Alexander Kluge – Gesundung

Die letzten drei Tage war es gar nicht gut um mich bestellt. Hart an der Grenze zur Verzweiflung über diese Welt und das, was in ihr geschieht, was sie mit mir und mit den anderen macht. Ein Spaziergang im Wald mit Hunden und Mitmenschen war voller Begegnungen mit Mitmenschen, die teils, teils vollkommen teilnahmslos, achtlos auf den Wegen herumdremmelten und dödelten. Gut gelaunt, planlos. Für uns ein Slalom durch die Welt der Gefühle.

gras
gras – feld

Zum Abendessen ein wenig Brennnessel-Pesto hergestellt, gemeinsame Arbeit. Gemeinsam lecker. Vorbereitung der zweiten Fuhre Shitake, der ersten Fuhre von Maitake und Kräuterseitling. Gurkensalat aus der Essensrettung. Medienkonsum. Sargnagel – Der Film. Anstrengend für mich: zu hektisch, zu kreischend. Aber die nölige Stimme und die vollverstopfte Wohnung versöhnen. Danach noch in der ARD-alpha-Mediathek den Anfang eines Filmes über Alexander Kluge aus dem Jahr 2002/2003 gesehen. Mit Oskar Negt dabei und Jürgen Habermas. Mit Christoph Schlingensief und Hannelore Hoger. Blick hinter die Kulissen. Das nachdenkzäsurensetzende „Ja“ beim Sprechen von Kluge. Der ist ja so komplett, dass er sich an drei Stellen in meinen Regalen findet: bei Literatur, Theorie und Film: „Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang“. Das riss mich heraus aus dem Dämmern und Jammern und erfüllte mich augenblicklich mit Denkungsglück. Dass es hinter der ganzen Enttäuschung über die Gegenwart, diese Hoffnungsreste gibt, dieses Vertrauen, das Glück produzieren kann. Dieses unbeirrbare Hoffen auf Besseres. Das man auch tun muss. „Gib’ nicht auf. Gib’ Dich nicht auf“, spricht da wer zu mir.

Endlich nachts wieder gut geschlafen. Aufgewacht mit Lippenherpes: Deutliches Anzeichen, dass die letzten Tage sehr anstrengend gewesen sind und das Immunsystem das alles im Moment nicht schafft.

Aber, wie rettet man das zurück in den Alltag?


„Unausdrücklich hat sich ein wenig Kantischer kategorischer Imperativ aufgerichtet: du mußt unterschreiben. Das Gefühl neuer Geborgenheit wird bezahlt mit dem Opfer autonomen Denkens. Trügend der Trost, im Zusammenhang kollektiver Aktion werde besser gedacht: Denken, als bloßes Instrument von Aktionen, stumpft ab wie die instrumentelle Vernunft insgesamt.“1

prähistorisches bild
prähistorisches bild 2018

„Plato sagt bekanntlich an einer Stelle seines Staates, erst dann könne etwas Rechtes werden, wenn diejenigen ans Regieren kommen, die dazu keine Lust haben.“2

im baum
im baum

Anmerkungen:

  1. Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Kritische Modelle 3. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8730 (vgl. GS 10.2, S. 797-798) ↩︎
  2. Sören Kierkegaard, Der Augenblick, Nördlingen 1988, S. 6. ↩︎

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der huflaikhan

Betreiber der Kritischen Masse seit 1995. Seit 2023 Wiederaufnahme. Promotion mit einer Arbeit über Adornos kompositorische und theoretische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik. Arbeit für den Bayerischen und den Mitteldeutschen Rundfunk als freier Autor und Regisseur – zumindest bis Ende 2015. Online-Redaktion für neue musikzeitung, Jazzzeitung und Oper & Tanz. Unglücklich, aber fast taub.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Theo Geissler

    Sargnagel fand ich spannend. Kam mir sehr alt und unreif vor. Bei Kluge Teil ich jede Facette Deiner Sichten. Herzlich grüßt Theo

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