Endlich mal eine gute Idee! Aber wo ist er nur?
Jedenfalls nicht da, wo er ihn sucht. Bei den Ausbildungsstätten in München und in Dortmund. Das ist auch kein Wunder. Denn Hochschul-Journalismus ist ein wenig vom Grund her absurd. Orthografie und Grammatik? Quellenkunde, Recherchen. Das war mal zumindest Standardleistung aller wissenschaftlichen Forschung. Wie man das dann verpackt hat, ist eine andere Sache, die man bei Tun lernt, gerne auch im Zusammenhang mit Menschen vom Fach, die in der Praxis stehen. Das war gelebte Praxis in einer Welt des letzten Jahrhunderts.
Da gab es wenig Internet, da gab es wenig Streaming. Die Website des Studiengangs Musikjournalismus ist in der Tat eine (inhaltliche) Kapitulationserklärung, da hat Axel Brüggemann einen Punkt. Der letzte Artikel, Stand 12.10.2026, stammt vom Ende Mai 2026.Aber vielen neuen Playern im Musikjournalismus-Raum geht es ähnlich. Terzwerk aus Dortmund ist ebenso eine abgeladene Station. Aber zahlreiche Absolvent:innen haben ihren Platz gefunden, nicht zuletzt Hannah Schmidt bei Axel Brüggemann im Podcast „Takt & taktlos“ – was über den Titel anknüpft an eine Radiosendung mit 184 Folgen der neuen musikzeitung mit dem Bayerischen Rundfunk (Start 19981), Viele aus Dortmund waren später bei niusic gelandet, dem Online-Biotop für Klassik und Musikkultur.
Formen des Immergleichen
Nun stehen weniger die Dinge des Musiklebens selbst im Zentrum, sondern die Vielheit der Ausspielwege – vom Messengerkanal bis zum Podcast (im Zweifel mit Bewegtbild). Aber das mündet leicht in bloße Technikübung. So war es dem Musikkritiker Reinhard Schulz nicht erlaubt, selbst in seinen Radiofeatures eine Sprechrolle zu übernehmen, wegen der eigenwilligen Klanglichkeit seiner Stimme, Alles wird getrimmt und gestimmt auf ein Niveau von Standards, bei dem formale Aspekte über inhaltliche gesetzt werden. Das Phänomen ist natürklich immer noch gesättigt mit Ausnahmen, die aber weniger und weniger werden. Und wo dann mal alles gleich wird, braucht man vom Gleichen auch nicht mehr so viel. Klang- und Meinungsmonopolismus – am Ende steht ein populistischer Journalismus: in sich entgrenzt gleichförmig.
So sahen dann auch viele Lebensläufe aus. Mindestens die in Gießen. Ob beim Gießener Anzeiger oder der Gießener Allgemeinen. Da saßen Zeitungsredakteure, die redigierten. Die haben einen überall hingeschickt: von den Frankfurter Festen bis zum Schlagermenschen in der Stadthalle. Wir hatten ja nix anderes. Bestenfalls das Radio oder ein paar Mediatheken an der Uni oder in Bibliotheken. Und natürlich die getauschten Kassetten und die ganzen Plattenläden, die man durchkämmte. Der Besuch bei Saturn in Frankfurt (Main) war ebenso berauschend wie der kleine Laden mit Independent Zeug in der Nähe des Bahnhofs.
Tiefe des Zugangs
Die einen machten dann in der vorlesungsfreien Zeit auch ein Praktikum – ich kenne drei – beim WDR in Köln und kamen erfüllt zurück. Grundlage blieb aber das Studium der systematischen Musikwissenschaft mit Referaten zu Kabeln und Steckern, mit aufführungspraktischen Seminaren wie zu den Songbooks von John Cage.

Als Studierender der Musikwissenschaft erklärte einem auf dem ersten Kongress des Dachverbandes der Studierenden der Musikwissenschaft in Heidelberg Hans-Heinrich Eggebrecht, dass es gewiss nicht falsch sei, jeden Tag so eine DIN‑A4-Seite über oder zu irgendwas zu schreiben.
Zu viel Praxisnähe mindert Kenntnisvielfalt
Das ist heute offensichtlich in weiten Teilen anders geworden, weil die damals von vielen vermisste Praxisnähe in der Musikwissenschaft jetzt durch spezielle Studiengänge „ergänzt“ worden ist und man nur Musikjournalismus studiert. Doch auch hier ist Brüggemann wieder mal schlecht informiert, weil er vollkommen den Aufbaustudiengang Musikjournalismus in Karlsruhe ignoriert. Wer an dem teilgenommen hat, hat später mancherorts seine weitere Karriere machen können. Vor Zeiten hieß das noch, vor allem mit Bezug zum Radio: „Lernradio“. Die entsprechende Domain lernradio.de führt leider aktuell zu einem Online-Casino – auch das leider Zeichen der Zeit. Hier eine historische Website von 2007. Und da mal klicken in Richtung Alumni – beispielsweise Mischa Kreiskott. Hier sein Steckbrief von damals:
Mein erster Sender hie„Radio Zitronee”, hatte auf UKW eine Reichweite von ca. 200m. Ich moderierte Musiksendungen, Gewinnspiele sowie Gespräche mit mir selbst. Für einen sechsjährigen eine verantwortungsvolle Aufgabe. Leider wurde die Ausstrahlung von meiner Mutter unterbunden bevor genaue Hörerzahlen ermittelt werden konnten. Die Autorität der Staatsgewalt, in diesem Fall der Deutschen Bundespost, war in den 80er Jahren noch unnatürlich hoch – schade! Frustriert konzentrierte ich mich die nächsten fast 20 Jahre auf ein nicht elektronisches Medium: die Gitarre.
Erst als ich fühlte, dass der erste Misserfolg im Radiogeschäft gänzlich überwunden war, kehrte ich zurück. Mittlerweile setze ich mein Programm auf Bayern 4 Klassik fort, die Reichweite ist nur unwesentlich höher, die Inhalte sind noch immer die Selben: Musiksendungen, Gewinnspiele und Gespräche mit mir selbst.
Brüggemann fordert einen anderen Umgang mit dem sozialen Phänomen Musik. Weniger Rezension, mehr Recherche und dergleichen. Themen der Musikpolitik etc.. Es ist gerade so, als sei ihm die nmz nie unter die Finger gekommen oder das, was die Kollegen von VAN da treiben. Genau um diese Themen kümmern sich beide Publikationen auf ihre jeweilige Art, die nmz bereits seit über 75 Jahren.
Brüggemanns Musikjournalismus
Wie sieht dann aber der Musikjournalismus bei Brüggemann selbst aus? Lustige Briefe im Stile eines verstorbenen Briefschreibers der BILD-Zeitung, die selten wirklich in den Kern eines Problems sich vorblasen. Die provozieren wollen, aber dies nur über teils groteske Worthülsereien machen, wo, wie kürzlich, der Dirigent Simon Rattle zum Maskottchen verhonepiepelt wird. Oder wenn Brüggemann über Inszenierungen von Opern berichtet, die ihm missfallen und außerdem missfällt, was dann seine Kolleg:innen dazu schreiben. Er, der selbst an anderen Orten schon mal inszeniert, also in „Konkurrenz“ steht.
Nicht erwähnt wird im Beitrag zum Musikjournalismus des Gestern, warum das Titelbild getaucht worden ist. Transparenz ist nicht so die Stärke dieser Form der Kritik. Sein Umgang mit Fotomontagen wäre mindestens ein Grund zum Nachdenken, ebenso zahlreiche Nutzungen von KI-generierte Bilder zu den Artikeln.

Das alles verwundert umso mehr, wenn den Lebenslauf dieses umtriebigen Journalisten, Autoren, Filmemachers, Moderatoren, Redakteurs … sich anschaut. Woher dann die blinden Flecken kommen, erschließt sich mir gar nicht.
Nachfrage nach Musikjournalismus
Dabei hat Brüggemann immer wieder einen Punkt, wenn er feststellt, was jede:r weiß: Dass der Raum für Musikjournalismus im öffentlichen Raum immer schmaler wird. Allerdings scheint mir die Diagnose, es liege an den Autor:innen und Themen, die sie aufgreifen, zu kurz. Es ist eher ein Kreis aus Gründen: Aus eigener redaktioneller Erfahrung weiß ich, dass die Nachfrage nach substanzieller Information zum aktiven Musikleben in Konzerten und Theatern vorhanden ist. Man schätzt die Qualität der Berichterstattung, wenn sie klar und sprachlich pointiert ist. Also die Beobachtungen prinzipiell nachvollziehbar sind und in einer Form stattfinden, die zu lesen, Vergnügen bereitet. Allein, diejenigen, die so lesen, werden weniger. Heute zieht eine gewisse Plattität kurzfristig mehr in der allgemeinen Öffentlichkeit.
BackslashClassical?
Man könnte auch sagen: Verrohung nicht nur in der politischen und kulturellen Kommunikation kommt zwar an, ist aber schnell verheizt. Axel Brüggemann sollte das alles doch auf dem Schirm haben, er dürfte das alles eigentlich doch wissen. Aber er reagiert aus einer anderen Motivation heraus, wie mir scheint. Immerhin: er wagt etwas, bleibt aber selbst eher eigenblasig. Die Diskussionen, die er an sich zieht mit BackstageClassical verpuffen im selbst erzeugten Aufmerksamkeitsstrudel,
Erfahrung vs. Erlebnis
Das Phänomen ist nicht neu, sondern spiegelte sich bereits im letzten Jahrhundert, als Theodor W. Adorno und Walter Benjamin die Wahrnehmungsweisen von Erlebnis und Erfahrung gegenüberstellten. Darüber müsste ich an anderer Stelle schreiben. Die Erfahrungen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, wie sie eben auch Georg Simmel und Siegfried Kracauer notierten, sind erstaunlich ähnlich den heutigen, nur dass damals die Großstädte die Erfahrungsweisen veränderten, was heute die hyperventilierenden Kommunikationskanäle in anderer Qualität erneut hervorzurufen scheinen.
Jetzt aber Schluss für heute, beziehungsweise die letzten Tage.