taktlos #82: Operette, Land des Schwächelns

  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

Gestern abend um diese Zeit ging taktlos 82 über die Bühne, besser gesagt über den Sender. Ein wieder ganz lebendige Sendung mit mindestens zwei Gesprächspartnern, die schön reden konnten (einer davon zumal ein Bariton). Operette? Das habe ich mir auch gesagt und meinen Teil gedacht. Mottenkiste mit zuviel Schminke (aber dazu später). Nach der Sendung dann wie immer rüber zum Funkstadl und weiter gezwitschert mit den Gästen. Dabei war schließlich ein altes Fernseh-Idol, der…

Weiterlesentaktlos #82: Operette, Land des Schwächelns

Hey, heute ist ja Nationalfeiertag

  • Lesedauer:15 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

Eilige Arbeitsunterbrechung. Meine liebe Kollegin aus Läpsch hat mir ein Geheimdokument zugeschanzt, welches die Bedeutung des heutigen Tages genial hevorhebt. Am heutigen 7. Oktober, dem 55. Gründungstag der DDR (wenn es ihn denn gegeben hätte), erläutert der MDR-Journalist Jörg Sobiella seine Sichtweise auf den „Weg zur Befreiung unserer deutschen Landsleute“. Und das auf MDR! FIGARO!!

Nur mal so vorweg ein paar Kostproben:
… Zum 40. Jahrestag der DDR schenkten die Zeissianer dem SED-Generalsekretär den ersten selbstgefertigten 1-Megabit-Ship. Man male sich aus, was dem Partei- und Staatschef dieses Jahr, zum 55. Jahrestag, als Spitzenleistung präsentiert worden wäre: das erste selbstgebaute Mobiltelefon vielleicht oder die Ankündigung, daß die ersten 100 Faxgeräte in der Republik installiert werden. …

… Uns wendegeprüften Ostdeutschen wird die Dickfelligkeit und Perspektivlosigkeit der derzeitigen bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht wirklich erschüttern und sie scheinen uns auch nicht neu zu sein: der Niedergang der politischen Kaste und ihrer Parteien, die mit dem Stückwerk ihrer Reformen schon beim Dosenpfand scheitern und blind sind für die Verantwortungsflucht der Eliten, die es den Essers und Ackermanns erlaubt, unterm Victory-Zeichen sich gegenseitig Millionenbeträge in die Taschen zu stopfen, dieweil Hunderttausend andere auf eine Hartzwanderung durch die Täler der Entsolidarisierung geschickt werden. …

Langsam passt eben doch zusammen, was sich da auswächst.

„Mir fällt zur Wende nichts ein“
von Jörg Sobiella

Mir fällt zur Wende nichts ein. Mit diesem Ergebnis längeren Nachdenkens bleibe ich beträchtlich hinter meinen eigenen Erwartungen zurück…

„Denk, Dir“, sagte damals eine Bekannte zu mir, „wir erleben gerade Geschichte wie 1789 in Frankreich.“ Erlebten wir Geschichte? Wir steckten mitten in einem historischen Wahnsinn. Wir sagten in den Herbstwochen 89, im Winter und Frühjahr 90 nicht „Guten Tag“, wir begrüßten uns mit der Versicherung, daß das alles „Wahnsinn“ sei, spätestens seit dem 9. November.

Keine Tante im Westen
Freudentränen, Begrüßungsgeld und Kulturschock, für all jene, die keine malade Tante im Glitzerreich des faulenden und sterbenden Kapitalismus heimsuchen konnten und die der Rückseite des antifaschistischen Schutzwalls noch nicht ihre eigene Rückseite voller Genugtuung hatten zeigen können. Binnen Wochen war die „Zukunft der Menschheit“, das „sozialistische Weltsystem“ vom Mantel der Weltgeschichte verweht, waren die anscheinend so fest gefügten Mauern rings um das kleine Land wie eine Sandburg zusammengesunken.

Stickige Vorhöllen-Idylle
Wir lebten in der stickigen Vorhöllen-Idylle dieser „Zukunft der Menschheit“, des Kommunismus, den wir mit (Staats-)Sicherheit niemals erleben würden. Von Privatleasing, feng shui, simplify your live, von Vorsteuer-Rückvergütungspauschal-Anträgen, Schnupperangeboten und Entschädigungsdebatten für Zwangsarbeiter erfuhren wir später. Wir hatten 5-Pfenning-Brötchen, genügend Kindergartenplätze, Zeitungen, die man nicht lesen mußte, Polikliniken, eine Schauspielkunst, die selbst kleinste Theater adelte und abends das Sandmännchen; alle Bücher waren preiswert, aber alle Bücher gab es nicht. Und wir verfügten über viel Zeit. 15 Jahre warteten wir auf ein kleines Auto. Wir fragten nicht, ob sich das „rechnete“, bis eine andere Rechnung nicht mehr aufging. Denn Zeit war uns nicht Geld, Zeit war Existenz.

Schrumpfende Perspektive
Der menschheitsbeglückende Zukunftshorizont war nach 40 Jahren Verheißungspropaganda ins Verschwommene entrückt und zugleich so erbärmlich geschrumpft, daß er für die individuellen Lebenszeiten mickrig und entfernt zugleich war. Die Perspektive der Menschheit bestand aus den parteitäglichen Bilanzen, wieviel Haushalte in der DDR einen Farbfernseher und eine Küchenmaschine hatten.

Hier die entwickelte sozialistische Gesellschaft auf der Basis bescheidener Heimelektronik und Küchentechnik, dort die andauernd zu berücksichtigenden, besonders verschärften Situationen des internationalen Klassenkampfes. Die DDR – ein Staat, der 40 Jahre lang fast jedes Quartal mit einer neuen besonderen Lage zu kämpfen hatte. Lenin sollte Recht behalten: Der Wettlauf der Systeme, schreibt er irgendwo, entscheide sich in letzter Instanz für das System mit der höheren Arbeitsproduktivität. Zum 40. Jahrestag der DDR schenkten die Zeissianer dem SED-Generalsekretär den ersten selbstgefertigten 1-Megabit-Ship. Man male sich aus, was dem Partei- und Staatschef dieses Jahr, zum 55. Jahrestag, als Spitzenleistung präsentiert worden wäre: das erste selbstgebaute Mobiltelefon vielleicht oder die Ankündigung, daß die ersten 100 Faxgeräte in der Republik installiert werden.

Wie die Zukunft aussehen werde, krähte Honecker auf dem XI. und letzten Parteitag der SED, das möge man in den Schriften von Marx und Engels nachlesen. Alte Pamphlete aus dem 19. Jahrhundert sollten uns den Weg weisen ins 21.. Auf solch schöne Aussichten wollten wir zum Schluß nicht mehr bauen. Obwohl viel gebaut wurde: die zwei-Millionste-Neubauwohnung. Wieder Originalton Honecker: Daran hätte zu Kaisers Zeiten keiner gedacht. Wie wahr! Zu Kaisers Zeiten hatte man auch vieles andere noch nicht geahnt. Wir aber fragten uns: Mein Gott, wie alt ist der Mann, der sich so lebhaft an Kaisers Zeiten erinnert? Er war sehr alt und kurz nach Kaisers Zeiten einmal Dachdecker gewesen und nun der erste Mann in einem Staat, in dem die Dächer der Häuser kaputt waren, die aus Kaisers Zeiten und davor stammten. „Aktion Dächer dicht!“ hieß deshalb eine Initiative in den 80ern. Sie ist der DDR gründlich mißlungen, anders als andere Dichtmach-Aktionen.

Biografien durcheinander gewürfelt
Die Wende hat die meisten der 17 Millionen ostdeutschen Lebensläufe durcheinander gerührt wie Kleidungsstücke in einer Waschmaschine. Aus diesem Wirbel sind wir mit einer eigentümlichen kleinen Schlagseite in der neuen Zeit gelandet. Ich will sie den Wendeblick nennen, in dessen skelettierendem Licht man den Dingen und Verhältnissen, den Versprechungen und manchmal auch den Menschen nicht mehr treuherzig vertraut. Es könnte, wer will, fortan auf eine Haltung aus Unerschütterlichkeit, entschlossener Skepsis und eine Prise Ignoranz zurückgreifen, der einen Staat samt seiner sozialen Bindekraft verschwinden sah.

Lang lebe der Sozialismus oder das Methusalem-Komplott!
Einerlei, erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Uns wendegeprüften Ostdeutschen wird die Dickfelligkeit und Perspektivlosigkeit der derzeitigen bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht wirklich erschüttern und sie scheinen uns auch nicht neu zu sein: der Niedergang der politischen Kaste und ihrer Parteien, die mit dem Stückwerk ihrer Reformen schon beim Dosenpfand scheitern und blind sind für die Verantwortungsflucht der Eliten, die es den Essers und Ackermanns erlaubt, unterm Victory-Zeichen sich gegenseitig Millionenbeträge in die Taschen zu stopfen, dieweil Hunderttausend andere auf eine Hartzwanderung durch die Täler der Entsolidarisierung geschickt werden.

Demokratie mißverstanden
„Wir wollten Gerechtigkeit und haben den Rechtsstaat bekommen“, bekannte Bärbel Bohley vor 10 Jahren resignierend, worauf sich ein großes Geschrei erhob, daß, wer so argumentiere, die Demokratie mißverstanden habe. Wer blühende Landschaften versprach, verriet freilich auch bloß sein embryonal entwickeltes Gesellschaftsbild, weil Wohlstand und Demokratie nicht als siamesische Zwillinge geboren werden müssen.

Wenn jetzt Wähler in einer Schnauze-voll-Stimmung für Rechtspopulisten votieren, muß man ihnen nolens volens bescheinigen, das Funktionieren einer Demokratie ohne Gerechtigkeit und Wohlstand als politische Daseins- und Ausdrucksform durchaus richtig kapiert zu haben, vielleicht besser als Bohley und Kohl. Sollte man den Rechtsruck nach den Landtagswahlen von Sachsen und Brandenburg auch als Sehnsucht nach dem sauberen, starken Staat deuten können, bliebe die letzte demokratische Wählerbelehrung bloß die, daß man in Demokratien die Freiheit hat, unter vielen Parteien auch eine rechte Partei wählen zu können, während man in allen anderen Staatsformen stets zur Pflicht gezwungen wird, der einen rechten Partei (auch wenn es eine linke ist) zuzustimmen.

Freie Wahlen und Wahlfreiheit – Errungenschaften des 89er Herbstes
Niemand hätte damals gedacht, daß freie Wahlen einmal zum Problem werden. Für freie Wahlen hatten wir demonstriert. Heute gehen immer weniger Bürger hin. Für Meinungsfreiheit waren wir auf die Straße gegangen und nicht für das klägliche Versagen der Meinungsmacher am jüngsten Wahlabend, als diese an der vergleichsweise harmlosen Aufgabe scheiterten, die Spitzenkandidaten der Rechtsparteien zu befragen. Politkommissarisch verbiestert, die rechten Bauernfänger als Tölpel vorzuführen, entsprachen sie ihren Interviewpartnern exakt als tölpelhafte Interviewer – und als mindere Demokraten.

Hunger nach Normalität
Die aufputschenden Energien jenes 89er Wahnsinns sind längst von den bleiernen Ritualen eines neuen grauen Alltags aufgefressen. Auch wenn man sich Wunder und Wahnsinn bewahren wollte, auch wenn plötzlich jeder andere Hunger gestillt werden konnte, wir hungerten bald schon nach Normalität: „Also wir fliegen ja jeden Winter nach Mallorca oder Teneriffa,“ hörte ich 1992 eine Ostdeutsche sagen. Man war kurz davor noch als Dreißigjähriger 40 Jahre lang um diese Selbstverständlichkeit betrogen worden. Inzwischen fährt man wieder an die Ostsee.

Alles schon gesagt, enttarnt und erforscht
Eine schwache Wende-Hintergrundstrahlung aber leuchtet noch immer aus unserem Denken, Fühlen und Tun. Insofern haben wir tatsächlich Geschichte glück- und schmerzhaft erfahren.
Wir können sagen: „Von hier und heute …. und wir sind dabei gewesen.“ Alles andere ist schon gesagt, geschrieben, verfilmt und erdichtet worden. Die Wende – das am meisten erforschte Phänomen der deutschen Geschichte nach Hitler. Jeder war im Widerstand und hat eine Akte. Jeder, der als IM noch nicht enttarnt wurde, muß weiterhin fürchten, daß er es wird. Jeder ist ein Zonenkind, hat in der Sonnenallee gelebt und auf seine Weise „Good bye, Lenin“ gesagt. Jeder schmunzelt, wenn vom „Hasen im Rausch“, und jeder ist ergriffen, wenn vom Schicksal der Brigitte Reimann gesprochen wird.

Nein, es ist nicht alles schlecht gewesen. Aber wieder in der DDR leben, das will keiner.
(mehr …)

WeiterlesenHey, heute ist ja Nationalfeiertag

1926-1928 – Oktoberfest München

  • Lesedauer:9 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

Jetzt ist das Oktoberfest in München rum und beinahe hätte ich den Absprung verpasst, denn der gute Ödön von Horváth hat einmal in einem Fragment das Treiben dort so eindrücklich geschildet wie auch die Wesensart der Beteiligten, dass man nicht recht weiß, ob man darüber lachen und erschrecken muss. [Nachtrag: Jetzt sehe ich, es ist gar nicht das Oktoberfest, also noch schlimmer, die Starkbierzeit.]

Charlotte. Roman einer Kellnerin

Es waren drei Wochen vergangen seit dieser Redoute, der Fasching war aus, die Starkbiersaison begann, München flaggte zum Nationalfeiertag und es gab zwei Wochen hindurch täglich fünf- bis sechstausend Betrunkene. Die Straßenbahnen konnten nicht weiterfahren, weil sich die Leute auf den Schienen auszogen, es wurden im ganzen zweiundzwanzig Leute erstochen, darunter zweiundzwanzig Norddeutsche, drei erschossen, einer hat sich selbst erschossen, aus lauter Gemütlichkeit. Die Leute standen von den Tischen nicht mehr auf, kotzten daneben hin, sangen: Deutschland, Deutschland über alles, versicherten im Chor, daß es nur ein Loisachtal gibt und frugen sich gegenseitig, ob sie auch das Tal im »Alpenglühen« kennen, Bayrischzell und die Alpenkönigin Edelweiß. Drei Frauen und neun Männer wurden vergewaltigt und siebzehntausend-zweiundzwanzig Ehen gebrochen und ungefähr dasselbe fast gebrochen. Vornehme Damen traten einfach heraus und pißten auf die Straße, die Schutzmänner hatten anstrengenden Dienst. In einer Bierbude saßen zehn Männer um einen Tisch. Der eine wollte sich den Mantel holen, sah aber, daß er gestohlen war, sprang auf den Tisch und schrie: »Damit ihr seht, wie ich mir das zu Herzen nehme, erschieß ich mich«, und zog einen Revolver und erschoß sich. Fiel tot über den Tisch, an dem sein Bruder saß, der sagte nur: »Is dös aba a Witz, jetzt derschieaast si der wegn an Mantl.« Das Blut rann mit dem Bier zusammen und die Ordner schafften die Leiche aus dem Saale. Es war sehr gemütlich. An Alkoholvergiftung erkrankten dreißig Personen, eine Frau wurde bewußtlos in das Krankenhaus gebracht. Ein würdiger alter Herr mit Bismarckblick stieg am Marienplatz ein und fiel mit seinem langen weißen Bart um. Alles bemühte sich um den Patriarchen, als er zu sich kam, spie er den Wagen voll, der gute alte Herr, und rülpste nach Bier und Rettich. »Herzlichen Dank, meine Herren!« sagte er und fiel aus der Straßenbahn. Die Sanitäter brachten ihn mit einem komplizierten Oberschenkelbruch in das Krankenhaus. Er starb dort, der Arme, am Säuferwahn.

Sein Delirium: Kleine Kinder bekamen Bier eingeflößt, die Brust der Münchener Mutter hatte Bier statt Milch, und in den Kirchen verwandelte sich Bier in das Blut des Nazareners. Die ganze Stadt war ein Bierkeller, es gründete sich ein Verein gegen das schlechte Einschenken, der stellte den Ministerpräsidenten, und man vergaß das Vaterland, es hieß statt Bayern und Pfalz, Hopfen und Malz, Gott erhält’s!

Und während der Arme am Säuferwahn starb, kam der Vater Charlottes nach Hause. Am Hute trug er Tannenreis. Er legte sich zu Bett.

Der angestammte König, Otto von Wittelsbach, war verrückt und infolgedessen regierte der Prinzregent Luitpold, den die Welt von den Briefmarken her kennt. Er unterstützte die Künstler, ging auf die Ateliers, ging auf die Gemsjagd und Wilhelm der Zweite war ihm höchst unsympathisch. Er war schon ein alter Herr, rauchte schwere Zigarren und war allseits beliebt, denn er störte nirgends, wo er hinkam. Er sah dekorativ aus, und der Bayer liebt das Kunstgewerbe.

Die Münchener Bürger kümmerten sich nicht um Politik, und ihr ererbter Liberalismus äußerte sich nicht im Freihandel, sondern in einer Duldsamkeit gegen den Rausch, die Besoffenen. Freie Bahn dem Besoffenen, das war die Parole.

Die Museen mußten wegen dem Fremdenverkehr errichtet werden, der blühte. Jeder Maler war Professor, die Schwabinger beliebt, der Geist geduldet, die Künstlerfeste,dazu mußte man die Kunst haben. Der Mittelstand erwies wiedermal seine Kulturaufgabe, als der Stand, der die Kultur trägt. Der Kitsch blühte, Zarathustra tanzte und Isar-Athen war so gemütlich, die Stadt der Musen, der Boheme, dieser bürgerlichen spießigen Anarchisten und des deutschen Museums, dieses Wunderwerkes der Technik.

Charlottes Mutter las soeben in der Zettung, daß Zar Nikolaus mit Imperator Rex Wilhelm zwo zusammentraf und [sie] sich herzlich begrüßten und daß der Bürgermeister von Berlin, Herr von Jagow, auf die Leute schießen ließ und daß wieder so eine Schweinerei von einem gewissen Wedekind verboten worden ist und daß Ludwig Thoma wegen Beleidigung von Vertretern von Sittlichkeitsvereinen eingesperrt worden ist, als ihr Mann eintrat. Sie fühlte sich in gewisser Weise als Siegerin über ihn und seit dieser Redoute hatte sie es sich vorgenommen, ihn ab und zu zu ärgern. Er schien ihr plötzlich minderwertig, und daß sie eine viel bessere Partie hätte machen können. Es war ihr aber, als merkte er ihre Gedanken und [da] tat er ihr wieder leid. Er setzte sich in den Stuhl und las die kleinen Anzeigen, wer gestorben ist usw., das andere, denn ob unsere Zukunft am Wasser liegt, oder nicht, das interessierte ihn nicht. Sie bildete sich ein, daß das Kind vom Attache war, und es war doch von ihm, denn nach jener Redoute nahm er sie auch, denn das dicke Mädel war plötzlich mit einem jungen Studenten verschwunden mit wasserblauen Augen, der zum erstenmal auf einer Maskengaudi war. Der Attache konnte nämlich gar kein Kind bekommen, das wußte er. Er war unfruchtbar, und das war gut so. Also war Charlotte rechtlich korrekt erzeugt und die geheime Hoffnung der Mutter zu Schanden geworden.
Aus: Horváth, Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß, Ffm 2001, S. 23 f.
(mehr …)

Weiterlesen1926-1928 – Oktoberfest München

1990 – Das nackte Daß

  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

<%image(20041005-wetz.jpg|140|227|Das nackte Daß)%>

Ein Buch wie ein Hammer, der Titel knallt selbst noch im Untertitel „Zur Frage der Faktizität“. Franz Josef Wetz hat es geschrieben, einer der von Ferne zu jener Zeit aussah wie ein Nachfahre Friedrich Nietzsches. Das Thema ist fett, nämlich warum etwas ist und nicht vielmehr nichts ist. Dazu zieht er den Faden aus der griechischen Philosophie bis in die Gegenwart. Nur ein Beispiel: Schelling.
warum ist überhaupt etwas? warum ist nicht nichts? … Kann ich jene letzte Frage nicht beantworten, so sinkt alles andere für mich in den Abgrund eines bodenlosen Nichts.
Und das ist nur ein Kronzeuge. Ein weiterer wäre Henri Bergson:
warum es Sein gibt, warum irgend etwas oder irgend jemand, warum die Welt existiert … und warum nicht das Nichts.
Oder Paul Natorp ebenfalls radikal:

Frage aller Fragen … das Rätsel, daß überhaupt etwas ist. […] Daß es eine Welt gibt, ist die schlechthin harte Tatsache, diejenige, in die unsere Vernunft nicht eindringen kann.
Usw. usf. Daher darf man annehmen, wem diese Frage nicht zu fremd sind, wer noch einmal an den letzten Gründen rütteln will, wer gleichzeitig eine Art philosophiegeschichtlichen Schnelldurchgang erleben will, dem wird „Das nackte Daß“ viel zum Mit- und Nachdenken liefern. Antworten sicher auch, aber eigentlich nur nicht zufriedenstellende. So endet das Buch auch wieder in der Anfangsfrage:
Wenn in der tiefen Langeweile alle Geborgenheit zusammenbricht und das Seiende seine Unauffälligkeit, Vertrautheit und Verläßlichkeit preisgibt, dann entspringt die Frage, aus der wir uns innerhalb der Philosophie nicht zu Antworten fortschleichen können, die Frage, in der uns in einer Art von Erschütterung, Verlegenheit und Bestürzung die rätselhafte Faktizität des Seienden aufgeht und die nicht der Anfang, sondern das Ende – weil die unüberschreitbare Grenze – der Philosophie bedeutet, nämlich die Frage: Warum ist überhaupt Seiendes? (S. 247)
Der Franz Josef Wetz war übrigens ein ausgezeichneter Pädagoge an der Uni als Assistent. Der konnte alles so erklären, dass man es verstand aber sich an nichts zu erinnern vermochte. Nach dem „nackten Daß“ klopfte er weiter mit dem nicht weniger substanziellen Buch: „Lebenswelt und Weltall“ (Neske, Pfullingen 1994). Wieder geht es aufs Ganze:
Es ist eine besonders harte Zumutung für den Menschen, sein für ihn selbst höchst wichtiges Dasein als für die Welt ganz gleichgültig anzuerkennen; eine ebenso harte Zumutung des Menschen an die Welt ist es aber, seinem Dasein Bedeutsamkeit und Erheblichkeit zuzuerkennen. Welche der beiden Zumutungen ist annehmbar? (S. 13)
Das Buch ist ungleich dicker und wiegt genauso schwer. Was ja schön ist, ist, dass sich da am Ende des 20. Jahrhunderts noch einmal ein junger Mann an die großen Themen der Philosophie heranwagt.

Nach so einigen Hämmern wirken Pressemeldungen fast wie eine Beleidigung. Da schreibt die Neue Digitale:
„Kinder surfen lieber im Internet, als Fernsehen zu gucken“ – eine hervorragende Nachricht für unsere Branche! Der Siegeszug des Internets ist wohl kaum noch aufzuhalten. Interessant ist dies vor allem für Unternehmen, sind doch die Kinder von heute die kaufkräftigen Konsumenten von morgen.
Statt mal alles in Zweifel zu ziehen, werden hier Menschen eben nur noch unter dem Aspekt der kaufkräftigen Konsumenten der Zukunft angefasst. Das nennt man — glaub ich — zielorientiert, aber noch mehr die Reduktion der Welt auf Zwecke. So einfach kann ich das jedenfalls nicht als „hervorragende Nachricht für unsere Branche“ sehen.
(mehr …)

Weiterlesen1990 – Das nackte Daß

1998 – „kritischen Blick entschärfen“

  • Lesedauer:1 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

Jürgen Habermas hat am 5. Juni 1998 knapp die politische Situation auf einen verteufelten Nenner gebracht: „... seit 1989 scheinen sich immer mehr Politiker zu sagen: Wenn wir die Konflikte schon nicht lösen können, müssen wir wenigstens den kritischen Blick entschärfen, der aus Konflikten Herausforderungen macht.“

Weiterlesen1998 – „kritischen Blick entschärfen“

Englisch-Übersetzungen á la Hufner

  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

Kollege Semmel fragt in letzter Zeit reichlich ulkiges Zeug, so nach deutschen Übersetzungen von englischen Liedtexten. Ich kannte davon null; war ich wohl zu jung oder zu alt.

Aber er brachte mich auf eine Übersetzung, die ich einmal ablieferte in einem Referat über … im Englisch-Unterricht schlimmstenfalls, vielleicht war es auch Musik. Zwar habe ich meine eine ältere Schwester gefragt. Aber die ließ mich ins Unglückl sehenden Auges rennen, wahrscheinlich muss ich sie zuvor fürchterlich geärgert haben. Also das Ding ging dann auf Deutsch so:
Weil die Welt rund ist, dreht sie mich um.
Weil der Wind hoch ist, (durch)bläst er meinen Geist.

Liebe ist alles, Liebe ist neu,
Liebe ist alles, Liebe bist (ist) Du.

Weil der Himmel blau ist, macht er mich schreiend …
Aaaaaah
An so’n Scheiß kann ich mich dann perfekt erinnern, weil er so blöde ist, dass es auf dem Boden kracht. Wer drauf kommt, bekommt zwei Leben geschenkt. Oder, wartet mal, ich schau nach, drei sind noch da.

Und es erinnert mich dies auch an den Versuch, den Mann (Englishteacher) meiner Musiklehrerin zu überreden, mir ein amerikanische Libretto zu übersetzen von Carla Bley „Escalator over the hill“ (Text: Paul Haines und bereits der Untertitel wirrte: „A Chronotransduction“ – hää, eine Zeitdurch/überführung) — mir war der Inhalt so etwas von schleierhaft. Ich bekam dann das Textheft zurück mit der Mitteilung, das sei unübersetzbar und sowieso alles nur später Dada.

Aber wenigstens eine Stelle habe ich in Erinnerung, die mir sehr imponierte, obwohl ich mit Kochen damals dar nichts am Hut hatte:
Nurses dying their hair,
don’t care
if the horse is locked
the house still there.
It doesn’t seem
to matter to them
The traces
of horses
and pineapple
and cheese
so many ingredients
in the soup …
No room for a spoon.

Den Anfang verstehe ich wieder eben nicht, aber der Schluss mit der Suppe, die so voller Zutaten ist, dass nicht einmal mehr ein Löffel rein geht, das finde ich einen feinen Gedanken, sehr nachdenkenswert. Und ein Klangbeispiel für die Freunde ulkiger Musik gibts hinter dem obligatorischen weiter:

Mal reinhören in den Escalator over the hill als mp3 (knapp 2 Minuten und 1,6 MB).
(mehr …)

WeiterlesenEnglisch-Übersetzungen á la Hufner

Wortmüll: Vorratsspeicherung

  • Lesedauer:4 Min. Lesezeit
  • Beitrags-Autor:

Unter der Überschrift „Vertrauen der Bürger in elektronische Kommunikation gestört“ kann man heute im Informationsdienst des Deutschen Bundestages etwas über den Versuch des Rates der Europäischen Union erfahren, Daten auf Vorrat zu speichern. Nun, das könnte man ja noch einigermaßen interessant finden, wenn es sich um die Speicherung von Wissen und Kunst handeln würde. Doch darum geht es nicht. Betroffen seien vielmehr Betreiber öffentlicher Kommunikationsnetze oder Anbieter öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste. Als Hintergrund vermutet die FDP-Fraktion nicht erwiesene Effekte für die Strafverfolgungsbehörden und befürchtet dagegen den Vertrauensverlust der Bürger in E-Kommunikation und Telefon. Das ist ehrenhaft, obgleich das Vertrauen heute schon so erschöpft sein dürfte, dass es auch egal zu sein scheint. Da hilft nur die Kommunikationsüberflutung, die schließlich auch massenhaft passiert.

Natürlich soll man das nicht auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn sich schon aus der Erfahrung heraus nachweisen lässt, dass die ganzen Strafverfolgungsbehörden faktisch fast gar nichts erreichen — und erst recht nicht präventiv. Nachher ist man gelegentlich schlauer, aber dazu braucht man nicht das ganze Volk bespitzeln. Ein solches Instrument in normalen Händen ist furchtbar, aber in den sog. falschen Händen ist es verheerend. Denn dann muss man es ja nicht auf Strafverfolgung beschränken.

Berlin: (hib/BOB) Ein Entwurf des Rates der Europäischen Union (EU) schlägt die Einführung von europaweit harmonisierten Regeln zur Vorratsspeicherung von Daten vor. Betroffen sind Betreiber öffentlicher Kommunikationsnetze oder Anbieter öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste.

Die FDP-Fraktion weist in ihrer Vorbemerkung zu einer Kleinen Anfrage (15/3773) darauf hin, dass die erheblichen Auswirkungen für Bürger und Unternehmer in keinem Verhältnis zu einem nicht erwiesen Effekt für Strafverfolgungsbehörden stünden.

So würde das Vertrauen der Bürger in E-Kommunikation und Telefon nachhaltig gestört, wenn das gesamte Kommunikationsverhalten unter Umständen auf Jahre hinaus abrufbar wäre. Welche Maßnahmen die Regierung als Reaktion auf den Entwurf eines Rahmenbeschlusses der EU-Rates über die Vorratsspeicherung von Daten plant, wollen die Liberalen deshalb unter anderem wissen.

Wie die Regierung die Möglichkeit einschätzt, dass Kriminelle die mit der Vorratsspeicherung beabsichtigten Ermittlungsergebnisse gezielt vereiteln, wollen die Abgeordneten auch in Erfahrung bringen.
(mehr …)

WeiterlesenWortmüll: Vorratsspeicherung