Sociologie am Äh-Steh-Tisch
Zum Leidwesen vieler meiner Bekannter bin ich, trotz meines Bekenntnisses zu neuen Musik, ein Historiker. Da beschäftigt man sich in der Regel mit alten Texten. Als Historiker aber arbeite ich…
Zum Leidwesen vieler meiner Bekannter bin ich, trotz meines Bekenntnisses zu neuen Musik, ein Historiker. Da beschäftigt man sich in der Regel mit alten Texten. Als Historiker aber arbeite ich…
Zum Leidwesen vieler meiner Bekannter bin ich, trotz meines Bekenntnisses zu neuen Musik, ein Historiker. Da beschäftigt man sich in der Regel mit alten Texten. Als Historiker aber arbeite ich nicht sauber genug. Der historische Stich, die Anregung, das ist es, was mich interessiert. Probleme nebensächlicher Art meistens. So erinnere ich mich an die Suhrkamp-Edition von Georg Simmels “Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung” von 1908. Da Simmel dieses Werk nicht als Ganzes konzipiert hatte, sondern Stück um Stück zusammentrug, musste auch er sich mit Fragen der Orthographie auseinandersetzen. Das Werk wuchs zwischen 1900 und 1908 zusammen, greift aber auch auf ältere Texte zurück. In dieser Zeit müssen, wenn die Angaben des Herausgebers stimmen, mindestens zwei Schriftwerke zur Orthographie entstanden sein.
Einmal die Orthographische Konferenz von 1901 und 1907 das Werk »Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache«, hrsg. v. Biobliographischen Institut, bearbeitet von Konrad Duden, 2. verm. u. verb. Aufl., Leipzig u. Wien 1907. Der Herausgeber hatte jetzt die Aufgabe, alles wenigstens so anzugleichen, dass nicht in einem Kapitel Worte mal so, im anderen dann anders auftauchen. Der ältere (jüngere) Simmel schrieb noch “Energieen”, “Garantieen” und man kürzte ihm dann ein “e” am Ende weg. Auch schrieb er früher “giltig” statt “gültig”, “Gehülfe” statt “Gehilfe”, “transszendent” statt “transzendent”. Man kann sehen, wie sich die Orthographie langsam anpasst und daher aufeinander abgepasst werden mußte. Einige Worte hat der Herausgeber im Sinne der Orthographie von 1907 rekalibriert (mir fällt da kein besseres Wort ein):
allmählich statt allmählig, Balance statt Balanze, Gefängnis statt Gefängniß, gibt statt giebt, Kompromiß statt Kompromis, Kristall statt Krystall, Latitüde statt Latitude, Not statt Noth, Nuance statt Nüance, Sprichwort statt Sprüchwort, tun statt thun, Usance statt Üsance, Waage statt Wage, Zölibat statt Cölibat.
Eine Modernisierung der Orthographie durch uns beschränkt sich, um Mißverständnissen vorzubeugen, auf folgende drei Wörter und die von ihnen abgeleiteten Formen:
Feme statt Vehme bzw. Veme, Fron statt Frohn und souverän statt suverän.
Warum ich das so ausführlich zitiere? Gegen neue und alte Rechtschreibregeln und Änderungen der Orthographie wird gerne das Argument fehlender Berücksichtigung ästhetischen Gespürs angebracht. Mir ist nicht klar, was man damit argumentiert. Ist nicht auch “Vehme” schöner als “Feme”, oder wie bei Hölderlin: Ist nicht “ächt” schöner als “echt”, “Karakter” als “Charakter”; ist nicht “suverän” (der Simmel konnte französisch) besser als “souverän”. Nein, nichts ist schöner und mit Ästhetik hat das alles schon gar nichts zu tun.
Das ist bloß das Niveau ästhetischer Urteile (mir sträubt es sich, dieses Wort hier zu verwenden) derer, die ebenso weiße Tennissocken in Sandalen “unästhetisch” finden wie die hochzitierte Schifffahrt. Ästhetisch, ästhetischer, am ästhetischten – hier ist man endgültig am Äh-Stehtisch der Verblödung gelangweilter Geistesbureaukraten gelandet.
Bitte aber auch Semmels Kolumne von heute zu den Wurzeln lesen.
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Da hat man nun den Salat. Wegen schlechter Witterung fand die Revolution in der Rechtschreibung statt. Nur ist das nicht einmal eine Revolution, die zurück ist keine nach vorne, die nach vorne ist keine zurück. Auch ist die Rechtschreibreform kein Reform sondern nur eine Änderung. Den Fehler, dies als jenes auszuzeichnen, haben sie alle gemacht. Jetzt hat man den Salat.
Jetzt machen FAZ, Spiegel und Springer-Verlage ihre Lösung, einige schon immer, andere jetzt neu. Das wäre alles kaum von Interesse, wenn nicht einige wirklich Leidtragende sind, die Schüler nämlich. Die lernen das eine, lesen im anderen Fall das andere. Wem ist damit geholfen? Denen, die sich in den Vordergrund spielen und nunja, wir habe das Sommerloch sonst nix hochspielen können. Kinderkram ist das nicht. Es ist affig, ein tumber Tanz ums hölzerne Kalb.
Ach und weh, dann die Fragen der Ästhetik: Schifffahrt sehe nicht so dolle aus. Blauäugig sieht natürlich besser aus, Seeigel sowieso. Das sieht so und so nicht aus. Sauerstoffflasche sieht natürlich immer super aus. Im Zweifel hilft eine Ligatur. Da steh’ ich nun, ich alter Thor und möcht die Schreibung als wie zuvor. Das ist die höchste Nothwendigkeit allenthalben. Ach nein, davon hat niemand eine Ahnung, der nicht spricht wie es der Gedanke will. Hölderlin hat es besser gewusst:
Zwischen dem Ausdruke (der Darstellung) und der freien idealischen Behandlung liegt die Begründung der Bedeutung des Gedichts. Sie ists, die dem Gedichte seinen Ernst, seine Vestigkeit, seine Wahrheit giebt, sie sichert das Gedicht davor, daß die freie idealische Behandlung nicht zur leeren Manier, und Darstellung nicht zur Eitelkeit werde.
Ja nun!
Liegt nicht eben hierin der veste Punct, wodurch der Folge der Zeichnung ihrer Verhältnißart, und den Lokalfarben wie der Beleuchtung ihr Karakter und Grad bestimmt wird?
Wird nicht alle Beurtheilung der Sprache sich darauf reducieren, daß man nach den sichersten und möglich untrüglichsten Kennzeichen sie prüft, ob sie die Sprache einer ächten schön beschriebenen Empfindung sei?
Aber ja. Ich könnte, wenn ichs könnte, nun ausrufen: Zurück zur Rechtschreibung eines Hölderlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Rettet die Deutsche Sprache in den Grenzen von 1944, 1989, 1902, 1998, 1805?
Fehler in der Sprache, Fehler in der Orthographie, Fehler wohin man sieht. Es hat geradezu den Anschein, dass der Fehler das einzige ist, was die Sprache zusammenhält. Wenn die deutsche Sprache freilich nur noch dazu geeignet erscheint, Fehler bei ihrer Beherrschung ausfindig zu machen, wenn Sprache zu Angstzuständen führt. Wenn Sprachschützer verhindern, dass nur noch Gedanken zu gelten haben, die dem Regelwerk der verordneten Sprache entsprechen – unabhängig von ihrem Gehalt, dann begeben wir uns auch in diesem “freien Gebiet des Geistes” und die Kontrolle einer Herrschaft des Gesetzes, wo man es am wenigsten nötig hätte.
Jetzt trägt man die Früchte dessen, dass man nicht die Menschen lehrt zu denken sondern sie häufig genug allein noch lehrt: zu folgen, sich anzupassen. Hölderlin hat darauf still gepfiffen. Nicht nur er.
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Alles ist nun aufgewerthet - ein bisschen ein Rumgespiele an den Schrauben des Programmes. Die Ortofie hat sich dem allgemeinen Standard angepasst. Es gilt weiterhin nichts. Alle Texte und Fotos…
Da hat man nun den Salat. Wegen schlechter Witterung fand die Revolution in der Rechtschreibung statt. Nur ist das nicht einmal eine Revolution, die zurück ist keine nach vorne, die…
Janko Röttgers, Autor des Buches “Mix, Burn & R.I.P.” und Betreiber eines Weblogs zum gleichen Thema erklärt im und am Freitag, warum sein Buch zum freien Download unter Creative-Commons-Lizenz bereitsteht. Für Röttgers ist dies einerseits ein Experiment, andererseits aber auch ein kulturelles Signal im Umgang mit “geistigem Eigentum.”
Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob dieses Experiment gelungen ist. Die ersten Zeichen sind jedoch bereits sehr ermutigend: Der Verlag verkaufte nach der Online-Veröffentlichung nahezu doppelt so viele Exemplare des Buchs wie im Vormonat und rund 24 Prozent mehr als in den vorangegangenen fünf Monaten. Dazu erreichten mich zahlreiche E-Mails angetaner Leser. Viele erklären, sie wollten sich das Buch bald auch als Druckwerk kaufen.
Die Freigabe meines Buchs im Netz ist jedoch mehr als nur ein scheinbar recht gut funktionierendes Marketing-Mittel. Das Internet hat einen Streit darum entfacht, wie unsere Gesellschaft mit geistigem Eigentum umgehen sollte. Am bekanntesten ist diese Auseinandersetzung von der Musikindustrie, die mit Strafanzeigen und Kopierschutz-Technologien gegen Tauschbörsen und digitale Kopien ankämpft.
Doch der Trend zum Urheberrechts-Maximalismus hat längst auch die Buchwelt erreicht. Manch einer hält hier kopiergeschützte elektronische Bücher für die Zukunft. Diese lassen sich nur auf autorisierten Geräten lesen. Kopien, Ausdrucke und sogar Zitate werden unterbunden. Dies bedroht nicht nur den ungehemmten Wissensaustausch über Leihbüchereien, Universitäten und private Lesezirkel. Es ist auch ein falsches Signal angesichts einer massiven Krise. Wenn wir eine Gesellschaft wollen, in der mehr als die Hälfte der Bevölkerung liest, dann sollten wir Bücher nicht digital wegschließen – sondern den Zugang zu ihnen so einfach wie möglich machen.”
Ich habe schon mehrfach meine Sympathie für ein derartiges Vorgehen ausgesprochen. Für einen generellen Ausweg aus der Situation halte ich es nicht. Gerade aber bei diskussionshaltigen und kulturwertigen Gegenständen finde ich diesen Weg genau richtig. Nicht anders agiert die neue musikzeitung, wenn sie ihr Angebot kostenlos hält, nicht anders agieren hunderte von klugen Weblogs all around the world.
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Im Angesichte des Auffindens dieses Zettels zwischen altem Kassettenmüll verkünde ich für demnächst und unwiderruflich eine unerwartete zwischenzeitliche Abschaltung des Weblogs der “Kritischen Masse”, so lange, bis der Einschaltknopf wiedergefunden worden…
Soeben erhalten. Die Laudatio Christoph Bechers zum Hindemith-Preis an Jörn Arnecke. Ein schöner Text. Darin erwähnt Becher eine bislang unveröffentlichte Notiz Paul Hindemiths aus dem Jahr 1934:So lange im Rundfunk…

Es war in Frankreich, in Südfrankreich. Die Welt schien in Ordnung, ein kurzer Urlaub an der Côte d’Azur. Dann ein Urlaub im Urlaub, eine Fahrt durch das Hinterland mit seinen zerklüfteten Tälern und Bergen. Alles schien ruhig, das Wetter trübe und kühl. Eine Pause an einer Brücke.
Einmal ein spontaner Urlaub, der gar nicht so spontan war. Er war vor allem kurz. Nur drei Tage. Südfrankreich, Saint Aygulf - aber nicht hier auf dem Bild. Das macht…