Kalenderblatt Juni 2004

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Schottland, vor irgendeinem Castle. Der erste Urlaub unter den Bedingungen des Besitzes eines Arbeitsplatzes. Da nimmt man das schon anders wahr. Das war 1994 während einer Bildungsreise. Erste Notiz am Rande: Von dieser Reise besaß ich bis vor kurzem noch drei Sorten Whisky. Einen Laphraoig, einen eleganten Glen Farclas und kleine süße Flasche Scapa. Die letzte wollte ich im Januar mit meiner Schwester zusammen entleeren. Doch der Rest schmeckte nur noch nach brakem Wasser.…

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taktlos 77: Neue Musik für Kinder

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Neue Musik für KinderMusik: Charles Ives: Three Places in New England Nr. 3 The Housatonic at Stockbridge von Anfang, unter dem Text lassenAutor: „Elfjährige sind – was den Musikgeschmack betrifft – erstaunlich fertig. Die entscheidenden prägenden Erfahrungen sind heute, stärker als in der Vergangenheit, bereits in der Kindheit zu suchen“, sagte der Musikpsychologe Klaus-Ernst Behne 2001 bei der Eröffnung des Kongresses „Konzerte für Kinder“ - einer Initiative der Jeunesses musicales Deutschland.Umso wichtiger muss es…

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Richard Wagner: “… sie sind nur Ableiter.”

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Richard Wagner ist ein umstrittener Künstler, nicht nur heute sondern auch zu seiner Zeit. In seiner revolutionären Phase als Autor (so um 1850) hatte er einer unentschiedenen Art des Kommunismus sich zugewandt. In jener Zeit enstanden dicht hintereinander zuweilen dicke Abhandlungen wie „Das Kunstwerk der Zukunft” (1849), “Die Kunst und die Revolution” (1849) und „Das Künstlertum der Zukunft” (Fragmente, ab 1849). Aufgefangen und praxistauglich umgesetzt wurden viele Ideen aus diesen Schriften dann in “Oper…

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Alter Professor spielte auf

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Ekkehard Jost war in der Stadt und spielte auf, zusammen mit Dieter Manderscheid (Bass) und Janusz Maria Stefanski (Schlagzeug). Das Konzert war überraschend gut (dazu später in der nmz oder der Jazzzeitung). Witzig war das Wiedertreffen eines meiner alten Professoren, nämlich Ekkehard Jost, bei dem ich, neben anderen, zwischen 1983-89 studiert hatte. Wann hat man das schon, dass ein alter Professor als Musiker in der Stadt ist.

Als ich ihn in der Pause ansprechen wollte, sah er mich verdutzt an und meinte: “Sie sehen so aus als würden Sie mich kennen.” Jaja, eben, … “achso, ja, eigentlich überrascht ihn das nicht, oder doch.” Dazu muss man wissen, dass ich damals zeitweise so ziemlich in jedem studentischen Gremium vertreten war, vom Fachschaftsrat über den Fachbereichsrat, Komission Dr. phil. habil, Akademische Studienordnungen, Berufungskomissionen … Zumindest liest er anscheinend alles von mir, was in der neuen musikzeitung publiziert wird. Das finde ich gut.

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Aber klar ist auch, das auch an mir die Zeit nicht spurlos vorrüber gegangen ist. Wenn mans genau bedenkt war ich zu Studiumsbeginn genau halb so alt. Und er war umgekehrt damals auch nur sechs Jahre älter als ich heute. Wir haben dann noch ganz nett geplaudert – über den Wandel des Instituts nach seiner Emeritierung etc. pp. Auch über Veränderungen in Gießen. Die “Oktave”, früher musikalischer Platz der Jazzinitiative, ist zur Lounge umgemodelt worden, statt dessen ist man in den Ulenspiegel am Seltersweg ausgewichen. Dorthin ist auch die Institutsreihe “Musica nova” ausgewichen. Erinnern konnte sich Ekkehard Jost an eine Aufführung der Songbooks von John Cage, in der ich eine nette Brüllpassage übernommen hatte – mindestens 150 mal “nichi, nichi, kore ko nichi”, bis der Kopf blutrot platzbar war.

Das Konzert, war soweit man das jetzt anreißen kann, wirklich gut. Bestand im wesentlichen aus Standards, die aber nicht standardartig gespielt wurden. Es war musikalisch eher ein Spiel mit der Akusik des Raumes, der des Grafiksaales der Ostdeutschen Galerie. Mit dem darin wirkende Nachhall spielten am stärksten Manderscheid und Stefanski.

<%image(20040528-regensburg-dom.jpg|300|225|Dom zu Regensburg)%>

Anfangs war ich ja nicht ohne Hintergedanken. Der Mann, der mich früher kritisierte, den kann ich nun höchstselbst der Kritik unterziehen. Aber da das Konzert wirklich toll war, wirds ein lobende Kritik.

Auf dem Rückweg, quer durch die Stadt, noch eine kurze Einkehr in der Café-Bar und ein dunkles Foto des Regensburger Doms vom Neupfarrplatz aus.
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Den Tag retten …

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Ich wär so gerne Filosoof, Doch bin ich dafür viel zu doof Der Zahnarzt reinigt mir die Zähn, Und fragt mich dann warum ich gähn. Mein Maul sich leider weiter sperrt, "hähä, hähä”, ich dann geplärrt. Trivial sind diese Reime sehr, doch merk ich es erst hinterher

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Telefon-Spam, ein Scherz-Anruf und seltsame Belieferungsprobleme

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Was ist eigentlich da los. Nachdem ich mein Faxgerät abgeschafft habe und so freundlicherweise nicht mehr Sinnloses Promotionmaterial auf diesem Weg empfange, häufen sich in letzter Zeit Anrufe, die behaupten, meine Telefonnummer und Adresse bekommen zu haben, weil ich irgendwo angeblich mal was gekauft hätte. In den letzten zwei Tagen handelte es sich um Lotterie-Sachen. Ich lasse die anrufenden Damen zuerst gerne aussprechen, also ins telefonische Nichts laufen. Irgendwann, wenn sie Interesse von mir erwarten, sage ich immer, dass mich das nicht interessiert. Im besten Fall ist dann das Gespräch schnell beendet. Im schlechteren Fall wird nachgefragt, ob ich denn nicht reich werden möchte. Dann sage ich: „Nein“ und die wundern sich. „Sind sie reich? Dann können sie mir doch was abgeben.“

Das ist aber noch gar nichts gegen einen Anruf, einige Tage zurück. „Hallo Herr Soundso, wir haben ihre Adresse, weil sie dies und das gemacht haben. Sie haben gewonnen. Da interessiert sie sicher, was sie gewonnen haben. Wollen sie zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören?“ „Ich weiß nicht,“ sagte ich. „Also zuerst die schlechte Nachricht, Sie haben nicht den Hauptpreis gewonnen, leider. Aber nun die gute Nachricht, Sie haben einen Trostpreis gewonnen. Sie können mit einer Person ihrer Wahl in irgendeine Stadt in Europa reisen. Ist das nicht toll?“ Immerhin eine Frage mit Appellcharakter. „Daran habe ich kein Interesse,“ meine Antwort. „Sie wollen wirklich nicht ihren Preis haben.“ „Nein, ich bin nicht interessiert.“ Usw. usf. Und dann ist auch bald Ruhe.

Fürchterlich sind schließlich auch diese Frauen-Stimmen, die professionelles Desinteresse bekunden, diese zähe Modulationen in der Stimme. Das wird wirklich wie vom Band seelenlos abgespult – fast mit keinen Pausen, und da ich nicht antworte wie bei Monologen schlechter Schauspieler.

Ganz anders einmal ein Anruf, der auf meinem Anrufbeantworter gelandet ist. Immerhin ein Kinder- oder Jugendlichen-Scherz.

Pöpp
Ja, hallo, Sie sind herzlich zu dem The-Dome-Konzert eingeladen. Das fängt dann in einer Woche an. Und, öh, das fängt halt um Fünf an und, wenn sie wollen – das haben sie nämlich gewonnen durch dieses, durch diesen Sexanruf (kicher – Pause) und ähm (Pause). Ja, und also wenn sie noch Lust haben, können sie danach, nach dem Konzert – das dauert nämlich bis 11 [unverständlich (in der Nacht)], können sie noch in den Puff gehen. Also: Auf Wiedersehen.
Piiep – Ende der Nachrichten.

Auch zum Anhören als mp3 (541 kb, 45 Sekunden)
Dass „Schweigen“ immer ein ganz tüchtiges Argument sein kann, zeigt auch ein Problem mit einem Internet-Plattenhändler. Auf eine Bestellung hin erhielt ich folgendes Antwortschreiben:
Sehr geehrter Herr Hufner,

bezugnehmend auf Ihre Bestellung vom 25.05.2002 müssen wir Ihnen mitteilen, daß diese aus firmeninternen Gründen nicht ausgeführt werden kann.

Eine Belieferung der Anschrift ist leider nicht möglich.

Wir hoffen auf Ihr Verständnis und verbleiben
mit freundlichem Gruß

[Name]
Da schau an, bisher hatte ich eigentlich nie Belieferungsschwierigkeiten. Jetzt also doch. Weil es aber doch so schöne CDs waren, die ich wählen wollte, habe ich mir die Mühe gemacht dort anzurufen. Dass ich im vierten Stock wohnte war dann jedenfalls nicht der Grund, sondern es war die Hausnummer. Ich wohne hier ja nicht allein auf vier Stockwerken. Und irgendwer, so sagte man mir, hätte mal aus diesem Hause nicht bezahlt. Außer dass dies, wie man mir neulich nochmal sagte, wohl ein Verstoss gegen den Datenschutz ist – vielleicht wohnte ja nur eine weiter Partei hier – war das übel. Ich fragte, könnte ich also von Von-der-Tann 40 bestellen? “Ja, das wäre prima!” Ich faselte also von Sippenhaft etc. und kam nicht voran bis wohl das beste Argument jenes war, zu schweigen. Stille. Plötzlich kam man auf mich zu und meinte, man könne es ja mal wieder probieren. Die lieferbaren CDs würden hinaus gehen und wenn dann der Zahlungseingang käme, würden auch die andern CDs ausgeliefert werden. Seither läuft es also.

Ich kann ja verstehen, dass man nicht mehr an jemanden liefert, der zahlungsunwillig ist, aber dass man dann pars pro toto auf das ganze “ehrenwerte Haus” ausschließt. Nee, so geht das doch nicht. Wieder mal was gelernt.

Und was die mysteriösen Anrufer von Lotterien angeht, ich werde ihnen bald mitteilen, dass ich ihre Anrufe mitschneide, aus dokumentarischen Gründen versteht sich.
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King Khan & The Shrines: Mr. Supernatural

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Geht ab wie bekloppt, die richtige Lautsstärke vorrausgesetzt. Tolle Bläsercombo plus Hammond-Sounds. Das Schlagzeug macht Druck und ist dennoch höchst feingliedrig gestrickt. Bass drückt dazu, geht eben ab. Gleich der erste Track „On The Street Where I Live” (gibts bei Hazelwood auch als mp3 zum kostenlosen Probehören) macht das fest. Der rolling-beating-bass mit der standesrechtlichen Verwendung der Hammondorgel.

Das wirkt allerdings auch ein bisschen patiniert, zumindest nach den ersten drei/vier Hördurchgängen. Die Platte hatte es nicht leicht in den Gehörgängen sich festzusetzen. Das wirkt alles sehr routiniert (im positiven wie negativen Sinn) und auch gelegentlich überproduziert. Immerhin, bei dieser Klangdichte sich Durchsicht verschaffen zu können, zeugt von Könnerschaft.

Mit der Sängerstimme ist das so ein Problem. Das nehme ich nicht immer ab, den Groove und den Überschwang (das bewegt sich manchmal arg verwischend an der Grenze zwischen James Brown und diesem unsäglich Kid Dingens). Das allerdings wäre zu verschmerzen. Hinzunehmen ist es allemal, denn warum sollte bestimmte Artikulationsweisen nur einer Person erlaubt sein. Was nach einer Weile wirklich nervlich problematisch ist, ist die Verzerrung, wonach sich die Stimme wie in einer Klangmischung aus Telefon und Megaphon-Stimme anhört. Die machen das bei Hazelwood sicher nicht absichtslos. Daher darf man das bitte als Geschmacksfrage abtun.

Meine rein private Meinung: Knapp vorbei an einem wirklich guten Album. Trotz alledem genug Musik drin, um sein Vergnügen damit zu haben und seinen Frieden damit zu schließen.

King Khan & The Shrines: Mr. Supernatural
Hazelwood 030 – Zwei Hörbeispiele dort.

PS: Und eine gute Presseabteilung haben die dort. Die rufen regelmäßig an und fragen nach, wie einem die Platte gefällt. Gewöhnlich weiß ich das schnell (für mich) – hier bei “King Khan & The Shrines” war es nicht so einfach. Im Prinzip lag dieses Album neben meiner Aufmerksamkeitsgrenze, es hat also nicht sofort Klick gemacht. Irgendwie eben nicht schlecht, nicht wirklich gut, zwar keine Massenware, aber bei Hazelwood gibt es meines Erachtens wesentlich besseres.
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Tanzende Wahrheit … (1)

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In der Philosophie gibt es ein paar ganz bemerkenswerte Äußerungen zur Bedeutung des Tanzes für die Gedanken, für das Leben, für die Erkenntnis. 1. Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente 1885-1887, Kritische Studienausgabe 12, München 1988, S. 550. Hervorhebung im Original gesperrt 10[160] Schreckgespenster, moralische Gurgeltöne, tragische Farce 10[161] Wahrheiten, nach denen sich tanzen läßt, — Wahrheiten für unsere Füße …

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Habemus Papam

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<%image(20040524-hufner-06.jpg|120|173|Der Kritiker Huflaikhan)%>

habemus mamam. Oder Denken für Anfänger. Oder was? Horscht Köhler ist demnächst amtierend in Amt und “Würde”. Das Wort will nicht so gerne über die Lippen. Gezeter, Geschrei, Generve. Ein Umschwung komme, ein Zeichen sei gesetzt. Schon früher war die Wahl des Bundespräsidenten nicht immer ganz einfach. Geht auch gar nicht, denn der soll überparteilich sein, ist er auch durchs Amt. Denn eine Rede in fünf Jahren bekommt jeder alle Male noch hin, ein paar Unterschriften und viel Händeschütteln, Interessiert-Gucken, graue-Haare-bekommen, eine-Stiftung-gründen. Das wird selbst der Köhler schaffen.

Daneben wurde eine Diskussion vom Zaun gebrochen, ob man nicht den Bundespräsidenten vom Volke wählen lassen sollte. Kann man machen, aber es ändert sich dadurch auch nicht viel. Aber der Reihe nach.

a) Wählt das Volk direkt, so wird befürchtet, dass irgend ein Hampel BuPrä werden könnte. Die Gefahr besteht, das Volk wählt schließlich auch das Parlament. Jeder weiß, dass es zu 90 Prozent aus Hampeln besteht. Dennoch kommt niemand darauf, das ändern zu wollen.

b) Angenommen, man wählte dennoch direkt, dann, so in zahlreichen Talkshows gestern abend, käme es wieder zu einem Wahlkampf. Das ist es bis jetzt also nie gewesen. Richtig und falsch. Ein Wahlkampf um überparteiliche Personen und Funktionen wäre entschieden anders, als einer um Wahlprogramme. Denn:

c) Warum schlagen Parteien Personen vor? Das ist doch der Kritikpunkt an dieser Wahl insbesondere. Das Rumgeschachere um Schäuble, Stoiber, Köhler seitens der Parlamentsparteien und ihrer Wortführer war das Stinkerste an der jetzigen Wahl. Es zeigt i) die Beliebigkeit der Person und ii) das Machtgepokere zwischen Parteien. Das ist eine Chance für Zünglein-an-der-Waage-Parteien. Wir hatten in über 50 Jahren Bundesrepublik:
2 x SPD – Heuss Heinemann und Rau
2 x FDP – Heinemann Heuss und Scheel
5 x CDU – Lübke, Carstens, Weizsäcker, Herzog und Köhler

d) Der doppelte Murks. Es gibt die Angst vor der Volkswahl, weil dann irgendwer BuPrä werden könnte, gleichzeitig sagt man, das sei wiederum egal, weil der sowieso keine Regierungspolitik betreibe und damit ohnehin eine Art kastriertes Amt bekleide. Deswegen will man bei einer Volkswahl dem BuPrä mehr Amt (“Würde” geht nicht vom Parlament aus) geben. Aber warum, weil er vom Volk gewählt ist? Was soll die Logik dahinter sein. Ein Dilemma. Denn Kritiker der Direktwahl, die ansonsten durchaus für eine stärkere Bürgerbeteiliung sind, wenden ein, dass so eine Form der Partizipation reine Augenwischerei sei, ein Amt fürs Volk sozusagen. Es schreibt Oliver Eberl in den “Blättern”:
Der Ruf nach der Direktwahl des Bundespräsidenten erklärt sich letztlich nur aus seiner Ablenkungs- und Ableitungsfunktion in Zeiten des von den Wählern gefühlten Legitimationsdefizits der Volksvertreter.
(…)
Während die Politik nur mehr medial begleitete Selbstgespräche führt, kann sich das Volk über Köpfe streiten. Die Inhalte werden dann ohne weitere Störgeräusche an den Orten der Repräsentation von einer längst mit entsprechenden Experten-Kommissionen zu einer Gesamtpartei der Modernisierer zusammengeschlossenen Kaste bestimmt.
(…)
Demokratie wird da gewährt, wo es um symbolische Fragen geht, während sie dort, wo sie den berufsmäßigen Trägern der Entscheidung in die Quere kommen könnte, unerwünscht ist. Damit ist keineswegs allein das Fehlen plebiszitärer Elemente im Grundgesetz gemeint, sondern schon die permanente Neigung der Regierung, sich vom Parlament unabhängig „handlungsfähig“ zu machen, wie sie sich etwa im geplanten Entsendegesetz für die Bundeswehr ausdrückt.
Erst ein Blick auch auf die Argumente, die gegen die Direktwahl vorgebracht werden, offenbart allerdings das ganze, tiefsitzende Unverständnis gegenüber der eigenen Demokratie und den Gründen für das Scheitern ihres Vorgängers.
Quelle: Oliver Eberl, Vom Ersatzkaiser zum Demokratieersatz, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 4/2004, S. 392 f. Im Netz als PDF

Die Aufgaben des BuPrä selbst haben ohnedies wenig gemein mit dem, was eigentlich interessant wäre:
Artikel 58 GG [Gegenzeichnung]
Anordnungen und Verfügungen des Bundespräsidenten bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung durch den Bundeskanzler oder durch den zuständigen Bundesminister. Dies gilt nicht für die Ernennung und Entlassung des Bundeskanzlers, die Auflösung des Bundestages gemäß Artikel 63 und das Ersuchen gemäß Artikel 69 Abs. 3.

Artikel 59 GG [Völkerrechtliche Vertretung des Bundes]
(1) Der Bundespräsident vertritt den Bund völkerrechtlich. Er schließt im Namen des Bundes die Verträge mit auswärtigen Staaten. Er beglaubigt und empfängt die Gesandten.
(2) Verträge, welche die politischen Beziehungen des Bundes regeln oder sich auf Gegenstände der Bundesgesetzgebung beziehen, bedürfen der Zustimmung oder der Mitwirkung der jeweils für die Bundesgesetzgebung zuständigen Körperschaften in der Form eines Bundesgesetzes. Für Verwaltungsabkommen gelten die Vorschriften über die Bundesverwaltung entsprechend.

Artikel 60 GG [Beamtenernennung – Begnadigungsrecht – Immunität]
(1) Der Bundespräsident ernennt und entläßt die Bundesrichter, die Bundesbeamten, die Offiziere und Unteroffiziere, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist.
(2) Er übt im Einzelfalle für den Bund das Begnadigungsrecht aus.
(3) Er kann diese Befugnisse auf andere Behörden übertragen.
(4) Die Absätze 2 bis 4 des Artikels 46 finden auf den Bundespräsidenten entsprechende Anwendung.

Der BuPrä muss also wenigstens seinen Namen schreiben können und “Grüß Gott” [oder “Herzlich Willkommen”] sagen.

e) Was stört also? Es stört einzig die Art und Weise, wie die Vorschläge für die Kandidaten für dieses Amt gesammelt werden. Das wirkt wie ein Hin-und-her, ein rein taktisches Spiel. Was wäre passiert, wenn SPD/Grüne/Bündnis 90 statt Frau Schwan, Frau Süssmuth oder Herrn Schäuble nominiert hätten. Wer agiert und wer wie reagiert, ist damit wesentlich eine Frage der Mehrheitsbildung der Bundesversammlung. Was muss die CDU/CSU machen, dass die FDP nicht mit der Opposition stimmt? Die Wahl des BuPrä ist mithin nur der Versuch, eine Mehrheit für einen Kandidaten zu beschaffen und der Kanidate muss so beschaffen sein, dass er die Mehrheit hinter sich bindet. Das geht mal gut und mal geht das schief.

f) Lösung des Problems. Zumindest eine theoretische. Die Kandidaten für dieses Amt müssen von einer überparteilichen und unabhängigen Komission vorgeschlagen werden. Zwar scheint dies nicht möglich, weil selbstverständlich diese Kommission auch wieder irgendwie legitimiert werden müsste. Dennoch, dieses Vertrauen habe ich durchaus, so eine überparteiliche Organisation gibt es im Prinzip ja in unserem Staatswesen: Das Bundesverfassungsgericht.
Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts
Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wacht über die Einhaltung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Seit seiner Gründung im Jahr 1951 hat das Gericht dazu beigetragen, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Ansehen und Wirkung zu verschaffen. Das gilt vor allem für die Durchsetzung der Grundrechte.
Zur Beachtung des Grundgesetzes sind alle staatlichen Stellen verpflichtet. Kommt es dabei zum Streit, kann das Bundesverfassungsgericht angerufen werden. Seine Entscheidung ist unanfechtbar. An seine Rechtsprechung sind alle übrigen Staatsorgane gebunden.
Die Arbeit des Bundesverfassungsgerichts hat auch politische Wirkung. Das wird besonders deutlich, wenn das Gericht ein Gesetz für verfassungswidrig erklärt. Das Gericht ist aber kein politisches Organ. Sein Maßstab ist allein das Grundgesetz. Fragen der politischen Zweckmäßigkeit dürfen für das Gericht keine Rolle spielen. Es bestimmt nur den verfassungsrechtlichen Rahmen des politischen Entscheidungsspielraums. Die Begrenzung staatlicher Macht ist ein Kennzeichen des Rechtsstaats.

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob das mit dem Grundgesetz vereinbar wäre oder schlimmer noch gewisse rekursive Gefahren beinhalten würde, dennoch steht für mich dieses Gericht seit einiger Zeit weit über allen anderen Organen der Bundesrepublik Deutschland. Zumindest würden da die Partei-Helden schön doof gucken.

Damit stehe ich nicht ganz allein. Die letzte Shell-Studie hat das “Vertrauen in gesellschaftliche Gruppierungen und Institutionen” gemessen (Mittelwert wäre: 3 – Skala 1 bis 5).
An erster Stelle: Gerichte, (3,6 West / 3,4 Ost)
An vorletzter Stelle: Unternehmerverbände (2,7 West / 2,5 Ost)
An letzter Stelle: Parteien (2,6 West / 2,5 Ost)
Quelle: Jugend 2002, 14. Shell-Studie, Ffm 2002, S. 105.

Dass an Platz zwei die Polizei steht (im Westen gleichauf mit den Gerichten) gibt zu denken. Aber das will mal ignoriert sein. Da sieht man schon, warum diese BuPrä-Wahl so einen bitteren Beigeschmack hinterlassen hat.

g) Egalität. Im Prinzip ist mir wurscht, wer deutscher Ehren-Kaiser wird und wie er gewählt wird, Hauptsache ist doch, er/sie vertritt sein/ihr Amt gut.
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