Der Aufsichtsrat der GEMA: Ein monotoner Chor

Es wird ernst, die GEMA zieht alle Register. Es werden Mitglieder direkt angeschrieben und aufgefordert, an der kommenden Mitgliederversammlung teilzunehmen, um die Reform der Kulturförderung der GEMA durchzusetzen. Es wird ein gemeinsames Statement des Aufsichtsrats der GEMA veröffentlicht. Gemeinsam ist total wörtlich zu nehmen. Dieser Aufsichtsrat lässt keine Zwischentöne zu, er lässt keine zweite Meinung zu. Er ist einstimmig, er ist 100-prozentig. Es gilt die absolute Loyalitätsverpflichtung. Sie auch meinen Beitrag für die nmz: Die GEMA wird umgebaut. Darin zitiere ich: § 9 Absatz 2 des Kodex des Aufsichtsrates, der erst seit 2022 in dieser Weise besteht:

„Die Mitglieder des Aufsichtsrats sind verpflichtet, die von der GEMA und ihren Gremien gefassten Beschlüsse nach außen loyal zu vertreten. Sie sind verpflichtet, gefasste Beschlüsse nicht zu konterkarieren und deren Umsetzung nicht zu stören oder zu behindern. Das gilt auch für nicht einstimmig gefasste Beschlüsse.“ 

Ein Chor ohne Farben, ein Chor reinster Monotonie – der aktuelle Aufsichtsrat der GEMA.

Der Aufsichtsrat der GEMA spricht mit einer einzigen Stimme. Die 21 Personen sind hier keine Individuen. Denn Vielfalt der Meinungen sind nicht mehr möglich.
Der Aufsichtsrat der GEMA spricht mit einer einzigen Stimme. Die 21 Personen sind hier keine Individuen. Denn Vielfalt der Meinungen sind nicht mehr möglich.

Die alte Form der Kulturförderung soll in den Orkus gekippt werden, die E-Musik wird dabei ordentlich Haare lassen, das stellen nicht mal diese 21 Personen infrage: Komponist:innen, Textdicher:innen und Verleger:innen, samt ihren Stellvertreter:innen. Der E-Musik geht es an den Kragen und man darf mal raten, wie viele Personen aus diesem Chor der Aufsichtsrat-Rät:innen im engeren und weiteren Sinne der E-Musik zuzurechnen sind: Antwort: Keiner, es gibt nur einen Stellvertreter! Mit den Verlegern wären es tatsächlich zwei. Mitgefangen, mitgehangen. So ist das in autoritären Organisationen, zumal wenn es um Geld geht.

Dieser einsilbige Chor, gestützt von einsilbigen Unterorganisationen wie der Abteilung der politischen Kommunikation und einem einsilbigen Vorstand, beruhigt seine Wahrnehmungsberechtigten bei der GEMA mit dem Hinweis:

„Die Gesamtfördergelder werden nicht gekürzt, die bisherige U-Wertung bleibt unangetastet. … Die U-Wertung wird nicht abgeschafft, sondern nur umbenannt in Allgemeine Förderung. Der Begriff ,Förderung‘ soll verdeutlichen, worum es hier im Kern geht.“

Quelle: Gemeinsames Statement des GEMA Aufsichtsrates

Jubel! Die U-Musik lässt man vom Haken. In der Politik nennt man so etwas eine missbräuchliche Mehrheitsdiktion. Einen Minderheitenschutz kennt man aus der deutschen Politik immerhin noch so ansatzweise, in der Verwertungsgesellschaft GEMA ist der nur durch einen Artikel im Verwertungsgesellschaftengesetz vorgeschrieben. Aber wenn der Artikel nicht angewendet wird, dann ist er eine bloße Lachnummer.

Nachklapp 1 – Der Club der alten Aufsichtsräte

In den Chor des aktuellen Aufsichtsrates lässt man einen Chor alter Männer aus vergangenen Aufsichträten miteinstimmen: Christian Bruhn, Enjott Schneider, Stefan Waggershausen, Jochen Schmidt-Hambrock, Christian Wilckens, Tobias Künzel und Manfred Schoof.

Interessantes Detail am Rande: Hat sich Christian Bruhn (91) im letzten Jahr noch für eine Aussetzung der Reform eingesetzt, ist er nun für das Durchwinken in diesem Jahr. Ich kann im Nachhinein nicht beurteilen, wodurch sich Bruhn hat umstimmen lassen. Ich hatte letztes Jahr der nmz-Redaktion den Vorschlag gemacht, ihn damals anzuhören. Es ist aber zu keiner Stellungnahme gekommen.

Wer fehlt? Eine Frau, die bis vor einem Jahr noch Mitglied des Aufsichtsrats war und darin insbesondere die Interessen der E-Musik vertreten hat, bis sie, unter nie offen kommunizierten Gründen, den Aufsichtsrat verlassen hat oder verlassen musste: Charlotte Seither. Es liegt nahe, ihre Äußerungen zur Reform sind bekannt, dass sie niemals einer gemeinsamen Erklärung dieser Art zugestimmt hätte (siehe hier).


Nachklapp 2 – GEMA als Kulturinstitution adé

Ich finde Gemini von Google als KI-Instrument sehr aufregend. Fragen nach Alter und Besetzungen des Aufsichtsrats in der GEMA kann diese Suchmaschine in wenigen Sekunden und nur mit wenigen Fehlern beantworten. Darin wird dann auch die aktuelle Situation bei der GEMA thematisiert. Aber auch Usualitäten, wie dass im Aufsichtsrat der GEMA bei den Komponist:innen eine nie fixierte Regel war, dass zwei Komponist:innen aus E, vier Komponist:innen aus U gegenüberstanden. Die Abgrenzung ist nicht so ganz klar bei jemandem wie Enjott Schneider zum Beispiel.

Einen Punkt hat aber Gemini herausgestellt, der nicht ganz absurd ist, auch für die gesellschaftliche Wahrnehmung der GEMA als solcher:

E-Musik-Vertreter sind oft exzellent vernetzt – in Ministerien, Akademien und bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Sie positionieren die GEMA als Kulturinstitution, was der GEMA wiederum hilft, gegenüber der Politik (z. B. bei Urheberrechtsreformen) als schützenswertes Kulturgut aufzutreten.

Das fällt zunehmend nicht mehr ins Gewicht, da der Umbau zur internationalen Inkassogesellschaft bestens auf dem Weg ist.

Interessant ist auch das Fazit von Gemini, wo aktuell nur die Grundannahme der starken Einflussnahme des E-Bereichs sowohl bei den Verleger:innen als auch bei den Komponist:innen nicht mehr gegeben ist. Gemini zieht folgendes Fazit:

Die E-Musik sitzt im Aufsichtsrat wie in einer „geschützten Werkstatt“. Durch die festen Sitze und die Satzung ist sie überproportional einflussreich. Ohne diese politische Absicherung durch die E-Musik-Verleger und -Komponisten würde die GEMA vermutlich zu einem reinen „Pay-per-Play“-Dienstleister schrumpfen – was das Ende für viele Nischen-Genres bedeuten würde.

Und das ist sehr interessant: Denn vielleicht handelt es sich auch um letzte Zuckungen der Gebrauchsmusik-Vertreter:innen, bevor die Schwemme der KI-generierten Musikprodukte total wird. Wenn der Streaming-Anbieter Deezer bereits meldet, dass mehr als 40% der dort neu veröffentlichten Musikwerke maßgeblich mittels KI-Techniken hergestellt sind. Für Werbe- und sonstige Hintergrundmusik trifft es auch längst zu. Ebenso ist das im Pool der GEMA-freien Musik der Fall, die praktisch vielen Filmchen bei YouTube mitunterlegt wird.

Nachklapp 3 – Verleger-Situation

Interessant ist auch die Veränderung innerhalb der Kurie der Musik-Verleger:innen. Gemini zählt auf aus der Geschichte der GEMA, unter anderem:

  • Dr. Ludwig Strecker (Schott Music – historisch)
  • Dr. Hans Wilfred Sikorski (Musikverlag Sikorski – historisch)
  • Dr. Peter Hanser-Strecker (Schott Music – prägte den Aufsichtsrat über Jahrzehnte)
  • Winfried Jacobs (Boosey & Hawkes)
  • Hans-Peter Pany (Schott Music)
  • Karl-Heinz Klempnow (Sikorski)

Und ergänzt dann noch:

Besonders der kürzliche Tod von Peter Hanser-Strecker markiert das Ende einer Ära, in der ein einziger E-Verleger fast ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke der GEMA mitbestimmt hat.

Bei den Komponist:innen zur Erinnerung ist sie 0 zu 6 statt 2 zu 4.

Die GEMA wird umgebaut. Erst schleichend, jetzt nach Harald Hekers Abgang als Vorstandsvorsitzendem, sind kulturwerteverarmte Personen am Drücker der Macht, die sie auch nutzen werden. Mit vielen Mitteln, die sie zur Verfügung haben. Es wird durchregiert werden. Minderheitenschutz war gestern.

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der huflaikhan

Betreiber der Kritischen Masse seit 1995. Seit 2023 Wiederaufnahme. Promotion mit einer Arbeit über Adornos kompositorische und theoretische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik. Arbeit für den Bayerischen und den Mitteldeutschen Rundfunk als freier Autor und Regisseur – zumindest bis Ende 2015. Online-Redaktion für neue musikzeitung, Jazzzeitung und Oper & Tanz. Unglücklich, aber fast taub.

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