Hans Werner Henze 100

„Freiheit, wilder und schöner neuer Klang, kann nur durch das Gefühl von Einsamkeit und Freiheit entstehen.“ Hans Werner Henze kämpft bis zu seinem Tode 2012 für einen „wilden und schönen Klang“. Und für die Freiheit: die des Komponisten und jene, die entsteht, wenn Musik durch die richtige Tür zu uns Hörern tritt. Wenn sie Geschichten in uns wachruft, die wir weiterspinnen, in immer gewagteren Erzählungen.

Christoph Becher in der nmz

Für die neue musikzeitung hat zu seinem heutigen 100. Geburtstag Christoph Becher Gedanken verloren, nein, gefunden, die für dessen Musik charakteristisch sind.

Hans Werner Henze bei der Verleihung des Musikauto:innenpreises der GEMA für sein Lebenswerk. Foto: Hufner
Hans Werner Henze bei der Verleihung des Musikauto:innenpreises der GEMA für sein Lebenswerk. Foto: Hufner

Henzes Musik ruft Gesten und Vokabeln wach, auch dort, wo sie abstrakt wirkt. Das kompositorische Räderwerk dahinter findet er, Schönberg folgend, entbehrlich für die Hörer. Das 3. Streichquartett, heißt es zum Beispiel, sei „zum Schauplatz eines tiefgehenden Umgangs mit dem Kontrapunkt geworden […]. Musikwissenschaftler und Studenten können das nachprüfen und nachrechnen, aber der unvorbereitete Hörer braucht von diesen Umständen und Kunststücken nichts zu wissen. Denn worauf es mir ankam und ankommt, ist, daß die Theorie in der Versenkung verschwindet, wenn die Protagonisten die Bühne betreten“.

Source: Hans Werner Henze zum 100. Geburtstag · Von Christoph Becher Wilder schöner Klang | nmz – neue musikzeitung

Henze gehört mittlerweile der Generation von Musikern und Komponisten an, die zeitweise das Musikleben ihrer Zeit sehr deutlich geprägt hatte. Komponisten, wie später Aribert Reimann und Manfred Trojahn, die über das Musiktheater ins bürgerliche Metier eingedrungen sind. Dabei kam Henze aber eine ganz besondere Rolle zu, da er sich ausdrücklich als Kommunist und Antifaschist verstand. „Musik ist nolens volens politisch.“ Keine Frage.

Oder doch: Wieder eine Frage, die in den Zentralen der Musikverarbeitungsindustrie entschieden ist. Sie ist eben wirtschaftlich interessant und zugleich gesamtgesellschaftlich systemirrelevant. Verzichten mag auf sie aber niemand. Selbst dann nicht, wenn diese Musik nicht im lebendigen kompositorischen Prozess entsteht, sondern Produkt maschinellen Outputs ist. Das ist alles bedenklich, zumal wenn in einer Infomail von Evan Blum zu lesen ist, dass sich damit wirtschaften lässt:

An estimated total of $10 million in streaming revenue is now generated by AI music, according to the analysis of 70 of the most popular AI ‘artists’ active on streaming platforms. Of this, approximately $7 million is derived from Spotify, calculated from the top 10 popular tracks of each artist, while roughly $3 million comes from YouTube, based on the views from all channel video uploads. 

streaming ghosts top 10 earning ai music artists
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Immerhin bannen einiges Streamingplattformen derlei Produkte. Für Qobuz zum Beispiel gilt, was sie in ihrer KI-Charta festlegen.

„Unserer Überzeugung nach kann KI ein Hilfsmittel sein, sollte jedoch niemals menschliches Urteilsvermögen ersetzen. Das Herz von Qobuz ist und bleibt menschlich: redaktionelle Kuratierung und künstlerische Kreativität.“


Zurück zur Musik. Ein wunderbares Zeugnis zur Erinnerung an Hans Werner Henze gibt es auf YouTube mit Shoko Kuroe und Jan Müller-Wieland.

Im Fokus des Widerständigen – Henze 100 / Müller-Wieland 60. Mit Shoko Kuroe und Jan Müller-Wieland

Programm: Hans Werner Henze (1926 – 2012): Sonata per pianoforte (1959) – Vortrag von Jan Müller-Wieland: Henzes „Enkel“ – im Fokus des Widerständigen – Ansichten zu Henzes 9. Sinfonie – Jan Müller-Wieland (geb. 1966): Capriccetti, 2. Zyklus (2014-2017) – Shoko Kuroe, Klavier

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der huflaikhan

Betreiber der Kritischen Masse seit 1995. Seit 2023 Wiederaufnahme. Promotion mit einer Arbeit über Adornos kompositorische und theoretische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik. Arbeit für den Bayerischen und den Mitteldeutschen Rundfunk als freier Autor und Regisseur – zumindest bis Ende 2015. Online-Redaktion für neue musikzeitung, Jazzzeitung und Oper & Tanz. Unglücklich, aber fast taub.

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