Dritter Advent

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Typisch für Berlin, es gibt hier maximal einen dritten Advent. Danach werden alle traurig und bringen sich um oder machen Lesungen oder schüppen den Schnee weg. So in der Art. Berlin eben. Mit Schnee drauf kann man Berlin aber durchaus ertragen.

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taktlos # 94: Vielfalt statt Multikulti

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Ein hübscher Beitrag für taktlos aus dem letzten Jahr. Zum Nachhören als Real-Audio. Übelriechende Selbstbewusstseins-Trübungen soll ich gefunden haben.
Musik: Smells like Teen Spirit (Bad Plus) (Von Anfang an, dann drüber)

Sprecher: „Kultur vermittelt Heimat, Identität, das Wissen, wo man herkommt und wo man hingehört. Kultur verleiht Selbstbewusstsein, das in sich ruht und Gelassenheit gibt. Kultur lehrt Respekt. … Kultur lebt vom Austausch, sie findet immer neue Wege vom Vertrauten zum Neuen, vom Eigenen zum Fremden.“ Mit diesen Worte redete sich Bundespräsident Horst Köhler anläßlich des 60. Jahrestages der Gründung der Unesco die Kultur schön. Eine Sonntagsrede. Denn die Realität sieht anders aus – auch in Deutschland, dem Land der Dichter, Denker und Urlaubsfanatiker mit Sushi auf der Pizza. Es gibt da zum Beispiel den Streit ums Kopftuch ebenso wie die von rechtskonservativer Seite immer neu geschürte Angst vor einer „Durchmischung und Durchrassung“ der Gesellschaft, wie einstmals Edmund Stoiber lärmend schwadronierte. „Politik“ aber, meinte der Philosoph Adorno hoffnungsvoll: Politik also sollte „den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“

Eventuell: Break – nach Geschmack
Musik: Smells like Teen Spirit (Bad Plus) (irgendwas)

Sprecher: Auf der anderen Seite steht immer mehr eine McDonaldisierung der Kultur von Seiten der global operierenden Kulturindustrie: Abstrakte Standardisierung nicht nur im Essen sondern auch in „Film-Effekten“ oder der Popmusikkultur. Eine Gleichmacherei, die durch diverse europäische Komissionen hindurch auch bei Bildung und Kultur ihren bürokratisch-intellektuellen Widerhall findet. Kulturnivellierung nach Maßgabe des kleinsten Nenners. Einfalt statt Vielfalt. Das Kopftuch muss runter vom Kopf und der Hamburger muss rein – in den globalen Kulturmagen. Die dagegen beschwerdefrei operierende Multikulti-Toleranz ist nur eine hohle Beschwörungsformel aus dem Geist der versunkenen Neopostmoderne. „Mir ist alles egal, macht doch was ihr wollt,“ ruft sie aus und zieht den Schwanz gleichmacherisch ein.

Musik: Smells like Teen Spirit (Bad Plus) (ab 1:13 frei ist nach Laune, aber ab 1:39 weg)

Sprecher: Hilfe ist nah. Norbert Lammert, unserer neuer Bundestagspräsident, ruft zu einer Auseinandersetzung über den Begriff der Leitkultur auf. Hatten wir das nicht schon einmal? Nette Idee. Er scheut auch keine Mühen und bringt kenntnisreich ein Ersatzwort ins Spiel: „Große Erzählung“ nennt er das. Das ist alles gut gemeint aber doch hilflos. Bald werden die einen einem was erzählen und die anderen werden leiten. Kultur geht dabei unter und wird Opfer der Kapital- und Büro-Talibane. Sozusagen „Leitfalt“ statt Vielfalt. Das smellt alles andere als nach Teen Spirit.

Musik: Smells like Teen Spirit (Bad Plus) (ab 4:22 frei dann nach Gusto)
taktlos 94 – Die gesamte Sendung als Real Audio
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Na und?

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Die alte Musikindustrie das Kopieren von Tonträgern nicht und auch nicht die Verbreitung der von ihr produzierten Musik in nervösen Netzen. Tauschbörsen werden seit kurzer Zeit in die Haftung genommen. Deren Betreiber proben gar nicht erst Widerstand, sondern suchen neue Verbündete – in der Musikindustrie. Nichts mit Anarchie und alternativen Formen der Würdigung kreativer Arbeit, nichts mit Aufbegehren gegen den Geistesausverkauf im Namen des Geistes. Es geht schließlich auch nicht um Geist, noch geht es um künstlerische Qualität, es geht um mehr. Es geht um – Korrektur – es geht gegen Menschen.

Sony/BMG haben kopiergeschützte CDs auf den Markt gebracht, die, eingesetzt in das CD-Laufwerk eines Computers, selbigen ausspionieren können und, sofern vorhanden, per Internet Fremden den Zugang auf den Computer ermöglichen. Na und? Wer nichts zu verbergen hat, braucht doch weder Schäuble noch den Abmahnanwalt fürchten. Wir sind so frei, wir lassen die Hosen runter. Wir sind schließlich Deutschland, jawohl verdammt: selbst Du! „Du bist Deutschland“ – Medienbeworbene und -beauftragte Hirnerweichung aus den Mäulern von Kulturkrawatten und -hemdchen wie Günther Jauch, Marcel Reich-Ranicki, Ivonne Catterfeld, Ulrich Wickert und Anne Will. 1935 hat der Spruch schließlich auch schon mal gesessen. Zu den Unterstützern dieser Kampagne zählt zentral übrigens das Medienunternehmen Bertelsmann, zu dem BMG mit seiner Spionage-CD auch gehört. Das passt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk unterstützt mit den Gebühren der Ausspionierten ebenfalls die Deutschland-Kampagne. Der Rundfunk nimmt ohnehin längst kein Blatt vor seine Fresse und hält neuerdings sogar den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels für einen probaten Vordenker des modernen Rundfunks (RBB) – die Intendanten der angesprochenen Landesanstalten haben diesen Zusammenhang übrigens nie dementiert. Das spricht für sich.

Na und? Niemanden interessiert das. Da haben die einen noch Angst vor dem CD-Clonen, während andernorts die überarbeiteten und geupdateten Kopien des Ungeistes und der Manipulation auferstehen – im Namen des Geistes, im Namen des Schutzes menschlicher Würde, und wer weiß, bald im Namen des Volkes. Welch eine Perversität.
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Bilanz-Arena

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Es ist schon fast sehr lange her, da meinte es ein bundesdeutscher Kanzler gut mit uns und gab die Empfehlung heraus, man müsse den Gürtel enger schnallen. Das sagte er, der locker weit über 100 Kilogramm auf die Waage brachte. Hat sich damals jemand die Mühe gemacht, sich diese Leute anzusehen, die wie die Wurst aus der Pelle schauten, qualvoll quellend. Da würde sogar ein Placido die Platzidität übersteigen. Das also musste verhallen. Man übte sich ja auch anderswo anders. Nämlich in Diäten oder wie es die Wirtschaftsgeneräle nannten: eine Körper-Reform wurde verabreicht. Der Kultur gegenüber verkaufte man es als „Gesundsparen“. Das klingt zwar nicht schön, aber fast medizinisch korrekt. So adrett, dass mir ein Musikdramaturg die Verwendung dieses Begriffs unter Androhung physischer Gewalt untersagen wollte. Was man denn da „gesundspare“, das werde nämlich krank. Sparwuchs auch in der Musikkultur ist dennoch up to date. Denn am Sparen kann man nicht zu wenig sparen. Die Zeiten gehen nicht nach Kunst und Bildung sondern nach deren Vernichtung.

Der sozialistische Alt-Ossi Richard Wagner wusste dies genau, als er auf die Barikaden ging. Er verlangte eine Revolution, nicht eine popelige Reform. Nachdem er den „unentgeldlichen“ Zugang zum Theater forderte, mahnte er an: Die „Sache des Staates, oder mehr noch der betreffenden Gemeinde, müßte es aber sein, aus gesammelten Kräften die Künstler für ihre Leistungen im Ganzen, nicht im Einzelnen zu entschädigen. Wo die Kräfte hierzu nicht hinreichen, würde es für jetzt und für immer besser sein, ein Theater, welches nur als industrielle Unternehmung seinen Fortbestand finden könnte, gänzlich eingehen zu lassen …“ Nicht enger schnallen, locker machen. Man braucht nicht mehr Kulturmanager sondern mehr befreite, freie Kunst. Okay, geht nicht, will keiner, ist zu aufwendig, macht Arbeit – war ja nur so eine Idee; wie damals 1848, als man Theater und Kunst wollte und keine reine Bilanz-Arena.

nmz 10/2006, S. 10

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Sonntagsbraten

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Ein Rätsel ist es insofern nicht, als ich gar nicht wissen möchte, wer da klimpert, sondern warum und mit wem, und warum der nicht zu hören ist.Also Musik ab.

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Gratis [heißt nicht umsonst]

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Langsam muss man an Weihnachtsgeschenke denken, wenn man denn jemand kennt, dem man solche Freude bereiten will. Passend flattert ein Propekt herein, eine Gratis-CD versprechend. Nein, keine gewöhnliche CD, eine Gold-Collection-CD soll es denn sein. Und nochmals nein, es handelt sich nicht um ein neues CD-Format in dieser formatgierigen Welt. Es ist nur eine superfeine CD, eine Gold-Collection-CD eben. Der reine Wahnsinn sozusagen. Denn was „gibt es denn Schöneres als großartige Musik, gespielt von einem Orchester, das zu den besten der Welt gehört?“ fragt einen die Werbebotschaft. Was drauf ist? „Hören Sie viele moderne Klassiker so, als wären Sie live dabei: Das Vienna Symphonic Orchestra spielt für sie so bekannte Klassiker wie ‘One Moment in Time’, ‘Winds of Change’ oder Ausschnitte aus ‘Die Moldau’ von Friedrich Smetana.“ Was sich da fast anhört, als könne es sich um einen Live-Mitschnitt des Vormittagsprogrammes von NDR Kultur handeln, ist herzig.

Es gibt auch nur eine Bedingung: „Wir schenken Ihnen diese erstklassige Sammler-CD, wenn Sie sich zum Kauf eines neuen Wave® Music Systems entschließen.“ Da muss man doch zugreifen. Noch vor Jahresfrist fragten die Firma an, ob man nicht exklusiver Testhörer dieser Anlage sein möchte, vorrausgesetzt, man kauft sie. Ach, die kümmen sich in letzter Zeit so sehr um ihre zukünftigen Kunden, dass man kaum noch zu widerstehen vermag; und sei es, damit die Werbepost dieser Firma ein Ende hat. Aussehen tut das Teil übrigens wie ein etwas zu plump geratenes Küchenradio. Aber es klingt, nach Versprechungen eben wie ein Konzertsaal. Der Haken an der Sache, das Stereo-Radio mit CD-Spieler kostet nur schlappe 698 € – aber inklusive der unbezahlbaren Gratis-Sammler-Gold-Collection-CD. „Und wenn Sie möchten, bringt Sie eine einfach programmierbare Weckfunktion gut gelaunt in den Tag.“ Da schlaf’ ich lieber noch eine Runde.
nmz 11/2006, S. 10
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Eingekochte Improvisation: Keith Jarrett: Radiance

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Eine Musiktür geht auf, ganz sachte, ganz vorsichtig. Die Klänge eines Klaviers ziehen an einem vorbei. Man stellt sich in den Strom der Töne, lässt sich mitgehen, eine Reise in aller musikalischen Konsequenz und dennoch unbestimmt. Wer will kann so eine Fahrkarte lösen, kann sich in den Klangraum der Solo-Musik Keith Jarretts einbetten lassen.

Sechzig Jahre ist Jarrett dieses Jahr geworden – und sehr weise. Seine großen Solokonzerte aus den 70er Jahren und Bremen, Lausanne und Köln, klingen wie durch einen Vorhang gesehen in seiner neuesten Produktion wieder. Radiance heißt die neue CD und besteht aus 17 Einzelstücken auf zwei CDs, über zwei Stunden solo und live in Osaka und Tokio 2002 aufgenommen.

Da sind gewiss nicht mehr die langen Ostinato-Passagen, die Trance-Charakter besaßen, doch sind sie latent immer zu spüren; verwandelt häufig in geradezu motivische Arbeit. Anderes wirkt wie aus dem American Songbook neu erfunden. Es ist ein Fortführen, ein Beenden, ein Wiederentwickeln kürzerer musikalischer Ideen in diesen 17 Stücken und bis zu einem gewissen Maße über die Stücke hinaus. Diese wirken bisweilen wie eingekocht, manchmal – selten – auch ein wenig verrissen, aber niemals akkurat oder wie auswendig gelernt.

Keith Jarrett fällt seine lange musikalische Erfahrung aus Jazz und europäischer traditioneller Musik ohne Gewalt oder Einengung zu. Da setzt er sich also noch einmal ans Klavier und stößt die Töne an. Ja, und er lässt es passieren, konzentriert wohl genauso wie sich mitreißenlassend. Jarrett hat diesen Aufnahme Liner Notes beigelegt, wohl das erste Mal seit langem. Sie belegen nichts und sind fast nur historisch interessant. Aber es wundert dann doch, dass er im letzten Satz betont, fast betonen muss: „Everything on these discs is completely improvised.“

Keith Jarrett: Radiance
ECM 1960/61

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Der frohe Tote

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Es gehört einfach zu meinen Lieblingsgedichten, auch und gerade weil ich es nicht ganz nachvollziehen kann. Der frohe Tote von Baudelaire, hier in einer Übersetzung von Stefan George. Ich weiß gar nicht, wie viele Übersetzungen ins Deutsche es davon gibt. Bekannt und angeschaut habe ich nur die von Stefan George und von Carlo Schmidt. Auszüge hat auch der Walter Benjamin gemacht. Dass jemand zu den Schnecken, Würmern und zu den Raben sich sehnt. Alles…

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Sonny Rollins, Without a Song (9-11 Concert)

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Liegt bei mir seit Wochen rum. Nett gemacht das Rezensionsexmplar, handbeschriftet und vom Cover eine nette Schwarz/Weiß-Fotokopie. Dazu dann einige ebenso eilig mitgelieferten Waschzettel, die natürlich auch das „legendäre“ Konzert, vier Tage nach dem 9.11.2001 in Boston, zum Gegenstand haben. Und die Musik ist furchtbar, wenn man sie von Anfang an hört. Der 75-jährige Sonny Rollins kommt nicht ins Spiel, klingt wie ein fader alter Mann, der alles vergessen hat, was er mal musizierte.…

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