Vogel-, Dankgesang und Espressivo

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Konzert des Keller-Quartetts mit Werken von Kurtág, Bartók und Beethoven. Aus der Südkurve, berichtet von unserem Korrespondenten Huflaikhan.

!~~1/2006-keller1.jpg|Keller-Quartett ohne Musiker~~!

Das Streichquartett ist diejenige musikalische Gattung, die mir eindeutig die größten Respekt abverlangt. In der Südkurve des Saales sitzend, war ich zudem dicht dran — sehr dicht. Man muss es noch einmal ausdrücklich erwähnen. Ein Musikinstrument zu spielen, es zu beherrschen, ist schon außergewöhnlich genug. Das auch noch im offenen Zusammenspiel zu tun, da wo man sich nicht im Orchester vergraben kann, da wird es heikel. Es muss ja zusammenstimmen. Nicht nur nur Intonation im Zusammenspiel ist Problem genug. Auch aller Klangeindruck, die Balance in sich, die Erinnerung an alle Feinheiten, die so große Werke der Musik auf sich vereinen. Gelingt dies nicht, kommt nur Murks heraus.

Beim Keller-Quartett hat dies also alles zusammengewirkt und funktioniert. Kurtág, der Komponist der extremen Reduktion, bei dem sozusagen die feinsten Haarrisse in der Musik nach außen treten, hatte vier Stücke beigesteuert. In der Ferne III und V, die Six moments musicaux und eine Hommage á Jacob Obrecht. Werke, die sich wirklich nur in ihrer Differenziertheit unter Live-Bedingungen des Hörens annähernd erfassen lassen. Musik wie kahl, nackt, verletzlich und mit einem Schuss Humor (nr. 3 aus den moment musicaux). Eine wieder und wieder auch schwebende Musik, die haltlos wirkt. Und doch sind viele Abschnitte geradezu durchdringend emotional aufgeladen.

!~~1/2006-keller2.jpg|Keller-Quartett mit Komponist Kurtág~~!

Und darin sind Passagen nicht unähnlich den Terz-Passagen aus dem letzten Satz von Bartóks zweitem Quartett. Das hat mittlerweile auch schon 90 Jahre auf dem Buckel. Der erste Satz, der geradezu saftreich aus dem vollen Fundus des Quartettklanges sich fügt. Im ersten Weltkrieg entstanden. So energiereich und auch so deprimiert-traurig. Die klanglichen Apotheosen sind nie welche des Feuerwerks sondern permanent gebrochen. Geradezu wie Sonnenstrahlen, die gelegentlich durch die Verdunkelung von Wolken, sich Bahn brechen, kommen da nur selten Passagen durch, die umso unvermittelter einen mitreißen. Extremismus des melodisch-harmonischen Fortgang, die einen schaudern lässt. Das Ende des zweiten Satzes: Wie ein musikalisches Spukhaus: Gardinen, verweht. Huschelig, verdeckt.

Schließlich Beethoven, eines der späten Quartette, a-Moll op. 132. Rückwirkend vereinigend das, was später nachkam. Wie eine Quintessenz aus Bartók und Kurtág spielt sich der erste Satz ab. Aber doch im Tonfall eines ganz anderen Jahrhunderts, einer anderen Zeit. Keine Scheu, Musik zuzulassen, wenn sie sich frei bewegen kann. Das ganze Stück selbst sehr schubertartig. Die Behandlung der Nebenstimmen im letzten Satz als ein sich komplementär auffaltendes Bett. Der Mittelsatz „Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart“ wurde vom Keller-Quartett recht forsch angegangen. Man muss es wirklich nicht so wehleidig und langsam spielen, wie es vielfach getan wird. Es ist ja ein Dankgesang und keine Trauermusik.

Der Blick aus der Südkurve war grandios, wenn nur das Geländer nicht gewesen wäre. Es ist doch immer wieder mal was Schönes, richtig in ein Konzert gehen zu können.
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Wärmeleitpaste und Kältetod

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!~~1/2006-07-biene.jpg|Fleißiges Bienchen, dieses~~!

Ein bisschen fleißig gewesen und hübsch geschnorchelt am Nektar der Kultur — wie es sich für ein Kulturblog eben gehört. Fleiß und Schweiß. Beauftragt eine DAT auf Kassette zu überspielen (falls noch wer weiß, was das ist). Zugesagt. Und dann. Das Gerät für die DAT springt an, um dann nach surrend-provozierendem Ton sich auszuschalten. Diverse Netzteile probiert, sogar Batterien. Das Ding wollte nicht angehen und reagiert nicht auf die absurdesten Tastenkombination. Drauf klopfen, drauf hauen, Fingernagel dazwischen schieben. Alles zwecklos.

Der Rechner kann nicht mal mehr eine wav-Datei nach mp3 kodieren ohne sich wegen Überlastung direkt zu verabschieden. Auch hier ein wesentlich deutlicherer Ton. Offenbar wird da irgendwas im Rechner überfordert. Staubsauger geholt und den Rechner innen mal entstaubt. Zwischenzeitlich neue Versuche mit dem DAT-Player, Anrufe, ob man eine CD schon rezensiert habe. Ja, langst noch?

DAT geht doch auf, aus irgendeinem kühlen Grunde, der Rechner rechnet jetzt wieder etwas länger. Was hat das mit Kultur zu tun?

Nun, es hält sie auf. Manchmal wirkt es so, als ob all diese technischen Entwicklungen nur dazu dienen, Zeit aufzufressen und davon abzuhalten, anderes zu tun, was vielleicht doch nötiger wäre. Zum Beispiel der Frage nachzugehen, wieviel Schuld an der deutschen Misere die Politik trägt und wieviel nicht. Auf die Politik zu schimpfen ist oft nur fair. Denn Politik wird gemacht von Leuten, die mehr oder weniger direkt gewählt wurden. Also tragen sie Anteil an Wohl und Wehe mancher, vieler Entwicklungen. Aber daran, dass angeblich zu wenig gesungen werde, daran hat nicht Politik Schuld sondern daran sind die Schuld, die singen oder die einem das Lernenwollen.

Die taktlos-Sendung gestern war in dieser Hinsicht zumindest unterhaltsam. Überhaupt: der von allen Seiten erschallende Ruf nach mehr Bildung ist ja nicht so übel. Aber damit verbunden werden zugleich Bildungsinhalte, die man eben lernen müsse. Der vor Jahr und Tag die Runde machende Einbürgerungstest hat nur einmal mehr kristallisiert. Um heute jemand zu sein, muss man jemand werden. Bildungskanon! Statt Bildungsangeboten kommt es zu Bildungsangepflichten. Beethovens Fünfte, 1 mal 1, wer war Hugenberg, Stabhochsprung — und zur restlichen Aufbewahrungszeit Probleme, Technik zu bewältigen (siehe oben) oder Scheinasyl in Identifikationskatalogen (Papstbesuch, The Dome).

Der Hunger nach sich selbst ist ersetzt durch Fastfood aus zweiter Hand für die Seele aus zweiter. Das ist etwas, was man schon Anfang des letzten Jahrhunderts als die Unterscheidung zwischen Erlebnis und Erfahrung beschrieben hat. Mit jedem Tag in der Welt wird man so dicker und dicker. deshalb halten es immer weniger Menschen mit sich selbst aus. Eine Menschheitsregression in der ganzen Welt wie es scheint und den anderen bricht man eben die Knochen, die Haut, das Hirn.

In Würzburg konnte ich mal wieder ein paar Horrorfilme über Premiere sehen. Es gab da mal eine Nähe zu diesem Genre. Aber was ich da sehen musste, das war so elend, so gebogen, so irrelevant, so nebenderspur. Aus „normalen“ Bürgern werden da plötzlich Scharfschützen und Kampfgenies. Man ist immer weniger tot, je mehr Kugeln man fängt von denen man nicht viel sieht. Eine Rohheit mit Hochglanzpolitur. Das tat weh. Aber wenig im Vergleich zur schleichenden Durchkreuzung auch mittels der Sprache. Wie konnte es geschehen, dass Begriffe aus der Betriebswirtschaftlehre und des Mangements in den Rang von Welt- oder Gesellschaftsanalysen hineinreichen konnten. Dieses Gift hat diese ganze Generation befallen.

Wenn ich mich nicht täusche, so gehört ein Großteil der sog. „Blogger“ in die Generation 28 bis 52. Das wichtigeste, folgt man den Beschreibungen bei Blogaward der Deutschen Welle: Wichtig ist es, skurril und witzig zu sein — oder betroffen. Beides die gleiche Seite einer einseitigen Medaille. Ich muss das deshalb mal an Dicki verweisen, ein herausragend mit der anderen Seite der Welt umgehendes Textanbild; oder an den Verweigerer Buster. Nur mal so als Beispiele. Ich schaue drauf, um noch ab und zu auch im Netz so etwas wie Immunisierungsmittel gegen das Verhungern durch Übersättigung zu erhalten.

Zurück: ein letztes mal heute. Selbstverständlich sind die Politiker an allem Schuld. Und eben deshalb sollte man sich von dort gleich schon gar nichts erwarten. Politisches ist Massengeschäft, das zahlreiche individuelle Opfer fordert. Aus „die Partei hat immer Recht“ ist geworden, die Regierung hat immer das Recht, Recht zu haben. Man sollte da wirklich mal genauer in die Mechanismen hinter dem Schein der Sprache und Geste sehen. Die fortschreitende Privatisierung der öffentlichen Vernunft … (anderes Thema).

Bin zu müde, die CPU verlangt nach Ruhe.

Nur wo das Gewesene stark genug ist, um die Kräfte des Subjekts zu formen und zugleich ihnen sich entgegenzusetzen, scheint die Produktion des noch nicht Gewesenen möglich.[Band 8: Soziologische Schriften I: Kultur und Verwaltung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4965
(vgl. GS 8, S. 136)
http://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ]

Ich würde da gerne noch etwas zu sagen.

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Also

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jetzt, wo es um einen iPod geht, gerade jetzt, jetzt also fällt mir nichts mehr ein. Das ist eine Schande. Gewiss, da wäre mal einen Anzeige der Fa. Yamaha auseinander zu nehmen. Gewiss, da wäre dem Kulturstaatsminister Neumann der Marsch zu blasen (und nicht nur wegen seines unsäglichen Vertreters), gewiss da wäre ohnehin und sowieso mal die Zeit für ein paar Ansprachen wie „Völker dieser Erde, Deutsche, Volltrottel“ (hab ich wen vergessen). Das und mehr wäre mal richtig an der Zeit.

Aber nichts geht. Einstweilen verweise ich auf ein paar Details in der aktuellen nmz:

Zwei Cluster:
# Cluster. Hinterweltler
# Cluster. Berliner Syndrom

Einen Semmelmann:
# Redunzl Semmelmanns Musica viva. Bayreuth was a gas

und einen
# Nachschlag. Der heilige Zeitgeist ist über uns gekommen …

Und darauf, dass morgen abend taktlos zum 103. male in den Ring geht zum Thema: „Singen wir wieder?“ [Bayern2Radio, 21:30 – natürlich mit einem wahnsinnig witzigen Beitrag von Dr. Hufner, was haben wir gelacht]


Und ich möchte noch einmal betonen, dass mir das ganze Witzigsein, was irgendwie erstes Stilmittel bei der Blogweltermeisterschaft der Deutschen Welle zu sein scheint, sehr, wirklich sehr auf die Eier geht. Überhaupt!

Liebe Blogger und Bloggerinnen,
ich habe die Nase voll von diesem Humor, diesen Witzen, dieser Ironie, dieser Skurrilität, vom „anderen Blick“, von dem ein bisschen „anders sein“. Außergewöhnlich ist heute, wenn man es nicht ist. Auch der Nonkonformist ist Konformist. Denkt einmal nach über den Rehbraten, über die Mülltonne, über den 5. Gang beim Auto und beim Essen; darüber warum auch Kühlschränke erfrieren können, dass Spam gelungene Kommunikation ist. Darüber, dass nicht alle Menschen Hosenscheißer sind (weil sie entweder nicht mal Hosen haben oder nichts zum Scheißen), darüber, dass das Internet eigentlich ein Winzling ist. Darüber findet man wenig im Internet oder im anderen Leben.

Ödön von Horwath:

INNERES: Das ist nicht so einfach. Die Leut wollen keinen Krieg.
KRIEG: Was?
INNERES: Sie sagen, daß sie für nichts arbeiten. Meine Herrschaften, unlängst hat eine Munitionsarbeiterin erklärt, sie möcht lieber eine Sense herstellen, wie einen Säbel.
KULTUS: Pervers!
KRIEG: Woher haben die Leut die Ideen?
INNERES: Von selbst.
KRIEG: Unmöglich!
INNERES: Wir müssen also den Heimatgedanken wecken! Wir müssen sagen, daß die Wilden uns überfallen wollen — es ist nur so zu machen! Ödön von Horváth: Ein Fräulein wird verlauft und andere Stücke aus dem Nachlaß, Frankfurt am Main 2005, S. 147 f.

Hier bricht das Manuskript zu „Johann, der Soldat“ ab. Und ich muss jetzt in den Zug nach Würzburg.
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Ich habe mir mal gedacht,

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dann sagst te eben nichts mehr. Dieses Netz ist voll oberfies und eitel bis zum Scheitel. Liebes Internet-Tagebuch, so ist es, so wird es bleiben, so war es und so soll es sein. Lecko mio. Ich mach jetzt die Sause. Gestern soll doch schließlich blogmicho 6 sein. Byedenn,

Ich muss jezze los

Ick seh schon wies wo raucht. Das müssensesein, die blogmichos. Schwadenbeißer, diese. Keiner hat mich erkannt.

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Bücherweitwurf

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Frau Klugscheisser fragte vor langer Zeit an, welche Bücher denn bei mir im Regal verstaubten. Lange war ich entfernt von meinem Regal, so dass ich das aus der Ferne gar nicht beantworten konnte. Eigentlich sind sie alle angestaubt, ausgenommen Simmel, Bloch, Adorno, Nietzsche, Wittgenstein, Kracauer, Amery, Anders und Lyrik. Aber besonders angestaubt sind: Gruppe 1: Schien mal ganz, ganz toll, haben damals alle lesen müssen: 1. Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod…

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Bildungsoffensive Musikunterricht?

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„Das Grundsatzpapier der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Diskussion.“ So untertitelt erscheint heute ein Buch, das sich mit den Vorschlägen eben jener Stiftung auseinandersetzt. Sieben Autoren beleuchten von verschiedenen Seiten aus dieses „Grundsatz-Papier“, welches am Ende auf die Zementierung eines musikalischen Werkkanons hinausläuft und diesen verbindlich für den Musikunterricht vorschreiben möchte. Wie und ob dies überhaupt zu rechtfertigen ist, ist Gegenstand dieser Untersuchungen. Christian Rolle zweifelt, ob sich die schwierige Frage, welche Inhalte im Musikunterricht thematisiert…

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Enthüllungen über Höna

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Die Enthüllungen über Schworznegger und Molly reißen ja nicht ab. Im Hönastall geht die Post ab. Und das alles nur wegen einer Bänd. Hüppel: Jetzt kommense mal dicht an den Bildschürm ran. Ich muss ihnen da was ganz im im Vertrauen stecken.Dass es zwischen Schworznegger und Molly nicht mehr so läüft ist ja kein Geheimnis. Die Molly übt ja, soweit ich weiß - man weiß ja nie -, also die übt heimlich, wenn der…

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