Da ich ausnahmsweise heute etwas früher am Bahnhof an Berlin Zoologischem Garten war, beschaffte ich mir schnell eine neue c’t und die Berliner Zeitung (solange es sie noch so gibt). Auf dem Weg zum Bahnsteig gibt es dann eine Zwischenetage. Schon früher fiel mir ein Mann mit Verkaufsstand auf. Meistens halte ich da Abstand, um ja nur nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden. Oder sogar in ein Verkaufsgespräch.
Der Mann fällt mir schon seit einiger Zeit auf. Er steht da mit seinen Tischen und seinen Fläschchen und putzt Brillen. Brillenträger, der ich bin, nahm ich dieses Mal, ich hatte ja Zeit, den kürzeren Weg, dicht an ihm vorbei — also den längeren. Er bat mich freundlich um die Brille, die er auch als verschmutzt ausmachte beim Durchschauen. Er putzte sie und erzählte mir etwas von biologischen Sachen. Er hauchte auf sie drauf, um mir klar zu machen, jetzt gibt es keinen Beschlag mehr. Ein Wundermittel. Und sauber macht es auch noch.
So ein Fläschchen wollte er mir dann auch verkaufen. 19, 90 Euro und hält anderthalb Jahre. Und ausnahmsweise und nur für mich, zwei zum Preis von einem. Nun ja, das sind immer noch 40 Mark etwa und umgerechnet, da bekommt man schon eine Sporthose für. Aber: Das Kunststoffglas war sauber.
Trotzdem lehnte ich ab. Er fragte zurück, weshalb ich ablehnte, vielleicht wegen des Preises. Ja, gab ich zurück. Also dann für 10 Euro nur eine Flasche. Das schien mir doch einigermaßen logisch und aufrichtig. Ich willigte ein und erwarb das Wundermittel. Für Schmuck solle es auch wirken, sagte er noch, das wäre doch etwas für meine Frau. Na klar.
Im Zug stellte ich mir die Frage, ob nicht 10 Euro für ein Putzmittel auch etwas happig sei. Nun, der Stand kostet ja auch etwas und Personalkosten fallen auch an. Eigentlich sogar günstig das Zeug. So gesehen.
Aber doch ein anderes Argument fiel mir ein. Auch später kann ich guten Gewissens seine Putzdienste am Bahnhof Zoo annehmen und sagen, dass ich sein Produkt schon besitze. Klar, ich könnte auch zum Optiker meiner Wahl gehen, aber das ist nicht das Gleiche. Mit klaren Brillengläsern die c’t und die Berliner Zeitung zu lesen auf einer langweiligen Zugfahrt durch Ostdeutschland und Bayern, das hat auch seinen Reiz.
Ich hoffe, er macht noch gute Geschäfte, dieser Mann in der Zwischenetage des Bahnhof Zoo. Ich gönne es ihm ganz aufrichtig, auch wenn ich es nicht gerne habe, wenn fremde Menschen mir auf meine Brille hauchen.
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