anspruch, den sie auch einzulösen in Lage sind.

Die Gründung des Quartetts verdankt sich wohl dem Zufall, der die Streicher an der Leipziger Hochschule für Musik zusammenführte. Die aus dem Baskenland stammenden Aitzol und Iokine Iturriagagoitia (Violine) hatten schon vorher in Madrid , als sie dort an der Escuela Superior de Reina Sofia studierten, Quartett gespielt und wollten das gern in Leipzig fortsetzen, Rebekka Riedel (Violoncello) hatte auch schon mal Quartett gespielt und dann haben sie Katia Stodtmeier (Viola) gefunden, die aus Berlin kam und in Leipzig studieren wollte. Wenn man erst einmal so viel Freude am Quartettspiel hat, dann heißt das jedoch nicht zwangsläufig, dass man davon leben kann, oder dass man als Musiker auch zusammenpasst. Man wollte jedoch von Beginn an das Quartettspiel auf höchstem Niveau betreiben und es vor allem zu einem musikalischen Lebensmittelpunkt machen. So komisch es klingen mag, gerade die Doppelbelastung durch das Studium erhöhte den Wunsch, sich als Quartett und im Quartett zu engagieren.

Um sich heute als neues Quartett auf dem doch sehr breiten und im Wesentlichen hochqualitativen Markt zu behaupten, muss man allerdings nicht nur gut sein, sondern auch etwas Besonderes beisteuern. Das hat das Iturriaga Quartett geschafft. So widmet sich das Ensemble ganz besonders der Quartettliteratur von verfemten und vergessenen Komponisten des letzten Jahrhunderts. Zum Repertoire gehören da Werke aus der Feder von Philipp Jarnach, Berthold Goldschmidt, Günter Raphael, Ignace Strasfogel. Den Impuls für diesen einen Schwerpunkt der Quartettarbeit hat ihnen einer ihrer Mentoren, Kolja Lessing, gegeben. Das Iturriaga Quartett spielt diese Werke ganz frisch, gerade so, als wären sie erst vor kurzem komponiert worden. Dabei ist die Unbekanntheit der Werke gewiss ein großer Vorteil: Es gibt kaum eine Interpretationsgeschichte – man kann sich diesen Werken unverkrampft von ganz vorne nähern ohne jede historische-eingefahrene Verstellung. Das ist ein ungeheurer Vorzug, den man den Interpretationen des Quartetts auch anhören kann. Die wirken eigen, authentisch und sind voller musikalischer Energie, genauso unverbraucht wie viele der Werke, die sie spielen. Nach nur knapp vier Jahren der Quartett Arbeit während des Studiums haben sie 2000 schon beim Kammermusikwettbewerb der European Broadcasting Union einen ersten Preis gewonnen.

Mittlerweile reicht das Repertoire des Quartetts von Boccherini und Haydn über Schubert, Brahms, Reger und Bartok bis in die aktuelle Quartettliteratur eines Ulrich Leyendecker, Isang Yun oder Toshio Hosokawa. Aber es sind vor allem die Quartett-Raritäten aus den letzten dreihundert Jahren, denen sich das Iturriaga Quartett stellt. Darunter findet sich zum Beispiel genauso Musik des amerikanischen Komponisten George Chadwick oder von Ilse Fromm-Michaels. Mittlerweile haben auch schon einige Komponisten Werke für das Iturriaga Quartett verfasst: darunter Abel Ehrlich, Andrès Maupoint und Aristidis Strongylis.

Der Raritätenschatz, den das Quartett bereit hält, könnte aber gelegentlich auch zu einem Stolperstein werden. Nicht neu dürfte die Erkenntnis sein, dass Konzertveranstalter, mindestens was Programme angeht, nicht zu den risikoreichsten Wesen des Musiklebens gehören. Dafür dürfte der Konzertmacher-Markt jenseits dieses Veranstalter-Karpfenteiches umso dankbarer sein – und auf lange Sicht ist dieses implizite Bekenntnis zu selten gespielten Werken sowieso für dies Festigung des musikalischen Charakters des Iturriaga Quartett ein großer Vorteil. Im Jahr 2001 produzierte man beim Bayerischen und beim Mitteldeutschen Rundfunk Werke von Herbert Fromm, Joseph Haydn und Günter Raphael. Hinzu kommen Auftritte bei zahlreichen Festivals, wo das Quartett gelegentlich mit weiteren Musikern (Heinz Holliger, Martin Spangenberg, Ida Bieler, Maria Kliegel und Ulrich Knörzer) spielt und sich zu Quintett oder Sextett erweitert.

Gleichwohl lässt sich das Iturriaga Quartet nicht einfach in die Ecke eines musikalischen Paradiesvogel-Sammlers stellen. Genauso gewissenhaft studiert man die Zyklen der Streichquartette von Robert Schumann und Felix Mendelssohn-Bartholdy ein, wobei augenscheinlich selbst diese Quartette immer noch ein Schattendasein im Konzertrepertoire fristen.

Da fehlt doch noch etwas? In der Tat, will man das Iturriaga Quartett hören, so geht dies zur Zeit nur, wenn man ins Konzert geht, denn eine CD-Produktion haben sie noch nicht vorzuweisen. Dies soll sich aber noch dieses Jahr ändern. Auf diese Produktion darf man sich gespannt freuen.

Das Iturriaga Quartett läutet möglicherweise tatsächlich eine neue Generation von Streichquartetten ein: im Verständnis, wie sie sich selbst positionieren; in der Weise, wie sich ihr musikalisches Selbstbewusstsein und -verständnis bilden; in der Art, wie sie sich ein Leben als Quartett erfinden. Dabei haben sie indirekt auch von Vorreitern wie beispielsweise dem Vogler-Quartett profitiert, einem Quartett, das gleichermaßen in der aktuellen Musikszene ebenso beheimatet ist wie in der traditionellen Quartettwelt. Aber man muss auch diese Chance, als Quartett in dieser Zeit zu bestehen, wittern können. Das Iturriaga Quartett wird sicher bald noch deutlicher zu vernehmen sein und man darf schon jetzt dankbar sein für alle Schätze, die dieses Quartett noch heben wird.

Martin Hufner

Kontakt: Rebekka Riedel, Waldstraße 45, 04105 Leipzig, Tel. 0341-4014547, Email: iturriaga_quartett@freenet.de
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[Blitz aktuell] Klau-Opa

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Amberg - Ein 71-Jähriger stahl am Freitag in einen Einkaufsmarkt [hineinstehlen, ein prima Neologismus] in Amberg ein Paar Laufsocken im Wert von drei Euro. Der sportliche Opa wurde allerdings beobachtet [von einem gelangweilten Blitz-Redakteur?] und festgehalten [und ob man ihn jemals losließ, das ist noch unbekannt!]. Rat des Huflaikhan: Man sollte seine alten Socken nicht in einem Einkaufsmarkt ablegen. Sonst Gefahr, dass später die Inventur durcheinander gerät und die komplette Wirtschaft geschädigt wird. Solche…

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Webwatch: Klagewege

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Die großen Musikkonzerne klagen allenthalben: über Umsatzrückgang und gegen tote Tauschbörsen. Kürzlich erst meldete der heise newsticker (http://www.heise.de/): 98 Milliarden US-Dollar-Klage gegen Studenten aus Maryland, die einen Tauschserver an der Universität betrieben haben, auf den 8.500 Kommilitonen zugreifen konnten. Die Schadenshöhe bestimmt sich aus der Maximalforderung von 150.000 US-Dollar pro unberechtigt angebotenem Titel. In einer anderen Nachricht heißt es:

„Die Plattenlabels Universal Music Group und EMI haben das Venture-Capital-Unternehmen Hummer Winblad Venture Partners wegen Unterstützung von Piraterie im Internet verklagt. Grund für die Klage sind die insgesamt 15 Millionen US-Dollar, die die Risikokapitalgesellschaft in die gescheiterte Peer-to-Peer-Tauschbörse Napster gesteckt hatte.“ Übel nehmen kann man es den Musikkonzernen ja nicht, denn der Klageweg gehört zu den Errungenschaften der Rechtstaatlichkeit. Manches Nachgefecht riecht zwar arg nach Geldschneiderei. Doch die Klagen sind ja noch nicht durch. Keinen Grund zur Klage sieht allerdings der Online-Vertrieb CD-Baby aus Portland, Oregon (http://www.cdbaby.com/). Als CD-Store für die „beste neue unabhängige Musik“ (Selbstbeschreibung) konnte CD-Baby über 3 Millionen US-Dollar an seine Künstler aus über 400.000 verkauften CDs ausschütten. Das sind zwar bei 34.694 Künstler im Schnitt auch nur knapp 100 US-Dollar. Dennoch, das Geschäft scheint zu boomen. Für die erste Million benötigte CD-Baby dreieinhalb Jahre, die zweite Million brauchte nur noch 9 Monate und die dritte fiel nach weiteren viereinhalb Monaten. Man kann nicht einfach sagen, dass die Musikindustrie in der Krise wäre, die Krise sieht CD-Baby allein auf die Major-Labels beschränkt, die kleinen dagegen machen das Rennen.

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Üben, üben, üben …

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Einer Meldung in der englischen Zeitung „Daily Telegraph“ ließ sich entnehmen, dass die Musikband „Creed” von ihrem Publikum in Chicago verklagt wurde, weil ihr Sänger nicht in der Lage gewesen sei, auch nur ein einziges Stück einigermaßen über die Bühne zu bringen. Dabei geht es insgesamt um immerhin 1,3 Millionen englische Pfund, welche die 18.500 Zuhörer dieses Konzertes nur zurückerstattet haben wollen. Angeblich war der Sänger betrunken oder anderweitig „medizinisch vergiftet”. Die Folgen, die aus einer eventuell erfolgreichen Klage resultieren könnten, würden dramatisch zur Reinigung der gesamten Musikbranche führen.

Häufig muss man schließlich nicht einmal betrunken sein, sondern einfach nur gar nicht singen können – was ohnehin fast niemand mehr tut: heute tut man bekanntlich auch in Deutschland „performen“. Die durch das Milli-Vanilli-Syndrom zur Sicherheit in allen Fernsehshows (von Viva bis „Wetten dass”) eingeführte Prozedur, vermittels a-cappella-Einlagen die gegenwärtig gepuschten Live-Style-Sängern zur musikalischen Kasse zu bitten, trägt leider nur zur weiteren Verunsicherung bei, weil viele Sänger nicht einmal einen einstimmigen Gesang beherrschen. Das hätte mal den Beatles oder Simon Rattle passieren sollen: „Hey John, hey Paul und George, könnt ihr mal auch ohne Instrumente singen?“ – „Hey Sir Simon, kannste auch ohne Orchester dirigieren, würden wir gerne mal sehen! – Ist ja toll, Wahnsinn (klatsch, klatsch, klatsch).” Doch das eigentlich Interessante des Vorfalls aus Chicago ist vielmehr, dass dem Publikum überhaupt aufgefallen ist, was für ein Murks da stattgefunden hat und sich dagegen, wer hätte das gedacht, zur Wehr setzt. Das lässt Hoffnung, dass das momentane Künstlerdesign der Musikwerbeagenturen doch nicht so platt hingenommen wird. Also mehr üben, weniger saufen, sonst kann es teuer werden. Auch Tätowierungen und diverse andere chirurgische Körperveränderungen überdecken längst nicht musikalische Nullen.

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Achse des Blöden

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Die Katzen pfeifen es vom Dach: Hier sind ein paar Schrauben locker. Nein, es geht nicht um die Hobbyheimwerker mit staatlicher Zulassung beim Deutschen Musikrat. Denn das Musikleben ist medienträchtig längst den Kinderschuhen amtlicher Musikräte entwachsen. Mindestens acht Millionen Menschen suchen eben nicht den Deutschen Musikrat sondern Deutschlands Superstar. Freilich ist auch dies eine Bankrott-Veranstaltung.

Diese moderne Form von „Jugend übt“ ist das pervertierte Selbstbild der gegenwärtigen Doppellasterhaftigkeitsapotheose einer „Geiz-ist-geil”-Gesellschaft. Man geizt hier nicht mit Reizen aber mit Gefühl. Da können Tränen noch so laufen, wenn bei dem Ausscheidungs-Spiel (aus dem kulturellen After) immer wieder jemand vom Publikum ausgekotzt wird und hernach die übrig gebliebenen Medienopfer vor Freude richtig traurig sich angeblich in den Arm nehmen. Unterdessen: Daniel L. (Zusammenbruch nach Publikums-Ausscheidung) und Daniel K. (Drohungen wegen Nochdabeiseins), andere werden bald im Zeitschriftenwald verbrannt werden. Nur Judith hatte einen Rest von Selbstbewusstsein, als sie freiwillig das Spektakel verließ. Obwohl Daniel K. angeblich festzustellen meinte, sie hätte sonst ihr letztes Lied ohnehin versemmelt. Na da schau an, wie menschlich und wie lieb sind sie, alle unsere mittlerweile notariell beglaubigten Superstars, die von nicht-notariell beglaubigten Ex-Juroren-Kommentatoren („aber sie trifft doch die Töne, Mietze-Schnuckelchen“) und sprachlich gänzlich bis in den Unterleib dekolltierten Moderatoren zugesabbelt werden. Deutschlands aktueller Musikrat Dieter Bohlen sieht diesen Showraum sogar als eine gelungene Form des Sozialismus, worauf im ZDF-Politbarometer der Stimmanteil der PDS auf sagenhafte 22 Prozent geschnellt. So konstituiert sich inmitten unseres Kulturwunderlandes eine „Achse des Blöden.” Aber das alles hat rein gar nichts, aber wirklich null mit dem Deutschen Musikrat zu tun, wirklich nicht.

Erschienen in der März-Ausgabe der neuen musikzeitung

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Ideenverkäufer

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Alexis des Tocqueville, der große französische Soziologe, schrieb in den 40er Jahren des 19. Jarhunderts ein faszinierendes Buch „Über die Demokratie in Amerika“. In einem Abschnitt geht es um die gerade entstehende Literaturindustrie. Unter anderem heißt es dort: „Die demokratischen Literaturen wimmeln immer von diesen Autoren, die die Literatur nur als Geschäft betrachten und wenn auch unter ihnen einige große Schriftsteller sein mögen, zählt man doch Tausende von Ideenverkäufern.“ Was in der Literatur festgestellt wurde, gilt noch viel mehr für die Musik der Gegenwart. Schaut man sich einmal an, was heute so alles unter Musik läuft, so findet man fast nur Geschäftsmusik.

Dass Musik allein im Sinne des Warenbegriffs verstanden wird, ist zwar nichts neues. Relativ neu ist jedoch, dass grundsätzlich Ware vor Ästehtik geht und in öffentlichen Debatten zum common sense geworden ist. Das dies auch eine demokratisch legitimierte Form des Kultur-Krieges ist, zeigt sich schon in der Bezeichnung der Hörer, die man ins Visier nimmt: Man bezeichnet sie schlicht als „Zielgruppen“. Man trifft sie über die zeitgeistgeschulten Ohren an der Geldbörse. Und damit schließt sich der Kreis. Musik wird zur tönend bewegten Form von geldwertem Kapital. So haben Karl Marx und Friedrich Engels doch noch verspätet und unverhofft Recht bekommen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. In dieser Lage Initiativen über den Wert der Kreativität zu arrangieren, muss auf die Zielgruppen wie ein schlechter protestantischer Witz aus den Moralkellern der Musikindustrie wirken – nämlich unglaubwürdig und weltfremd. Wo das Geld regiert ist kein Platz für Kreativität.

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taktlos 65 – geist ist geil – martin hufner 2.5.2003

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Musik: Conlon Nancarrow: Player Piano Study No.11 (T 8, Anfang)

Autor: Der gesellschaftliche Umgang mit „geistigem Eigentum“ ist kein Problem der Gegenwart. Bereits 1974 wird im Nachwort eines Nachdrucks des Buches „Anti-Ödipus“ erklärt, warum man sich entschlossen habe, „Geist geil“ zu finden und billige Nachdrucke von teuren Verlagsobjekten herzustellen. Unter der Überschrift „Schizophrenie im Kapitalismus oder Die Logik des Kapitals“ kann man da lesen:

Zitatsprecher: „Das Problem: Manche Bücher können wegen eines sehr hohen Preises nur von einer sehr kleinen Leserschaft erworben werden. Dadurch können Werke die für bestimmte Wissenschaftsbereiche und/oder auch gesamtgesellschaftlich relevant sind, einer breiteren (wissenschaftlichen) Diskussion entzogen werden. … diesen Büchern ist eines gemeinsam, sie sind (oder waren) als ,sozialisierte Drucke’ (mitunter auch ‘Raubdrucke’ genannt) erhältlich, die Mechanismen monopolistischer Verwertung geistiger Produktion wurden durchbrochen und zumindest ansatzweise eine zwar partiell illegale, nichtsdestoweniger aber legitime Befriedigung von Informations-, Agitations- und Bildungsbedürfnissen sichergestellt.“

Autor: Das war 1974 und die Argumentation noch werthaltig. Es ging um die Ermöglichung eines allgemeinen und nicht zu kostspieligen Zugangs zu Bildungsgütern. Kreativität ist so gesehen schon etwas wert, jedoch nur dann, wenn sie nicht einer Bildungs- und Wissenselite vorbehalten bleibt.

Die heutige Praxis sieht ganz anders aus. Die Konstruktion des Gutes „Geistiges Eigentum“ wird von einigen Ignoranten komplett als Schmarotzertum abserviert, andere denken, dass ohne den strafbewährten Schutz der Verwertungsmechanismen die komplette Wissensgesellschaft und der Kunstbetrieb zusammenbrechen werde. Dies- und jenseits dieser beiden extremen Vorstellungen hat sich allerdings eine dritte, neue herausgebildet, die wieder an die Ideen der siebziger Jahre anknüpft – Open Source – Public Domain – Creative Commons: Wissen und Kunst werden hier als Güter angesehen, die frei tauschbar und zugänglich sein müssen. Im emphatischen Sinn ist Kreativität nach dieser Auffassung nur dann werthaltig, wenn sie sich in alle Richtungen entfalten kann: ob bei der Entwicklung einer Software, eines Medikamentes, einer philosophischen Theorie oder der Herstellung einer Komposition. Die Philosophie fasst dies unter dem Begriff des gerechten Tausches zusammen. Dazu aber bedarf es des Schutzes und des Engagements der Gesellschaft als Ganzer. Diesen Schutz an das Strafrecht und die Polizei abzugeben ist zwar enorm praktisch, aber billiger ist es für die Gesellschaft auch nicht. Auch die Polizei kommt ja nicht aus der Steckdose.

Musik: Conlon Nancarrow: Player Piano Study No.11 (T 8, Anfang)

Autor: Leider findet sich in der Bugwelle der Idee des öffentlichen Gemeinguts eine nicht geringe Anzahl von Trittbrettfahrern, die die öffentliche Diskussion durch einen hirnlosen Dogmatismus unterlaufen; und allen Ernstes meinen, man könne geistiges Eigentum beliebig enteignen wie es einem gerade passt. Dieses Verhalten ist nicht mehr politisch-gesellschaftlich motiviert sondern bloßer Hedonismus.

Doch auch die Gegenseite verbündet sich mit den falschen Freunden. Und das ist etwas, was einen an der Initiative „Wert der Kreativität“ unter dem Dach des Deutschen Kulturrates ärgern muss. Man positioniert sich hier „nur“ gegen die Kostenlos-Gesellschaft, ohne ein Wort darüber zu verlieren, wozu denn Kreativität dient und wem sie zugute kommt. Kreativität wird zu einer rein privatistischen, bloß persönlichen Leistung entwertet, die sich wie jede andere Ware oder Dienstleistung verhält. Das sieht man zum Beispiel an der Wahl der Partner dieser Initiative: die GEMA, der Bundesverband der phonographischen Industrie, die deutsche Phonoakademie, der deutsche Musikverlegerverband. Das sind also drei Industrieverbände und ein Inkassounternehmen. Und die haben es im Prinzip nur mit der Verwaltung von Geist und dessen Verkäuflichkeit zu tun. Kreativität ist für diese Organisationen nun wirklich nicht die Basis der Gesellschaft sondern nur die Grundlage ihres Geschäfts. Es handelt sich somit im Prinzip um eine Geldwäsche von Geist.

Wenn tatsächlich Kreativität und nicht monetäres Gewinnbestreben die Basis unserer Gesellschaft wäre, hätten wir tatsächlich eine bessere und liebenswertere. Der Deutsche Kulturrat laboriert mit seiner Initiative deshalb bloß an einem Oberflächenphänomen herum, wo es eigentlich gälte, die Gesellschaft als Ganze ins Visier zu nehmen. „Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft“ hat schon Adorno im amerikanischen Exil geschrieben. Heute denkt man lieber in kleiner Münze, aber vor allem eben mit Silberlingen. Und so muss man dem Deutschen Kulturrat entgegen halten …

Musik: Kinderzimmer Productions, Das Gegenteil von gut (ab 1:43/44 „Vielen Dank für Deine Tips, Du meinst es gut wie mir scheint, doch das Gegenteil von Gut ist gut gemeint.“)

taktlos

taktlos ist eine sendung des bayerischen rundfunks und der neuen musikzeitung
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1967 – György Ligeti: Lontano für großes Orchester

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Es nimmt seinen Ausgang, sehr leise (vierfaches piano) auf dem eingestrichenen as einer Flöte und des gleichen Tones in einem Violoncello. Aus diesem Ton heraus entwickelt sich ein Musikstück, das sich wie ein Körper aus Klang im Ton- und Klangraum des Orchesters ausformt. Ligeti setzt das komplette Orchester solistisch ein und führt in der Regel die Stimmen so, dass wie in einem Kanon Stimmen nacheinander einsetzen und sich Schritt für Schritt, wie bei verschlungenen Fäden, folgen.

Dabei sind die Tonschritte in diesem Stück meistens sehr klein und die Kanonstimmen setzen in der Regel nicht auf dem „guten“ Taktteil ein. Vielmehr sind die Kanoneinsätze sozusagen jeweils zwischen der Zeit, zwischen die „Zähl“-Zeit gesetzt – die Zeit scheint irgendwie zu schweben. Die Musik nimmt die Hörenden auf dieses Weise ganz einfach an jeder Stelle des Stückes mit. Es breitet sich eine Art Klangebene aus, die dann gelegentlich durch kleine und größere musikalische Eruptionen innerhalb des Orchestersklangs modelliert wird. Gerade am Anfang von „Lontano“ kann das wirken, wie bei einer Zellteilung, die gelegentlich ein explosives Tempo annimmt. Plötzlich bekommt die Ziellosigkeit des Klangbildes eine eindeutige Richtung und damit das Stück selbst eine deutlich nachhörbare Klangform. Die Einzelstimmen sind im Übrigen genau phrasiert: Am Anfang des Stücks zum Beispiel aus dem vierfachen piano kommt ein crescendo zum einfachen piano und zurück bis zum Verlöschen des Tones (morendo). Dadurch entsteht ein ganz feines Ton-Gewebe, vergleichbar dem Vorgang des Knüpfens eines Netzes oder des Verwebens eines Teppichs aus kürzeren und längeren Fäden. Wenn man dann so einen kanonischen Prozess mit weiteren kanonischen Prozessen überlagert, verschiedene Tonlagen, verschiedene Instrumentengruppen wählt und diese in mit unterschiedlichen Lautstärke- (zum Beispiel einem „crescendo“-Prozess) und Artikulationsweisen (zum Beispiel Tremolo) versieht, dann kann aus einem Ton eine riesige, vielfarbig-schillernde Klangskulptur entstehen: Eine vage Klangskulptur aus Fäden unterschiedlicher Stärke und Farbe, deren Gesamtbild bald schärfer, bald unschärfer zu hören ist.

Darüber, oder davor, zumindest aber in der Summe ist diese Klangskulptur im Zeitverlauf formal sehr klar konturiert. Es gibt gewissermaßen musikalische Knoten, die man in „Lontano“ als Zieltöne oder -klänge hören kann. Man hört am Anfang wie sich ein Ton ausbreitet und im Tonraum auffächert. Dieser Fächer wird dann langsam wieder zugeklappt und endet auf einem hohen Ton, dem dreigestrichenen c. Danach kommt ein Passage, wo der Klang wie zerrissen wirkt: Ganz hohe Töne und ganz tiefe Töne, getrennt über sieben Oktaven. Übrig bleibt ein hoher, spitzer Klang und ein ganz tiefer zusätzlicher Ton (zusammen ein 10-Ton-Klang), in den jetzt die zwei übrig gebliebenen Töne wie bei einem Puzzlestein einhaken. Diese zwei Töne verteilt über mehrere Tonlagen, die dem 10-tönigen Klang zuvor quasi gefehlt haben, um ein 12-Ton-Klang zu werden, sind Ausgang für eine Teil der Komposition, der wie rückwärts zum Anfang komponiert erscheint, jedoch viel länger dauert. Jetzt fächert sich die Musik viel schneller und breiter auf. Über einen 23-stimmigen Kanon mit absteigender Tonfolge wird der Fächer mit kleinen Tremoloausbrüchen bis auf einen tiefen Ton (f) geschlossen. Da scheint die Zeit still zu stehen, wenn dieser Ton durch Streicherflageoletts auf den Tönen g und d ergänzt wird. Unmittelbar anschließend erklingt dann wieder eine Phase, in der das Orchester sich im Klang weit auffaltet, wobei man die „Fädenanfänge“ sehr deutlich wahrnehmen kann. Auf ein Mal fühlt man sich wieder in der Zeit. Zunächst in den tiefen Tönen und schließlich in einer Spiegelung der Töne in den oberen Registern. An dieser Stelle erzeugt Ligeti einen Effekt von Perspektive, von „Hinten“ und „Vorne“, von „Dunkel“ und „Helle“. Von hier an streben die meisten Stimmen auf einen hohen Ton (viergestrichenes dis) in großer Lautstärke zu, der zugleich plötzlich und langsam ausdünnt, weil unter dem „dis“ ein musikalische Raunen in den tiefen Registern stets präsent blieb. Danach scheint es, als habe dieser Ton eine Art Klangspur hinterlassen, die das Stück schließlich im tiefen Register mit einem langen decrescendo ins Unhörbare enden lässt. Über dem vorletzten Takt steht „senza tempo“ und dauert zehn bis zwanzig Sekunden. Der letzte Takt schließlich ist eine Generalpause: Kein Ton als Ton, Raum für das Nachhören, für das Anspitzen der Ohren in die musikalische Raumtiefe hinein. Diese Musik ist jetzt ganz entschwunden, fort. Das aus dem Italienischen stammende Wort „Lontano“ bedeutet in etwa „entfernt“, „weit weg“, „in der Ferne“. Und irgendwie klingt diese Musik auch ungenau, verschwommen, wenngleich man an einigen Stellen schärfere Konturen erhören kann, so als ob diese Musik näher an die Ohren der Hörer heranrückt.

Was sich hier lesen mag wie eine technische Beschreibung musikalischer Vorgänge ist jedoch im klingenden Resultat eine hochexpressive Musik. Sie fußt aber nicht mehr auf musikalischen Themen oder Motiven und deren Verarbeitung, wie sie in der Tradition der europäischen Musik bis weit ins 20. Jahrhundert typisch ist. Die formale „Geschichte“ des Stückes setzt sich zusammen aus lauter kleinen expressiv-musikalischen Partikeln, die bisweilen von Ligeti weit ausgedehnt werden und in der Summe diesen musik-skulpturartigen Charakter ausbilden. Aber „Lontano“ ist kein Glasperlenspiel mit Tönen oder Klängen. Während man sich in weiten Teilen der musikalischen Avantgarde in den 50er Jahren von einer „Ausdrucksmusik“ verabschiedete, ausdrücklich eine Musik „großer Gefühle“ vermeiden wollte, stehen die Komponisten in den 60er Jahren eher wieder vor der Fragestellung, wie Ausdruck möglich wird, jedoch so, dass man nicht in ein Pathos bekannter Gesten verfällt. Eine Antwort hierauf hat György Ligeti mit „Lontano“ komponiert. Auf der einen Seite ist dieses Stück technisch mit einem extrem hohen musikalischen Abstraktionsniveau komponiert. Auf der anderen Seite ist „Lontano“ mit einem hörenden Gespür für eine Ausdruck geschrieben, der gleichwohl nicht verbalisierbar ist. Damit ist Ligeti zweierlei gelungen: „Nichts“ und gleichzeitig „Etwas“ zu sagen. Man kann diese Sprache weder in die menschliche Wörtersprache zurückübersetzen, denn es ist Musik; aber diese Musik ist in der Lage sehr viel Gehör und irgendwie auch „Mitgefühl“ erzeugen, ohne dass man genau zu sagen wüsste, was dieses „Etwas“ eigentlich ist.

Martin Hufner

Programmhefttext für eine Konzert des philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
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Datenschutz und Bequemlichkeit

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Zwielspältig sieht der Bundesdatenschutzbeauftragte die Situation zwischen Schutzinteressen der Bürger und der Verfolgungschance von Staats wegen. “Der Bürger müsse sich fragen, wie gläsern er um seiner Bequemlichkeit wegen werden wolle.” Nachfoilgend die Mitteilung des Informationsservices “Heute im Bundestag”:


***** HEUTE IM BUNDESTAG **** PRESSEDIENST DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES *****

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Berlin: Fr, 09.05.2003 Redaktionsschluss: 13:00 Uhr (098)

Inneres/Unterrichtung

DATENSCHUTZBEAUFTRAGTER: ZWIESPÄLTIGE BILANZ FÜR 2001 UND 2002

Berlin: (hib/OHO) Eine “zwiespältige Bilanz” hat der Bundesdatenschutzbeauftragte in seinem Tätigkeitsbericht für die Jahre 2001 und 2002 (15/888) gezogen. Er begrüßt ein wachsendes Gespür für die Belange des Datenschutzes, ist jedoch gleichzeitig der Ansicht, dem Datenschutz werde nicht der gebührende Stellenwert eingeräumt.

Schuld seien stetig wiederholte Missverständnisse und Vorurteile in der öffentlichen Diskussion, wonach Sicherheit und Datenschutz sich zwangsläufig widersprechen. Zwar seien einige Kritikpunkte des letzten Berichtes inzwischen umgesetzt oder “einer Lösung nähergebracht” worden, andere aber wiederholt vernachlässigt worden.

Mehrfach erfolglos habe der Bundestag die Regierung aufgefordert, den Entwurf eines Arbeitnehmerdatenschutzgesetzes vorzulegen. Einer gesetzlichen Regelung bedürfe es auch zur Aufnahme und Verbreitung personenbezogener Bilddaten.

“Mit großer Sorge” erfüllt den Beauftragten der weitere deutliche Anstieg von Telefonüberwachungen in Deutschland, ohne das es dafür eine “nachvollziehbare, befriedigende Erklärung” gebe. Gewarnt wird vor einer “schleichenden und sich fast unbemerkt entwickelnden Überwachungskultur”.

Stellung bezieht der Datenschutzbeauftragte im weiteren zur Thematik transparenter werdender Finanzmärkte, weist auf Probleme durch die verbesserten Möglichkeiten elektronischer Kommunikation hin und hinterfragt die Zulässigkeit von Genomanalysen zu unterschiedlichen Zwecken.

Fraglich sei, wie viele Informationen Krankenkassen über Pflegebedürftige erlangen dürfen und gewürdigt wird ein verbesserter Opferschutz bei der Veröffentlichung von Stasi-Unterlagen.

Der Terroranschlag vom 11. September 2001 und die daraus resultierenden Bemühungen, die innere Sicherheit zu verbessern, haben laut Bericht “Recht und Praxis des Datenschutzes nachhaltig beeinflusst”. Positiv sei die Befristung neuer Zugriffsbefugnisse für die Sicherheitsbehörden und deren Erfolgskontrolle, in Frage gestellt wird aber die Wirksamkeit der Rasterfahndung und kritisiert, dass Datenlöschungen erst ab Frühjahr 2003 vorgenommen wurden. Strikt beachtet werden müsse auch der gesetzliche Grundsatz von Erfordernis und Verhältnismäßigkeit bei der Bekämpfung der Geldwäsche.

Die Gesetze führten zu einer sehr weit gehenden Transparenz des Finanzmarktes und des Anlageverhaltens jeden Bürgers und bedrohten so das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Zu begrüßen seien zwar verbesserte Möglichkeiten der elektronischen Kommunikation im amtlichen Schriftverkehr und zwischen Bürger und Verwaltung,

hinzuweisen sei aber auch hier auf datenschutzrechtliche Probleme. Der Bürger müsse sich fragen, wie gläsern er um seiner Bequemlichkeit wegen werden wolle. Nicht ohne Probleme seien mögliche Neuerungen im Gesundheitswesen wie die elektronische Gesundheits- oder Patientenkarte.

Am Ende müssten Lösungen gefunden werden, die dem Bürger absolut transparent seien, damit er “Herr seiner Daten” bleibe.
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