nachruf I

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das gesicht: freier fall. „diese fetten schweine“, sagte er immer, wenn er zu sprechen begann. später setzte sein herz aus, erst das eine, dann das andere.

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Verrückbar

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Ich
bin
offenbar
auch
nur
ein
beliebig
verrückbares
Mobiliar. — (Minderwertig)

Auf mich
setzt man sich.
In mich
schüttet man sich aus.

Man existiert nicht jenseits davon.

Gehe ich zehn Treppen,
geht wer anders elf Treppen.

Arbeite ich zehn Stunden,
arbeitet wer anders elf Stunden. —

ich bin einfach nichts wert.

… ein verrückbares, ein beliebig verrückbares Mobiliar. Nur ein kleines Licht, vielleicht gar keines, vielleicht nichts, vielleicht sogar noch weniger als das.

Kommentar:

Auswirkungen. Man sollte nicht über die Ästhetik des Erhabenen bei Adorno nachdenken. Es ist was anderes.

Das Glück an den Kunstwerken ist jähes Entronnensein, nicht ein Brocken dessen, woraus Kunst entrann; … . Dem ästhetischen Hedonismus wäre entgegenzuhalten jene Stelle aus der Kantischen Lehre vom Erhabenen, das er, befangen, von der Kunst eximiert: Glück an den Kunstwerken wäre allenfalls das Gefühl des Standhaltens, das sie vermitteln.
[Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 3765
(vgl. GS 7, S. 30-31)]

„Glück an den Kunstwerken wäre allenfalls das Gefühl des Standhaltens, das sie vermitteln.“ Das gilt. Das zählt. Ab und zu ist beispielsweise ein Rückzug in die Arme der Kunst recht angebracht. An diesen Stellen, wenn man merkt, das dort bis zur letzten Konsequenz einer Idee, einem Gefühl, einer merklich Ohnmacht auch, nachgespürt wird und alles andere dadurch zu einer verschmierten Selbstbeäugelei wird, wenn man sich dem ganz anheim gibt, dann sind das Momente des Glücks. Das „Standhalten“ ist genau das Gegenteil gegen das Verrücktwerden. Das geht leichter noch in der Kunst, das geht immer dann, wenn man es erfühlt.

Kant bereits entging keineswegs, daß erhaben nicht das quantitativ Große als solches war: mit tiefem Recht hat er den Begriff des Erhabenen durch den Widerstand des Geistes gegen die Übermacht definiert. (…) Erbe des Erhabenen ist die ungemilderte Negativität, nackt und scheinlos wie einmal der Schein des Erhabenen es verhieß.
[Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4208
(vgl. GS 7, S. 296)]

goya_burg.jpg
Francisco de Goya y Lucientes:
Angriff auf eine Burg auf einem Felsen.
1813–1816, Öl auf Leinwand, 84 × 104 cm

Das lässt sich nicht und an niemanden mehr vermitteln. „Ungemilderte Negativität“ wird gehandelt, als hätte man was an der Klatsche. „Sei du man nur negativ, draußen die Welt will etwas anderes.“ Sie will Ersatzmaterial für ihr Fortbestehen. Sie will, dass sie sie ändere, damit sie bleiben kann, wie sie ist. Sie nötigt einem einen Respekt ab, so wie man den Hut ziehen möge vor höher gestellten Personen. Wer dies nicht sich selbst gestattet, der passt nicht hinein. Dem gehören die Ohren lang gezogen, dem gehört seine Nichtigkeit gegeigt. Der zehn Stufen geht, geht eben zu wenig. Das Faktische, das Aufgedrückte, dem die Menschen sich immer wieder beugen, geben sie dann weiter an alle, die weniger seien als sie, die selbst schon weniger sind als andere.

Mensch werden so zu Funktionen wieder und wieder. Sie werden eingerückt in die Rahmenbezüge des großen Unsinns, der aber, weil faktisch, der Sinn ist. Wundert es, dass Adorno daher fordert, die Kunst, wenigstens die Kunst müsse standhalten. Und indem sie es täte, indem sie in eine andere Sphäre sich begebe, bleibt doch ihr Recht nur Teil des Unrechts. So Standhalten kann man nicht, kann auch Kunst nicht. Adorno dachte daher ihr Verstummen an.

Absehbar wird der Prospekt einer Absage an die Kunst um der Kunst willen. Er deutet sich an in denjenigen ihrer Gebilde, die verstummen oder verschwinden. Auch sozial sind sie richtiges Bewußtsein: lieber keine Kunst mehr als sozialistischer Realismus.
[Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 3857
(vgl. GS 7, S. 85)]

Ein Mobiliar, das verschwunden ist, kann auch nicht mehr beliebig verrückt werden. Aber es kann auch nicht mehr Standhalten; dazu müsste man sein Verschwinden erst bemerken. Das könnte der Herrschaft so gar nicht passen. Und deshalb lässt sie selbst das Verschwinden verschwinden. Ausmerzung, Austilgung, Extirpation. In Feuchtwangers „Goya“ bestraft die Inquisition den Künstler mit Vergessen. Wenn man sich die Abstufungen des Austilgens so ansieht, zwischen den Herrschaftsformen, von Anarchie bis Diktatur, wird man auf diesem Wege vielleicht dem Wesen der Herrschaftsformen näher kommen. Aber das lenkt ab.

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Francisco de Goya y Lucientes: Schwarzrand-Album : »Resignation«, 1803–1812, Pinsel- und Tuschelavis, vereinzelt über Federstrichen, auf Papier, 25,5 × 18 cm.

Kunst zeigt ihr Glück gerade dann auch, wenn sie es als Unglück thematisert. Die affirmative Funktion, die man nämlich im menschlichen Leben eingeht, in dem man sein Leben lebt (obwohl, was heißt schon „sein“ Leben in diesem Zusammenhang), schlägt zurück. Was einem von anderer Seite widerfährt, gibt man zu häufig nur weiter an den, der eben nur zehn Stufen geht, statt derer elf. Das ist die Bestätigung des Herrschaftsverhältnisses. Man verinnerlicht es in sich selbst. Das Moment der Autonomie, das man sich wünscht, verschwindet, indem man anders sich verhält, als es sein müsste. Das Mitleid, welches man mit dem weniger-Stufen-gehenden hat, wird selbst zur brutalen Geste.

Man rückt es von sich fort. Solipsismus nennt man das. Es ist das die Fratze, die sich manchem Geist als Autonomie dünkt. Doch es ist das Gegenteil. Denn man erkennt sich selbst nicht mehr im Anderen. Nur den Anderen, den man in sein Bezugssystem einordnet und damit auch gar nicht mehr als den Anderen zu erkennen vermag, sondern nur das Abziehbild, das man ihm zugedeihen lässt.

Der Intellektuelle hat es in einem solchen System nicht leicht. Er ist überflüssig, er produziert keinen rechten Zusatzwert, er ist nur ein harmloser Spinner, so wie es die Künstler auch sind. Sein gesellschaftlicher Nutzen geht gegen Null. Er rettet keine Menschenleben, er passt sich nicht gerne ein, aber anders. Viele passen sich nicht ein, eigentlich fast niemand. Der Intellektuelle stellt aber auch seine angepasste Unagepasstheit in Frage. Er weiß, dass er „so“ nicht passt. Aber nicht in Form einer funktionalen Form von Nützlichkeit, die wie das Geld alles in Wert verwandelt und so auch Menschen verwertet. Jean Paul Sartre hat geschrieben:

„Für mich ist ein Intellektueller: jemand, der seinem politischen und sozialen Zusammenhang treu bleibt, in aber pausenlos in Frage stellt. Natürlich kommt es vor, daß seine Treue und seine Anfechtung in Widerspruch zueinander geraten, aber das ist gut so, das ist ein fruchtbarer Widerspruch. Treue ohne Anfechtung, das geht nicht: dann ist man kein freier Mensch mehr.“
[Jean Paul Sartre: In den Schützengräben von Raymond Aron, in: ders., Plädoyer für die Intellektuellen, Hamburg 1995, S. 220.]

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Francisco de Goya y Lucientes: Tagebuch-Album : »So enden oft nützliche Menschen«, 1803–1824, Pinsel in schwarzer Tusche, laviert, auf weißem Papier, 20,5 × 14,2 cm.

Und um frei zu sein, muss man erst einmal bei sich sein. Das fatale Moment der falschen Autonomie gestattet eben dieses nicht. Standhalten kann nur etwas, was überhaupt ist. Wenn man merkt, dass es damit nicht weit her ist, dann kommt man auch nicht vom Fleck. Es ist dies keine Frage der Jammerfähigkeit — jammern, das darf man selbst immer, aber nicht die anderen. Dass die Welt nicht gerade so eingerichtet ist, dass man sich darin wohl fühlen mag, darf nicht heißen, dass man den status quo dadurch bestätigt, wenn man auf die schimpft, die genau das gleiche tun, nur dass sie nur zehn statt elf Stufen gehen. (Es gibt übrigens immer wen, der noch mehr Stufen geht.)

Es gälte allererst, diesen Fehler des Eigendünkels zu durchschauen, auf jeder Stufe. „Treue ohne Anfechtung, das geht nicht: dann ist man kein freier Mensch.“

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Francisco de Goya y Lucientes: Tagebuch-Album : »Weil er die Zunge anders bewegte«, 1803–1824, Pinsel in Sepialavis, auf weißem Papier, 20,5 × 14,3 cm.
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Violinkonzert

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Das Urheberrecht erlischt — wie bekannt — 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. 1935 starb der Komponist Alban Berg. Somit läuft da das Urheberrecht an den Werken aus. Vielleicht nicht ganz, weil einige Dinge erst nachträglich in eine Fassung kamen, die erst ab diesem Zeitpunkt dann laufen. Das hängt auch mit der Veröffentlichungslage zusammen. Egal. So bekloppt die Regelung auch ist, manchmal ist sie einfach hilfreich. Sie wird dem Urheber nicht gerecht, diese…

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Boot

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„Nicht Du stehst unter meinem Einfluß, sondern ich unter Deinem,“ soll Dimitri Schostakowitsch über sie gesagt haben. Galina Ustwolskaja ist bald 90 Jahre und einfach eine der außerordentlichsten Komponistinnen auf diesem Planeten. Radikale Schönhiet in der Schroffheit. Man erschrickt leicht bei dieser Musik, ist gefangen genommen von den absurden Wechseln der Lautstärke. Das ist alles wenig anheimelnd. Aber es ist auch keine bloße Provokation aus dem Nichts. Eher ein ganz präziser Weg zu dem, was man Komposition nennt.

Ich habe da ein paar Aufnahmen wie die Kompositionen I-III, die schon in der irrwitzigen Besetzung alles in den Schatten stellen (I: Piccolo, Tuba, Klavier; II: 8 Kontrabässe, Holzkubus, Klavier; III: 4 Flöten, 4 Fagotte, Klavier).

Die Musik Galina Ustwolskajas ist nicht “avantgardistisch” im landläufigen Sinne und entging wahrscheinlich deshalb einer offenen Verurteilung in der UdSSR; man warf der Komponistin jedoch neben mangelnder Kommunikationsbereitschaft “Dichte” und “Hartnäckigkeit” vor. Erst in den letzten Jahren begannen ihre Kritiker zu begreifen, daß diese vermeintlichen Mängel gerade die besonderen Qualitäten dieser Musik ausmachen. Der Komponist Boris Tischtschenko verglich die “Dichte” ihres Stil mit dem gebündelten Licht des Laserstrahls, der in der Lage ist, Metall zu durchdringen. [Quelle]

Vor allem ist es kantig, blockhaft wie in den Kompositionen I bis III. Fast manisch in sich kreisend, aber eben nicht rund kreisend. Sondern quadratisch. Ja, Malewitsch, das ist so etwas, übertragen auf die Bildende Kunst, und dann in die vierte Dimension übersetzt.

Ich würde gerne ein Beispiel bringen, aber geht nicht; ist ja geistiges Eigentum und musikalisches Eigentum. Und das ist unheimlich wichtig, weswegen man billiger ohne es auskommt. Kann ja nicht jeder Gebühren bekommen wie der Rundfunk.

Gestorben sein soll dagegen Gennadij Ajgi. Der Lyriker tschuwaschischer wurde 1934 geboren.

/Ja. Dieses auch — kommt von dort: nichts ist geschehen, — und heißt nur eins: verschwinden/.

Gennadij Ajgi, Aus den Feldern Rußlands,
Feldvollendung
/Land ohne Leute/
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Weils mir am Herzen liegt

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Ich bin nicht blond. Ich habe keine Kulleraugen. Oh Gott, geht mir der Kerner auf die Nüsse. So ein alter Schleimblozen, der ist so richtig schlimm erst, wenn man den Ton abdreht. Aber seine Faltencreme ist klasse.

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Ärgerlicher Ärger

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<%Podcast(http://www.kritische-masse.de/logger/dlcount.php?id=masse&url=http://www.kritische-masse.de/blog/media/1/norton.mp3|Auto-Podcast mp3)%>
Semmel schwärmt so von Bitdefender und schimpft auf Symantec und T-Online (und Tchibo). Und empfiehlt Bitdefender. Semmel hat in diesen Dingen meistens Recht. Also Bitdefender runter geladen und installiert, blauäugig, ohne zuvor das alte Programm, den Norton im Abo zu deinstallieren.

Milch kaufen gehen. Neustarten. Kriechmaschine, denke ich, da gibt es jetzt den Kampf der beiden Firewalls. Schau ich doch mal zu — und es dauert und dauert. Am Ende kriecht die Maschine langsam den Boden entlang. Eine Jarrett-CD lang. Und die Kinderschutzsoftware von T-Online meckert dazu im Trio. Supi.

Nichts läuft. Alles kriecht. Norten lässt sich nicht deinstallieren, weil er Updaten will. Bitdefender lässt sich nicht deinstallieren, weil er angeblich nicht installiert sei. Die Kinderschutzsoftware lässt gar nicht zu, denn die startet unvorhergesehen erst gar nicht, blockiert aber Norton Autoupdate, der damit partout nicht aufhören will.

Und alles kriecht. Schleicht. Denkste. Haste ja die Norton-Entfernungssoftware vom lieben Semmel erhalten. Doch die tut es nicht, solange das Autoupdate läuft, welches nicht läuft, weil die Kinderschutzsoftware den Zugang ins Netz verhindert. Die lässt sich aber auch nicht deinstallieren, weil sie wegen des Kampfes zwischen Norton und Bitdefender vergessen hat, ihre Konfigurationsdaten ordentlich zu speichern. Rat aus dem Netz geht nicht, weil kein Zugang. Und alles kriecht in Zeitlupe. Menüs blättern nach Minuten auf.

Irgendwann startet doch das Nortonentfernungstool. Aber es hängt irgendwo fest und will irgendwelche Trees nicht löschen können. Abbrechen lässt sich das eigentlich nicht, ist sogar verboten irgendwie.

Trotzdem, ein Neustart könnte die Kinderschutzsoftware doch wieder retten. Auch das war nichts. In langsamsten Tempo das nämliche Bild. Also an den anderen Rechner. Die Kinderschutzsoftware neu laden und zu installieren versuchen. Es geht aber auch auf diese Weise nicht. Ganz langsam geht es nur. Jetzt sind schon vier Stunden rum, die Jarrett-CD höre ich zum fünften Mal hintereinander. Achja, die T-Online-Software hab ich auch komplett zu deinstallieren versucht. Nach einer halben Stunde zeigte der Fortschrittsbalken schon 10% Fortschritt.

Neustart. Jetzt einen Neustart. Denn nebenan am Rechner habe ich gelesen, dass es ja so etwas wie Wiederherstellungszeitpunkt gibt. Nach vierzig weiteren Minuten kommt die Auswahl. Man weiß ja nie. \Windows\system32\Restore\rstrui.exe — warten, alles fährt runter und rauf. Und alles ist wie vor sechs Stunden, nur heile.

Drauf verlassen würd ich mich besser nicht. Alles danach schön erst mal deinstalliert. Kinderschutz weg – Neustart. Norton weg – Neustart. CA-eTrust-Virenscanner weg und gleichzeitig, man wird ja wieder mutig, Bitdefender drauf und drüber – Neustart. Und siehe, es geht doch. Spaß muss sein.

Weitere Norton-Geschichten.
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Ein gutes neues Jahr

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zum guten neuen Jahr. Die Sprachsythese von Mbrola geht erstaunlich gut. So klingt dann der . Außerdem kann ich so mal die Podcast-Tags für nucleus testen. (Aha, zwei auf einmal werden natürlich nicht in einem Beitrag übernommen. Ist ja auch irgendwie logisch.

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Verletzungen im Knie

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Neulich sind Karikaturen über die Scientology Church aufgetaucht, irgendwo in Chile. Dazu sagte die Chefin der Goethe-Institute: „Wir können uns die Verletzlichkeit anderer Kulturen bzw. Religionen kaum vorstellen.“ Weniger also aus presserechtlicher Sicht, als aus dem Ethos einer verantwortlichen Presse heraus, hält Jutta Limbach die Veröffentlichung der Karikaturen für bedenklich: „Es ist eine Geschmacklosigkeit höchsten Grades, wenn man Menschen dort trifft, wo sie, weil es um das ihnen Heilige geht, am verletzbarsten sind.“ [Abgewandelte Pressemeldung!] Taliban, ick hör dir trapsen.

Anscheinend hat sich wieder mal niemand die Mühe gemacht, sich über den Inhalt von Satire Gedanken zu machen. Nein, das Heilige, das jeder für sich bestimmen mag, das ist es. Wie viele Verletzungen es ganz ohne Karikaturen täglich gibt, auf höchster politischer Ebene, sei es von dem Chef der USA oder des Iran, das ist doch pillepalle. Guantanamo Bay und dieses beschränkte Hirn aus dem fernen Land, die sind sich doch eigentlich ziemlich nahe. Gegen Fanatismus ist Satire und Karikatur ein kaum taugliches Mittel.

Das liegt auch daran, dass es den Herrschaften nicht gelingt, glücklich zu werden. Sie haben keine Distanz zu sich selbst, die es ihnen möglich machen würde, sich selbst als lächerlich und als fehlbar zu erkennen. Im übrigen geht es auch gar nicht um Religion. Religion kann man nicht karikieren. Wie auch. Man kann Repräentanten überführen, man kann Statthalter anklagen. So geht es dem Papst, so geht es Calvin, so geht es denen allen. „Mir geht es wie dem Jesus, mir tut das Kreuz so weh.“ Da war man auch echt schockiert hier. „Oh, oh, oh, zum Donnerwetter, alles Leute werden fetter“ sangen Insterburg & Co. „Männer“ blies Grönemeyer in die Popritzen. „Journalisten sind Schmierfinken“ —

Ein großes Ablenkungsmanöver das Ganze. Wie oft werden Menschen verletzt, physisch sowieso, aber auch sprachlich und durch das Gesetz. Da werden von Amts wegen Menschen zu Sachen, zu Objekten der Administration, zu Zahlen zu Statistiken. Dass die Karikaturen aus Dänemark — wenigstens eine finde ich wirklich gut — so einen Tumult auslösen, rührt nur wieder an die Schwäche des Selbstbewusstseins; nämlich derer, die glauben, das müsse man mit eben den Mitteln beantworten, die dort karikiert werden.

Es ist hier keine Frage des Glaubens angesprochen, denn Glauben ist unverletztlich, er mag noch so tödlich sein (für den der glaubt — Stephanus). Aber der wirkte aus der Kraft des Glaubens und die machte ihn an sich unverletzbar. Das lässt sich nicht karikieren.

Aber wenn der Glaube an den Glauben, der Glaube an Demokratie (meinetwegen) dazu führt, dass er wider sich selbst sich kehrt, dann darf, kann und muss man vielleicht sogar sprechen.

Da sehe ich sogenannte oder selbsterannte Linke, die nun aufstehen und in einer Kriech- und Schleimorgie plötzlich von tiefreligiösen Gefühlen faseln, die durch diese Karikaturen oder Zeichnungen verletzt worden seien. Diese Menschen, die genau in dem Moment sich mit jemand solidarisieren, welche überhaupt nicht das repräsentieren, was man als Gläubiger glauben würde. Denn der Glaube steht über so einer Karikatur. Eigentlich sollten sie schlauer sein. Der gläubige Christ wird sich immer gegen eine Instrumentalisierung seines Glaubens wenden; zum Beispiel wenn der Chef der USA mit „Gottes Segen“ sich wähnt oder ihn erbittet. Aber es wird ihn kalt lassen, irgendwie. Oder er wird dagegen sich auflehnen.

Was, in welchem Namen, auf auf der ganzen Welt durchgeführt wird, ist meistens der reinste Humbug. Ob im Namen der Demokratie, des Volkes (Freisler) oder des Glaubens (die heilige inquisition, der heilige Krieg, Gotteskrieger), das hat nicht viel mit Glauben zu tun. Aber mit Aberglauben. Ja, mit diesem.
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