Horst Köhler, Deutschlands oberster Kunstgeistlicher musste sich wohl mal wieder ins Spiel bringen, wenn doch alle Welt nach Rom schaut. Also was machen? Mist schreiben, damit die Feuilletons mal ein anderes Thema verhandeln können. Danke Chef, wird gemacht. Wir dürfen also lesen:
Es hat gewiss eine Zeitlang einmal die Notwendigkeit gegeben, die Klassiker zu entstauben und zu problematisieren. Aber das heute immer noch fortzusetzen, erscheint mir wie der Ausweis einer neuen arroganten Spießigkeit.
Wenn man keine Argumente hat, dann schimpft man eben um so lauter. Spießigkeit, schon wer das Wort benutzt oder gegen wen anders einsetzt, ist ein armes Hemd. Aber bitte, Herr Köhler, werfen wir also alle zusammen wieder Staub auf die alten Meister, huldigen ihnen, fallen auf die Knie und beten sie an.
Ein ganzer Tell, ein ganzer Don Carlos! Das ist doch was! Natürlich stellt uns die hohe Sprache, auch das Pathos Schillers heute vor Schwierigkeiten. Aber soll man ihn deswegen auf kleines Maß reduzieren?
Schiller bereitet heute Schwierigkeiten? Wie denn das? Ist doch entstaubt und problematisiert. Ist doch für heute alles pillepalle und vorgekotzt.
Ich stelle mir vor, dass in der Berliner Nationalgalerie die Bilder von Caspar David Friedrich mit schwarzer Pappe beklebt würden, nur hier und da ließe man zwanzig bis dreißig Quadratzentimeter sichtbar bleiben. Wer würde das akzeptieren?
Ich stelle mir, Horst Köhler steht ohne Unterhose vor mir und keine Pappe klebt vor seinem Dingens. Spaß beiseite. Theater schließen ist meine Empfehlung, Opernhäuser gleich dazu. Einfach die Texte und Partituren aushändigen. Das reicht, soll sich doch jeder selbst sein Theater und seine Oper inszenieren. Ja, Herr Köhler, das würden wird akzeptieren. Und billiger wäre das auch. Einen DVD-Player für jeden Bundesbürger mit einer KÜV-geprüften Aufführung auf DVD und fertig.
Oder dass man bei einer Aufführung von Beethovens 6. Sinfonie nur den ersten Satz nach der Partitur spielte, den zweiten als Blockflötenquartett und den Rest ganz ausfallen ließe oder rückwärts spielte. Wer möchte sich das gefallen lassen?
Ganze Generationen haben so musiziert Herr Köhler, ja selbst ich spielte mal eine Haydn-Sinfonie in einer Version für vier Violinen und Klavier. Hey, das war lustig und lernte einem was. Jawoll! Und psst, Köhlerchen, es gab sogar mal einen, derhat sogar Stücke so komponiert, dass man die auch rückwärts spielen konnte! Ja, das gabs. Aber wir wollen nicht die Hand in seinem Grabe umdrehen.
[Nachtrag:] Wenn schon der Hinweis auf Beethovens Sinfonie Nr.6 und nur den ersten Satz davon, so möchte ich doch Herrn Köhler an die Praxis unseres öffentlich-rechtlichen Senders, NDR Kultur, erinnern. Das ist leider dort üblich geworden und eigentlich fast nie im Konzertsaal. Außer das mit dem Blockflötenquartett, aber das bekommen die da [beim NDR] auch noch hin.
Nur unsere klassischen Dramen konnten sich Jahrzehnte nicht dagegen wehren, in Stücke zerlegt und nach Gutdünken wieder zusammengesetzt zu werden.
Arme Dramen. Mein Mitleid.
Ich habe meine Zweifel, ob auf solche Weise Kultur an die kommenden Generationen produktiv weitervermittelt werden kann.
So nicht, Herr Köhler, von ihnen verzichte ich gerne auf so eine Kultur.
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