Ostdeutschland

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Das Dumme ist immer, dass man es nie so genau wissen kann. Halberstadt ist eingeknickt? Vermutlich. Die Gründe, die man nachlesen kann in den deutschen Blättern, sind allesamt so fadenscheinig und peinlich.

Semmel hat schon ganz richtig auf den Faktor Angst verwiesen. Unterschätzt mir den nicht.

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Aber der Osten ist nicht an sich so übel. Es ist überall dort gerne mal übel. Überall dort möchte ich nicht gerne wohnen. Imbiss.

Aber auch im Westen möchte ich nicht gerne wohnen. Auch hier und dort, in Mölln und Solingen, in da und dort. Ich weiß auch nicht mehr weiter. Das ist alles so trostlos geworden.

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Wer jetzt errät, wo das Bild aufgenommen worden ist, der hat übrigens gewonnen. Anghörige und Angehörige von Angehörigen dürfen nicht mitmachen, außer unter falschem Namen.
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Mein Ausflug

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Liebes Internettagebuch,

seit zwei einem Tagen bin ich in einer Blockflöten-Community unterwegs. Das ist gar nicht so einfach, wie man denkt, denn obwohl die Blockflöte ja nur eine bestimmte Anzahl an Löchern hat, hat diese Community ganz viele: Löcher, in die man fallen kann; Löcher, in die man hineingestoßen wird; Löcher, die Menschen sind.

Solche Communities sind ausgestattet mit ganz einzigartigen psychodynamischen Vorgängen. Es gibt Obermacker, es gibt Untermacker, es gibt Korinthenkackerscheißer, es gibt Mitläufer, es gibt Zuproster, es gibt Schiedsrichter und Schwalben, es gibt Populisten, es gibt Störer und Quengler und es gibt Gäste, die das alles auch sein können. Das ist in so einer Community genauso wie in einer anderen Community. Nur hat diese was mit Musik zu tun.

Wir wissen aus allerlei Untersuchungen, dass manche Instrumente sich ihre Menschen aussuchen und nur selten Menschen sich ihre Instrumente. Es gibt da ein psychosoziales Abhängigkeitsverhältnis. Nach neuesten Ergebnissen der Hirnforschung, Herr Professor Dahmen hat davon einmal erzählt, ja, der Dahmen aus Mannheim, gibt es für jeden Menschen genau ein richtiges Musikinstrument. Ein Gang in die Community hat nun diese neurologischen Untersuchungen prima vista bestätigt. Die Blockflöte findet ihre Nutzer, es ist nicht umgekehrt.

Was will ich damit sagen.

Erstens, wo Menschen zu Massen sich zusammenfinden und es geht um eine Sache nur, neigen Menschen dazu sich gegenseitig zu bestätigen und wie in einem Körper, Fremdprodukte möglichst Hinauszukomplimentieren. Manchmal findet man aber doch eine Andockstation, die gerne auch mal fremde Gene an sich austesten mag.

Zweitens, das ist sozusagen die psychoanalytische Komponente, besteht ein Angstübertragungshemmnis. Eine wesensnotwendige Funktion von Abwehr. Das ist fast überall so, da, wo neue Ideen gefordert wären. Das ist in der Bundestagscommunity nicht anders als in so einer Musiker-Community. Adorno hat das mal in einer Theorie vom sozialen Konflikt nachgezeichnet:

Äußert der Schuhe probierende Kunde, dieser Schuh sei ihm zu weit, so empfindet das Ladenmädchen das bereits als Affront und antwortet gereizt: »Da muß ich Ihnen recht geben.« So völlig ist sie mit dem Vertrieb der Standardprodukte identifiziert, daß sie im Individuum, dessen Bedürfnisse vom Standard abweichen, a priori den Gegner wittert. (…)
Wer gegen kodifizierte Verbote und fachmännische Anweisungen aufmuckt oder auch nur durch sein Verhalten deren Sinn in Frage stellt, fordert erst recht die Schikane heraus; nicht nur die der Ordnungshüter, sondern auch die jener, die mit diesen und der Ordnung übertrieben sich identifizieren.
[Band 8: Soziologische Schriften I: Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 5059. (vgl. GS 8, S. 191-192) http://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ]

Als ich neulich das Vergnügen hatte, auf einer Zugfahrt das Gespräch eines Europaparlamentsabgeordneten mitzuverfolgen, da war das auch so. Auf der einen Seite, eine ungeheure Klugheit bis hin zur Selbstaufgabe, auf der anderen Seite denkste, da sitzt einer vom Mond. Fast irrational Willkür in den Argumenten wechseln mit recht nachdenklich klugen Gedanken.

Im kollektiven Grinsen über einen Alten, der in die automatischen Türen der Straßenbahn eingeklemmt ist, im abschließenden Kommentar: »Der hot Angst um sei’ Rüb’!« wird Brutalität gesellschaftlich ritualisiert. Die Rationalisierung dafür ist die fiktive Notwendigkeit reibungslosen Funktionierens, eine gesunde Menschenvernunft, die auf die Menschen keine Rücksicht nehmen kann; schon daß sie noch da sind, wirkt potentiell wie Sand im Getriebe. Als soziales Phänomen stellt, nach diesem Schema, Lachen sich ein, wo das Besondere gleichsam seiner logischen Form nach als Störenfried des Allgemeinen verurteilt wird.
[Band 8: Soziologische Schriften I: Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 5061, (vgl. GS 8, S. 192) http://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ]

Den Rest regeln Smilies. Sie sind im übrigen der Garant dafür, dass nie etwas so gemeint ist, wie es gemeint ist. Im Zeifel ist immer alles anders gemeint. Im Zweifel stimmt eben dies und genau das macht dieses denken latent unauthentisch. Denn wenn man sich an nichts mehr halten kann, wird alles zur bloßen Spielerei.

War übrigens nicht so gemeint, jetzt, also, das mit den Blockflöten, damit meine ich keine wirkliche existierende Blockflöten-Community sondern die fiktive, abstrakte, nächtlich-im-Traum-erscheinde. 😉

PS.: Es gibt keine Community ohne Ausnahmen. Je häufiger die Ausnahmen, desto besser. Ein, zwei, drei … und es werden täglich mehr, jaja!

Update:
PPS.: Ach, die Talibane habe ich oben vergessen zu erwähnen. Die Schützer des Allerheiligsten. Immer wieder ist es doch erstaunlich, wie sie so dominant werden können, dass selbst vermutlich vernünftige Menschen zu Claqueren werden. Kein Taliban ohne jene, die sie auch noch ernähren.

Aber es erklärt doch vieles, was in der Vergangenheit sich zugetragen hat. Es ist ja nur ein kleiner Musikergarten dort — ich meine rein hypothetisch gesehen. All das gibt es natürlich, ich muss es betonen, nicht wirklich; jedenfalls doch nicht in der aufgeklärten Welt. Könnte man jedenfalls denken, vielleicht.

Thema wird mangels Masse eingestellt. Und zurücküberstellt an Absender.
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Unkoordiniert

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Während sich der Deutsche Kulturrat über den 2. Korb beim Urheberrecht ereifert, dass nämlich die Geräteindustrie dabei zu gut, die Urheber zu schlecht wegkommen, machen die Komponisten einen Schuss von hinten nach vorn ins Knie. So kann man heute auf der Website des Deutschen Komponistenverbandes lesen: Ein Gesetzesentwurf, der am 22.12.2005 im französischen Parlament Assemblée Nationale in Zusammenhang mit der nationalen Umsetzung der EU-Informationsrichtlinie diskutiert wurde und voraussichtlich am 7. März 2006 erneut beraten…

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Repair-Mädchen

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Kommt in letzter Zeit etwas zu häufig vor: Error: 1016 - Can't open file: ‘nucleus_item.MYI’ (errno: 145) REPAIR TABLE nucleus_item REPAIR TABLE nucleus_comment Gibts da nicht eine Automatik mit der man den MySQL-Server so startet, dass er Beschädigungen der Tabellen-Struktur automatisch korrigiert. Hab ich mal irgendwo gelesen. Ist ja fuchtbar so.

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Kriechmaschine

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Heute war bis 15 Uhr diese Internetpräsenz im Kriechstadium. Keine Ahnung warum. Jetzt müsste alles wieder einigermaßen laufen, ein Apache-Neustart hilft erstaunlicherweise gelegentlich doch. Gestern abend noch gut acht Erweiterungen für Nucleus-CMS in den Jordan geschickt. Weil entweder außer Betrieb oder überholt oder sinnlos. Interessiert zwar keinen. Aber vielleicht läuft das Ding jetzt etwas flotter. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Bis zum Mars ist es auch eine ganz schöne Ecke. Blockflöter sind komisch, wenn…

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„uns wäre Gewinsel schon recht“

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Über den Wohnungen steigt ein Windvogel —
das Unglück ist nicht vollkommen.
Leben macht Spaß
wenn es Feinde hat
Leben geht weiter solange
es Geld einbringt.
Nahtlos geht in diesem Herbst
der Himmel über in die Ernte. Hartnäckig
setzt sich der Friede fort.
Verwundert ist niemand mehr.
Tod, um ihn zu erfassen, muß
dividiert werden durch Masse. Zahlen sind
ein musikalischer Faktor, erzeugen
Gemeinsinn.

Mit glattem Knall ist uns nicht gedient
uns wäre Gewinsel schon recht.

Nicolas Born, Gedichte 1967–1978, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 35

Ein bitterböses Gedicht. Je länger ich über es nachdenke, desto weniger wird es mir klar. An wen geht es eigentlich, wen hat Born hier auf das Korn genommen, hat er überhaupt wen aufs Korn genommen. „Leben geht weiter solange es Geld einbringt“ — „das Unglück ist nicht vollkommen“ — Gewinsel wäre schon angenehmer als ein Knall.

Mir scheint, es ist auch dies ein Gedicht mit schwer resignativen Zügen. Eines, welches die verbreitete Abfindung mit den Umständen widergibt. Aber auch das Stehenbleiben vor der Alternative, das Ausschlagen derselben.

Einmal steht jeder vor der Frage ob
er selbst fährt oder sich fahren lässt.

So steht es am Ende Gedichtes „Selbstverantwortung“ aus der gleichen Sammlung mit dem Titel „Marktlage“. Aber nein, wir ziehen das Gewinsel vor, damit kann man zur Not auch leben und fühlt sich sicherer und vielleicht auch im Recht.

Doch wenn man es heute richtig besieht, ist auch dieses Verhalten schon nur noch Schattensein. Das Flüchtige, das Leichte, das Konkret-Nebensächliche führt vornedies an. Auch, wenn man sich den Bodensatz ansieht, wie er auch in diesem Medium sich manifestiert. Der Witz und die Pointe, die dann eine schöne Geschichte auskleiden, wenn die reine Beobachtung wohl eher eine Angelegenheit für den Stammtisch ist. Seelentrösterei auch das dann. Nein, nicht, dass das nicht auch wichtig wäre. das gehört dazu, das macht alles leichter. Und zum Ernst gehört, dass man lacht. Doch darin sich zu erschöpfen ist ein am Ende auch nur billiger Weg; mag sein, durchaus auch ein schwerer. Aber:

… Hartnäckig
setzt sich der Friede fort.

Fortsetzen oder fort setzen?

Verwundert ist niemand mehr.

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Bittere Surfer

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discoman.jpgGeorgsmarienhütte. Ich sag nur Georgsmarienhütte. Jener wunderbare Ort, der das kulturelle Haarezauseln zur aktuellen Lebensweise stilisiert. Mein Party DJ. „Tante Jutta aus Kalkutta“ ist Friedel von Hagens ihm sein Hit. Von Georgsmarienhütte wird er verkauft. Ich wünsche ihm viel Erfolg.

Irgendwie auch wieder schön, wie das lebt und in sich ruht. Mir brennt das Essen an. Georgsmarienhütte, ich fass es nicht. [Bild via EMail-Newsletter; warum ich den wohl bekomme?]

Naja, der Anstellwinkel jedenfalls für den Eintritt in die Strotosphäre jedenfalls stimmt. Da hat die NASA also einen neuen Prototypen für die Erforschung des Weltalls gemacht, aber sie holt sie wieder auch zurück, die Mannen. Besser wärs vielleicht anders rum.

Ich werd’ aus dem Motiv einfach nicht schlau. Vielleicht ist ja auch das Absinken auf Meeresgrundniveau gemeint. Abnoe-Tauchen oder so ähnlich. Musik, bei der man den Atem anhält weil dieser einem verschlagen wird. Georgsmarienhütte, Donnerwetter.
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nachruf I

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das gesicht: freier fall. „diese fetten schweine“, sagte er immer, wenn er zu sprechen begann. später setzte sein herz aus, erst das eine, dann das andere.

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Verrückbar

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Ich
bin
offenbar
auch
nur
ein
beliebig
verrückbares
Mobiliar. — (Minderwertig)

Auf mich
setzt man sich.
In mich
schüttet man sich aus.

Man existiert nicht jenseits davon.

Gehe ich zehn Treppen,
geht wer anders elf Treppen.

Arbeite ich zehn Stunden,
arbeitet wer anders elf Stunden. —

ich bin einfach nichts wert.

… ein verrückbares, ein beliebig verrückbares Mobiliar. Nur ein kleines Licht, vielleicht gar keines, vielleicht nichts, vielleicht sogar noch weniger als das.

Kommentar:

Auswirkungen. Man sollte nicht über die Ästhetik des Erhabenen bei Adorno nachdenken. Es ist was anderes.

Das Glück an den Kunstwerken ist jähes Entronnensein, nicht ein Brocken dessen, woraus Kunst entrann; … . Dem ästhetischen Hedonismus wäre entgegenzuhalten jene Stelle aus der Kantischen Lehre vom Erhabenen, das er, befangen, von der Kunst eximiert: Glück an den Kunstwerken wäre allenfalls das Gefühl des Standhaltens, das sie vermitteln.
[Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 3765
(vgl. GS 7, S. 30-31)]

„Glück an den Kunstwerken wäre allenfalls das Gefühl des Standhaltens, das sie vermitteln.“ Das gilt. Das zählt. Ab und zu ist beispielsweise ein Rückzug in die Arme der Kunst recht angebracht. An diesen Stellen, wenn man merkt, das dort bis zur letzten Konsequenz einer Idee, einem Gefühl, einer merklich Ohnmacht auch, nachgespürt wird und alles andere dadurch zu einer verschmierten Selbstbeäugelei wird, wenn man sich dem ganz anheim gibt, dann sind das Momente des Glücks. Das „Standhalten“ ist genau das Gegenteil gegen das Verrücktwerden. Das geht leichter noch in der Kunst, das geht immer dann, wenn man es erfühlt.

Kant bereits entging keineswegs, daß erhaben nicht das quantitativ Große als solches war: mit tiefem Recht hat er den Begriff des Erhabenen durch den Widerstand des Geistes gegen die Übermacht definiert. (…) Erbe des Erhabenen ist die ungemilderte Negativität, nackt und scheinlos wie einmal der Schein des Erhabenen es verhieß.
[Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4208
(vgl. GS 7, S. 296)]

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Francisco de Goya y Lucientes:
Angriff auf eine Burg auf einem Felsen.
1813–1816, Öl auf Leinwand, 84 × 104 cm

Das lässt sich nicht und an niemanden mehr vermitteln. „Ungemilderte Negativität“ wird gehandelt, als hätte man was an der Klatsche. „Sei du man nur negativ, draußen die Welt will etwas anderes.“ Sie will Ersatzmaterial für ihr Fortbestehen. Sie will, dass sie sie ändere, damit sie bleiben kann, wie sie ist. Sie nötigt einem einen Respekt ab, so wie man den Hut ziehen möge vor höher gestellten Personen. Wer dies nicht sich selbst gestattet, der passt nicht hinein. Dem gehören die Ohren lang gezogen, dem gehört seine Nichtigkeit gegeigt. Der zehn Stufen geht, geht eben zu wenig. Das Faktische, das Aufgedrückte, dem die Menschen sich immer wieder beugen, geben sie dann weiter an alle, die weniger seien als sie, die selbst schon weniger sind als andere.

Mensch werden so zu Funktionen wieder und wieder. Sie werden eingerückt in die Rahmenbezüge des großen Unsinns, der aber, weil faktisch, der Sinn ist. Wundert es, dass Adorno daher fordert, die Kunst, wenigstens die Kunst müsse standhalten. Und indem sie es täte, indem sie in eine andere Sphäre sich begebe, bleibt doch ihr Recht nur Teil des Unrechts. So Standhalten kann man nicht, kann auch Kunst nicht. Adorno dachte daher ihr Verstummen an.

Absehbar wird der Prospekt einer Absage an die Kunst um der Kunst willen. Er deutet sich an in denjenigen ihrer Gebilde, die verstummen oder verschwinden. Auch sozial sind sie richtiges Bewußtsein: lieber keine Kunst mehr als sozialistischer Realismus.
[Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 3857
(vgl. GS 7, S. 85)]

Ein Mobiliar, das verschwunden ist, kann auch nicht mehr beliebig verrückt werden. Aber es kann auch nicht mehr Standhalten; dazu müsste man sein Verschwinden erst bemerken. Das könnte der Herrschaft so gar nicht passen. Und deshalb lässt sie selbst das Verschwinden verschwinden. Ausmerzung, Austilgung, Extirpation. In Feuchtwangers „Goya“ bestraft die Inquisition den Künstler mit Vergessen. Wenn man sich die Abstufungen des Austilgens so ansieht, zwischen den Herrschaftsformen, von Anarchie bis Diktatur, wird man auf diesem Wege vielleicht dem Wesen der Herrschaftsformen näher kommen. Aber das lenkt ab.

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Francisco de Goya y Lucientes: Schwarzrand-Album : »Resignation«, 1803–1812, Pinsel- und Tuschelavis, vereinzelt über Federstrichen, auf Papier, 25,5 × 18 cm.

Kunst zeigt ihr Glück gerade dann auch, wenn sie es als Unglück thematisert. Die affirmative Funktion, die man nämlich im menschlichen Leben eingeht, in dem man sein Leben lebt (obwohl, was heißt schon „sein“ Leben in diesem Zusammenhang), schlägt zurück. Was einem von anderer Seite widerfährt, gibt man zu häufig nur weiter an den, der eben nur zehn Stufen geht, statt derer elf. Das ist die Bestätigung des Herrschaftsverhältnisses. Man verinnerlicht es in sich selbst. Das Moment der Autonomie, das man sich wünscht, verschwindet, indem man anders sich verhält, als es sein müsste. Das Mitleid, welches man mit dem weniger-Stufen-gehenden hat, wird selbst zur brutalen Geste.

Man rückt es von sich fort. Solipsismus nennt man das. Es ist das die Fratze, die sich manchem Geist als Autonomie dünkt. Doch es ist das Gegenteil. Denn man erkennt sich selbst nicht mehr im Anderen. Nur den Anderen, den man in sein Bezugssystem einordnet und damit auch gar nicht mehr als den Anderen zu erkennen vermag, sondern nur das Abziehbild, das man ihm zugedeihen lässt.

Der Intellektuelle hat es in einem solchen System nicht leicht. Er ist überflüssig, er produziert keinen rechten Zusatzwert, er ist nur ein harmloser Spinner, so wie es die Künstler auch sind. Sein gesellschaftlicher Nutzen geht gegen Null. Er rettet keine Menschenleben, er passt sich nicht gerne ein, aber anders. Viele passen sich nicht ein, eigentlich fast niemand. Der Intellektuelle stellt aber auch seine angepasste Unagepasstheit in Frage. Er weiß, dass er „so“ nicht passt. Aber nicht in Form einer funktionalen Form von Nützlichkeit, die wie das Geld alles in Wert verwandelt und so auch Menschen verwertet. Jean Paul Sartre hat geschrieben:

„Für mich ist ein Intellektueller: jemand, der seinem politischen und sozialen Zusammenhang treu bleibt, in aber pausenlos in Frage stellt. Natürlich kommt es vor, daß seine Treue und seine Anfechtung in Widerspruch zueinander geraten, aber das ist gut so, das ist ein fruchtbarer Widerspruch. Treue ohne Anfechtung, das geht nicht: dann ist man kein freier Mensch mehr.“
[Jean Paul Sartre: In den Schützengräben von Raymond Aron, in: ders., Plädoyer für die Intellektuellen, Hamburg 1995, S. 220.]

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Francisco de Goya y Lucientes: Tagebuch-Album : »So enden oft nützliche Menschen«, 1803–1824, Pinsel in schwarzer Tusche, laviert, auf weißem Papier, 20,5 × 14,2 cm.

Und um frei zu sein, muss man erst einmal bei sich sein. Das fatale Moment der falschen Autonomie gestattet eben dieses nicht. Standhalten kann nur etwas, was überhaupt ist. Wenn man merkt, dass es damit nicht weit her ist, dann kommt man auch nicht vom Fleck. Es ist dies keine Frage der Jammerfähigkeit — jammern, das darf man selbst immer, aber nicht die anderen. Dass die Welt nicht gerade so eingerichtet ist, dass man sich darin wohl fühlen mag, darf nicht heißen, dass man den status quo dadurch bestätigt, wenn man auf die schimpft, die genau das gleiche tun, nur dass sie nur zehn statt elf Stufen gehen. (Es gibt übrigens immer wen, der noch mehr Stufen geht.)

Es gälte allererst, diesen Fehler des Eigendünkels zu durchschauen, auf jeder Stufe. „Treue ohne Anfechtung, das geht nicht: dann ist man kein freier Mensch.“

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Francisco de Goya y Lucientes: Tagebuch-Album : »Weil er die Zunge anders bewegte«, 1803–1824, Pinsel in Sepialavis, auf weißem Papier, 20,5 × 14,3 cm.
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