Merkwürdiger Wittgenstein: Zu viel wissen …

Vor der Prosa des Ludwig Wittgenstein habe ich Respekt. Manch ein Satz erscheint mir einfach so vertrackt, dass das Rätsel, welches er auf gibt, interessanter scheint, als die Lösung. Man nehme einmal: Wer zu viel weiß, für den ist es schwer nicht zu lügen.1Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit – Werkausgabe Band 8 – Bemerkungen über die Farben, Über Gewißheit, Zettel, Vermischte Bemerkungen, Frankfurt/M. 1984, S. 540.

Das mag mehrere Probleme in sich bergen. Entweder man weiß so viel, was aber in all dem Wissen selbst zu sich gegenseitig ausschließenden Wissensfragmenten führt. Dann blockiert sich “Wissen” gleichsam. Zu viel Wissen wäre sodann automatisch ein Überwissen [in einem ganz plumpen Sinne vergleichsweise wie beim Überfischen].

Oder aber: Das Wissen setzt sich selbst schachmatt, weil alles was man dann bei ungeheurem Wissen sagen kann, nicht durch die Aussage mehr gedeckt werden kann. Das Aussagen wird grundsätzlich defizitär, weil man ja nicht immer alles aussagen kann. Das Lügen ist dann nicht vorsätzlich sondern fahrlässig eine Folge der Nichtrealisierbarkeit des Wissens.

Unbeantwortet dabei ist, wie es sein kann, dass man zu viel wissen könne. Zu viel ist nun einmal zu viel.

Ein Stein von Wittgen. Foto: Hufner
Ein Stein von Wittgen. Foto: Hufner

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Fussnoten:

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    Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit – Werkausgabe Band 8 – Bemerkungen über die Farben, Über Gewißheit, Zettel, Vermischte Bemerkungen, Frankfurt/M. 1984, S. 540.

der huflaikhan

Betreiber der Kritischen Masse seit 1995. Seit 2023 Wiederaufnahme. Promotion mit einer Arbeit über Adornos kompositorische und theoretische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik. Arbeit für den Bayerischen und den Mitteldeutschen Rundfunk als freier Autor und Regisseur – zumindest bis Ende 2015. Online-Redaktion für neue musikzeitung, Jazzzeitung und Oper & Tanz. Unglücklich, aber fast taub.