Adorno und der Pseudoliberalismus: Relevanz heute

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, ja, so heißt es offiziell in seinem Amt, fährt nach Wien. Interessant? Ja, vielleicht bleibt er ja dort.

Dieter Nuhr erhält den Leo-Back-Preis des Zentralrats der Juden. Interessant? Ja, denn das eröffnet selbst jemandem wie Julian Reichelt die Möglichkeit, auf seine alten Tage noch einen Preis zu bekommen. Ganz sicher hätte jemand wie Theodor W. Adorno diesen Preis niemals erhalten. Zu differenziert das Denken. Aber in zwei Jahren, bei guter Führung, ist Wolfram Weimer dran, nach Hubert Burda, Friede Springer und Matthias Döpfner.

Mal angenommen, es stellt sich heraus, dass der Beitrag Israels beim diesjährigen Eurovision Song Contest von einer Palästinenserin oder einem Palästinenser komponiert oder getextet worden ist – ausschließen sollte man das weder inhaltlich noch sachlich, wie spiegelt sich denn so etwas in Wort oder Ton? – Welche Konsequenz hätte das für die Wahrnehmung der verschiedenen Seiten? Ich vermute, das Kreuzfeuer von Wut und Hass würde sich dann ganz auf den Darsteller des Songs konzentrieren: von allen Seiten, außer der Seite, die deeskalierend unterwegs ist.

Zurück zu Adorno, dessen Studien zum autoritären Charakter aus den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts leider immer noch aktuell bleiben. Er hat da unter den Liberalen unterschieden:

Zusammenfassung: Genuin vs. Pseudo

MerkmalGenuin LiberalerPseudoliberaler
GrundhaltungEchte Autonomie & EmpathieAnpassung an den Zeitgeist
Umgang mit KritikReflektiert und sachlichMoralisch entrüstet
VorurteileDurch Reflexion weitgehend abgebautUnter der Oberfläche vorhanden
MotivationÜberzeugungSoziale Anerkennung

Ich habe das im Studium mal durchgelesen. Was Gemini dazu sagt, trifft es trotzdem.

Für Adorno ist der Pseudoliberale ein Symptom der verwalteten Welt. Das Individuum ist nicht mehr wirklich autonom (wie der genuin Liberale), sondern es „konsumiert“ eine Weltanschauung. Das geht in jede Richtung. Dieter Nuhr ist nur ein Beispiel für andere, bei denen sich Kritik nicht in der Sache, sondern aus der Sachlage heraus darstellt. Dabei hat man schon mal einen Punkt. Aber 99 Punkte auch gegen sich, eben aus der Sache.

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der huflaikhan

Betreiber der Kritischen Masse seit 1995. Seit 2023 Wiederaufnahme. Promotion mit einer Arbeit über Adornos kompositorische und theoretische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik. Arbeit für den Bayerischen und den Mitteldeutschen Rundfunk als freier Autor und Regisseur – zumindest bis Ende 2015. Online-Redaktion für neue musikzeitung, Jazzzeitung und Oper & Tanz. Unglücklich, aber fast taub.

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