Heute ist Welterschöpfungstag oder Weltüberlastungstag – immerhin ein Tag später als 2019. Gemeint ist damit nicht der Tag, an dem die Welt erschaffen wurde, sondern der Tag, an dem sie sich auf Jahressicht hin erschöpft hat. Es ist der Tag, an dem die menschliche Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen das Angebot und die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen in diesem Jahr übersteigt.
Was könnte das mit unserem Kulturleben zu tun haben? Einiges. Der Philosoph Gernot Böhme zieht eine Linie von Marcuse zur aktuellen Situation, die er als ästhetischen Kapitalismus und ästhetische Ökonomie bezeichnet. „Der Kapitalismus qua ästhetische Ökonomie ist dafür verantwortlich, dass der Mensch auch im Überfluss nie zufrieden ist und sein gesamtes Dasein unter dem Gesichtspunkt von Leistung sieht“ (Gernot Böhme: Ästhetischer Kapitalismus, Frankfurt/M. 2016, S. 73). Dabei geht es aber nicht um eine Unzufriedenheit, die kreative Energien freisetzen könnte, sondern um das Gefühl, sich auch im Konsum als Wettbewerbsteilnehmer zu sehen. „Die ästhetische Ökonomie erzeugt also auf der Konsumseite eine Eskalation des Verbrauchs. Von daher werden die Menschen im Gefühl der Knappheit gehalten, obgleich sie im Überfluss leben“ (ebenda, S. 74 f.).
Das betrifft auch die Kultur selbst. So sei die „Unterhaltungsindustrie als Sektor der Konsumgüterindustrie ein Paradebeispiel dafür, dass das Leistungsprinzip immer wieder verstärkt wird: Sie erweitert nämlich die Konsummöglichkeiten der Verbraucher quasi ins Unendliche“ (ebenda, S. 72). Aber auch nur „quasi“. Der Welterschöpfungstag hat seine Parallelen durchaus auch im kulturellen Bereich. Etwas mutwillig könnte man das im Opernspielbetrieb sehen, wo zwar die Abwesenheit von Uraufführungen beklagt wird, diejenigen aber, die es in den Betrieb hineinschaffen, mit einer Verbrauchseigenschaft ausgestattet sind, einer Art künstlichen Obsoleszenz: Sie halten nicht besonders lange. Die ganze Neue-Musik-Szene ist davon befallen, die sich permanent erneuern will (und muss) und damit das Angebot großzügig erweitert und, zack, auch schon wieder verbraucht ist. Das Neue verbraucht sich in dem Moment, in dem es erscheint.
Ich kann es hier nur bei Andeutungen belassen. Natürlich betreffen die genannten Phänomene viele Bereiche des Lebens: Schule, Arbeitswelt, Freizeit, Bildung, Kunst, Wirtschaft. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Menschen ein Glück und eine Zukunft verheißen, die sie im Moment solcher Versprechen zugleich zerstören. Die Bedürfnisse werden nicht befriedigt, stattdessen werden Begehrnisse und Begierden erzeugt, wie Böhme weiter ausführt.
Nun hat die Kabinettsumbildung von Bundeskanzler Merz doch noch einen Bogen um die Persoqualie Wolfram Weimer gemacht, der als Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien seit über einem Jahr im Amt ist. Er stellt immerhin in Aussicht, dass mit der Legislatur auch seine Tätigkeit enden wird. Er hat also noch etwas weniger als drei Jahre Zeit, Unfug anzurichten. Begonnen hat er ja mit der Weisung, in seinen Amtsstuben nicht korrekt zu gendern, sondern falsch. Flankierend hat sich der Mann dann einen Avatar zugelegt, den er sweet Weimertar nannte. Wo ist der eigentlich geblieben, fragt man sich? Auch Opfer der Obsoleszenz?

Jedenfalls scheint das nicht so gut zu laufen. Er privatisiert bereits für die BUNTE. Und schreibt Liebeslieder. Jetzt hat er auch endlich Ersatz gefunden für seinen Weimertar. In mühevoller Kleinarbeit des VEB Zausel & Zunder wurde im Brahmsweg einer Kleinstadt am Rande des Irrsinns vorgestellt:
