Vergänglichkeit
!~~1/2006-05-zichte1.jpg|Zigarette 1 - Ascher-Industrie~~! !~~1/2006-05-zichte2.jpg|Zigarette 2 - Ascher-Natur~~! !~~1/2006-05-zichte3.jpg|Zigarettengrab - Musikhochschule~~!
!~~1/2006-05-zichte1.jpg|Zigarette 1 - Ascher-Industrie~~! !~~1/2006-05-zichte2.jpg|Zigarette 2 - Ascher-Natur~~! !~~1/2006-05-zichte3.jpg|Zigarettengrab - Musikhochschule~~!
Im Schatten des Abrisses. Aber dennoch gilt dies als eine blühende Landschaft. MBA, Bachelor, Master? Modul? Das Land macht pleite vor sich selbst. Daran kann ich nichts finden, nichts positives dem abgewinnen. Enteignung der fröhlichen Wissenschaft. Interessiert doch keinen. Aber es ist eine der modernen Gewöhnlichkeiten, tja. Das kann einen schon desillusionieren. Aber nicht so sehr, heute.
Heute um den Dreh bitte eine zweite FSME-Impfung.
Merkwürdig. Da ist de WM schon in vollem Gange und ich habe das nicht mitbekommen. Deutschland hat schon einmal gewonnen und einmal verloren. Kann mir mal jemand sagen, ob das wahr ist?
Im Bundestag notiert:
Berlin: (hib/MPI) Die Probleme mit der Software A2LL für das Arbeitslosengeld II bleiben gravierend und verursachen Kosten in Millionenhöhe. Mit der vollen Funktionalität sei erst in der zweiten Jahreshälfte 2007 zu rechnen, schreibt die Bundesregierung in ihrer Antwort (16/1469) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (16/1014).
Allerdings würden gesetzliche Neuregelungen zu einer weiteren Verzögerung führen, heißt es. Das ist wahrscheinlich, denn das Inkrafttreten des Hartz-IV-Fortentwicklungsgesetzes ist für den 1. August 2006 geplant.
Die Regierung schreibt, eine „genauere zeitliche Planung“ könne „erst nach Vorlage der gesetzlichen Anforderungen erfolgen“. Die Pannen kosten: Bislang habe die Bundesagentur für Arbeit (BA) den Schaden auf knapp 28 Millionen Euro beziffert, so die Regierung.
Hinzu kämen zumindest die Kosten, die durch die Überzahlung von Krankenkassenbeiträgen und deren Rückabwicklung entstanden sind. Zu einer Schätzung, wie hoch die Kosten bis zur Behebung der Probleme insgesamt sein werden, sieht sich die Regierung nach eigener Darstellung derzeit nicht in der Lage.
In der Antwort heißt es, zur Kompensation der Software-Probleme seien zurzeit 82 „Umgehungslösungen“ notwendig, die einen erheblichen Zeitaufwand für die BA-Mitarbeiter bedeuteten. Auch die beschlossene Einbeziehung von Unter-25-Jährigen in die Bedarfsgemeinschaft ihrer Eltern müsse mit einer „Umgehungslösung“ zum geplanten Zeitpunkt 1. Juli 2006 umgesetzt werden, die Software sei dazu nicht vor Anfang 2007 in der Lage.
Ob es dann überhaupt noch Bedarf gibt, dann, Mitte 2007?
Die Software hätte nach Angaben der Regierung bereits zum 1. April 2004 zur Abnahme bereitgestellt werden müssen. Wegen gravierender Mängel sei die Abnahme bis heute nicht erfolgt. Weiter heißt es, für die Erstellung von A2LL, Konzepte, Lizenzen und Schulungen sei von der BA und der Telekomtochter T-Systems ein Vertragsvolumen von 15,69 Millionen Euro brutto vereinbart worden.
Für Betriebsunterstützungsleistungen seien 32,74 Millionen Euro brutto hinzugekommen.
Naja, Peanuts eben. Alles nicht so wichtig.
(mehr …)
Semmel und Schnatterliese stellen die Mannschaften vor. Prima Sache. Und zeitgleich heute in meinem Briefkasten die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Bürgerrechte & Polizei“. Titel: „WM 2006: Die Welt überwacht von Freunden“. Gratulation, das ist ein ganz feiner Titel.
Durch fehlbedienung meiner tASTATUR kam ich drauf. Bei Kommentaren von Semmel hat man Tattaturkürzel: Drückt man ALT+s hat man strike, bei ALT+a hat man Urleingabe, bei ALT+q hat man blockquote, bei ALT+i hat man emphasize, bei ALT+b hat man strong, bei ALT+c hat man code. Und beim jeweilig zweiten Drücken der entsprechenden Kombinationen schließen sich die jeweiligenTags. Ich finde das unheimlich toll. Hatta aba nirgends dokumentiert, soweit ich weiß - aba bin ja auch…
Noch lese ich das Magazin. Der Wolf Lotter macht immerhin Essays, die selbst einen, der so normativ und dogmatisch ist wie ich es bin, nachdenklich. So geht es um das Ende, über das permanente Erneuern, über Dauerhaftigkeit und Flüchtigkeit, über Beschleunigung und Apathie. Das mixt er gekonnt zusammen. Liest sich gut und bleibt doch hinterfragbar. An manchen Stellen musste ich doch schlucken. Mir war nicht klar warum. Jetzt weiß ich es.
Die von Lotter dargestellten Phänomene sind wirtschaftlicher Natur. Dort herrschen andre Methoden als beispielsweise in der Kunst. Man möchte Lotter eigentlich die Lektüre Max Webers anraten. Aber den kennt er freilich. Dort gibt es zahllose Passagen zum Thema Fortschritt, wenngleich Lotter diesen Begriff an keiner Stelle erwähnt. Aber es geht ihm hintegründig zentral eben doch darum, um das Neue, welches das Alte verdrängt. Das Ende des einen ist der Anfang des anderen.
Max Weber hat sich die Frage gestellt, ob Fortschritt in der Kunst nach ähnlichen Ideen entwickelt wird wie andere Formen des Fortschritts. Auch Weber verkennt keineswegs, dass auch in der Kunst „Fortschritte der Technik“ auszumachen sind. Aber es sind eben keine Fortschritte zwingend des Inhalts, also dessen, was da ausgedrückt wird. Eine Fuge von Bach ist nicht schlechter als eine von Beethoven, ein Madrigal von Dowland ist nicht durch ein Chorstück von Schönberg außer Kraft gesetzt.
Ein Kunstwerk, das wirklich »Erfüllung« ist, wird nie überboten, es wird nie veralten; der Einzelne kann seine Bedeutsamkeit für sich persönlich verschieden einschätzen; aber niemand wird von einem Werk, das wirklich im künstlerischen Sinne »Erfüllung« ist, jemals sagen können, daß es durch ein anderes, das ebenfalls »Erfüllung« ist, »überholt« sei. Jeder von uns dagegen in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist.
[Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Max Weber: Gesammelte Werke, S. 5239 (vgl. Weber-WL, S. 592)]
Letzteres trifft so auch auf Gegenstände des Konsums zu. Lotter erwähnt einen Jenaer Soziologen, der von seinem Radiorekorder spricht, den er einstmals genau kannte und genau suchte. Heute sind die Produkte ja doch anders und der Umgang mit ihnen ist anders. Man tauscht Festplatten aus und Stereoanlagen, Monitore und Hosen. Mein Haushalt ist die reinste Abstellkammer. Meinen ersten Radiorekorder besaß ich dagegen jahrelang. Noch heute besitze ich die Bedienungsanleitung. Die Antenne ergänzte ich doch die komplette Bespannung meiner Decke in meinem Zimmer. (So war es fast ein faradayscher Käfig!)
Lotter sieht dahinter aber vor allem ein Veralten und ein Hängen an etwas Vergangenem. Man kann das Tempo eben nicht aufhalten und wer es tut, der ist nicht zeitgemäß. Hierin sehe ich aber das Problem: Kann man das so wirklich sagen. Ist das temporäre Sein, das Wandern (Lotter findet auch einen Begriff wie Heimat eher altertümlich und selbstbelügend) im Unhaltbaren tatsächlich eine Qualität, der man sich unterwerfen muss?
Muss man sich dem nur unterwerfen, weil es, absurd genug, status quo des Lebens geworden zu sein scheint.
Das alte Problem scheint wieder auf, wie technische „Fortschritte“ zu deuten sind. Klar, ich komme heute innerhalb von sechs Stunden von Regensburg nach Berlin (und umgekehrt), zu Hegels Zeiten war dies anders. Dennoch kam selbst Hegel in der Welt herum, aus dem Schwabenland nach Berlin und nach Jena. Ein Umzug früher war zugleich einfacher und aufwendiger in einem. Es waren vor allem Entscheidungen, die auch eben personal gebunden waren. Man steckte mit Haut und Haaren darin. Heute muss man sich schwieriger dafür entscheiden, dort zu blieben wo man ist. Kontinuität, was nicht identlisch ist mit noitorischem Beharren, gilt als unschick.
Lotter unterliegt meines Erachtens dem Denkfehler, alles nach dem Maße eines priorisierenden Getriebenseins zu analysieren. Nach einer Vorgabe, die man sich nicht selbst macht, sondern die andere entwerfen. Die andere entwerfen, die man nicht benennen kann. Wer am alten hängt, hat verloren. Kein Künstler denkt so, kein Mensch denkt so — aus freien Stücken.
Es geht nicht allein um das Festhalten. Wer ein Mozart-Quartett hört und gerne hört, wird nicht aus der Bahn geworfen, wenn er danach eines von Bartok hört. Im besten Fall erweitert es seinen Hörschatz, er hört danach Mozart inklusive der Erfahrung des Gehörten von Bartok. Die Erfahrungen nehmen kein Ende sondern ergänzen sich einfach, überlagern sich, werden zu einer neuen, die schon eine andere Erkenntnis wieder weiter ergänzt. Man wird reicher, nicht ärmer, nicht neuer, nicht besser.
Der Kultursektor lernt im Moment um, aber in die falsche Richtung Im widerfährt die gleiche Illusion, der auch Lotter aufsitzt wie auch breite Kreise der Bevölkerung. Und so kommt es, dass man sich als ein Konservativer wiederfindet in diesem Getriebe, welches man eigentlich immer revolutionieren wollte. eine Erfahrung, die seinerzeit auch Günther Anders beschrieben hat, wenn er Marx umschreibend meinte, es komme nicht darauf an, die Welt zu verändern sondern sie zu bewahren.
Wenn mir derlei aufscheint, dann komme ich mir sehr alt vor, sterbensalt. Da kann ich die neueste Technik benutzen wie ich will. Ich brauche nur dem Klang von Bartoks zweitem Streichquartett zu lauschen, im ersten Satz, wenn er sich in einen ungeahnten Flug begibt, wenn er loslässt, sich dorthin ziehen lässte, wo er sich nicht beherrscht fühlt. Wo es aus ihm herausbricht. Aber auch dort, wo er sich zurückzieht in einen Tonsee. Wo es um das Innehalten geht. Also, das kann mir auch kein neuer Radiorekorder erfülen, keine Gigahertz, keine noch so dicke Festplatte.
(mehr …)