Blarifari – Wenn die Klassikwelt sich abschaltet

Die Sache ist ja: Wenn die Kultur und mit ihr die sogenannte klassische Musikwelt sich weiter in Richtung, Hülsenkultur, reflexionsarmer Marketing-Sprecherei entwickelt, tut sie ihrem Gegenstand – der Welt der musikalischen Künste – keinen Gefallen. Im Gegenteil: Sie schadet damit aktiv den Künsten und der Kultur.

Ich bedauere, dass ich früher einmal gegen die Umbenennung von „mdr kultur“ zu „mdr figaro” widersprochen hatte. Denn in letzter Instanz ist das die Konsequenz, die Musikkultur im mdr jetzt wirklich nimmt.

Was man hier liest, sind Behauptungen. Zum Beispiel die „Weiterentwicklung der Angebote“ – die besteht offenbar darin, sich veränderten Rahmenentwicklungen anzupassen. Was diese genau sind, und was diese genau so fordern, sich anzupassen, blieb eine argumentative Leerstelle.

Annette Josef, Hauptabteilungsleiterin MDR Klassik: „Mit der strategischen Weiterentwicklung seiner Klassikangebote stärkt der MDR die digitale Verfügbarkeit, baut Kooperationen innerhalb der ARD aus und sichert zugleich die Präsenz der mitteldeutschen Kulturlandschaft – auf bestehenden und neuen Wegen. Die Neuausrichtung bedeutet keinen Rückzug von unserem Kulturauftrag, sondern eine Weiterentwicklung der Angebote unter veränderten Rahmenbedingungen. Klassische Musik erhält eine stärkere digitale Präsenz und erreicht so neue Zielgruppen. Klassik bleibt zentraler Bestandteil des MDR‑Auftrags.“

Source: DAB+-Verbreitung von MDR Klassik wird abgeschaltet – Klassik künftig stärker digital | nmz – neue musikzeitung

Da liest man weiter:

Mit der Transformation werden Klassikinhalte künftig verstärkt über digitale Angebote wie Streams, Podcasts sowie ARD-Plattformen wie ARD Sounds und die ARD Mediathek verbreitet. Diese Entwicklung trägt der veränderten Mediennutzung Rechnung.

Source: DAB+-Verbreitung von MDR Klassik wird abgeschaltet – Klassik künftig stärker digital | nmz – neue musikzeitung

Kurzum: Man sollte sich dann fragen, warum man überhaupt noch jenseits von ARD Sounds und ARD Mediathek sendet. Wo doch die Entwicklung angeblich dahin zeige. Was soll der teure Apparat dann noch für lineares Hören aufrechterhalten werden? Die Entwicklung zeigt auch in Richtung algorithmengesteuertes Programmgestalten. Die Richtung geht auch in KI-Steuerung von Redaktion und Hörer:innenanalyse.

Alles, wohin man mitgehen möchte, zeigt in Richtung Abhängigkeiten von Technik und maschinischem Wissen, das nicht im Besitz der Öffentlichkeit ist, sondern in den Händen wirtschaftlicher Unternehmungen, denen es um Geld geht, nicht um Kunst und Kultur, die für sie damit nur Mittel zum Zweck sind. Nicht um hörende Menschen, denkende Menschen, fühlende Menschen. Maschinen sprechen dann zu Menschen, die sie als menschliche Maschinen zuerst begreifen.

Für das ganze Versagen einer Redaktion steht aber der folgende Satz der Pressemeldung:

 Ab 12. Oktober 2026 wird die bisherige DAB+ Verbreitung von MDR Klassik beendet. Auf der Frequenz wird künftig BR Klassik ausgestrahlt und durch kuratierte Inhalte aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ergänzt. Ziel ist es, die Reichweite klassischer Musik im Digitalen auszubauen und ihre Präsenz regional sowie ARD-weit nachhaltig zu stärken.

Source: DAB+-Verbreitung von MDR Klassik wird abgeschaltet – Klassik künftig stärker digital | nmz – neue musikzeitung

Man sagt allen Ernstes, dass die bisherige Arbeit ziemlich überflüssig gewesen sein dürfte und dass mit BR KLASSIK das Ziel, die Reichweite klassischer Musik im Digitalen auszubauen, die bessere Alternative für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wäre. Vielleicht ist das ja so. Vielleicht stimmt dieses Eingeständnis der eigenen Überflüssigkeit sogar. Das Angebot von BR-KLASSIK könnte übrigens auch mdr kultur ersetzen, wenn man ein paar kuratierte Fenster offenließe. Man kann auch gleich ganz fusionieren mit dem BR1.

Über „kuratierte“ Inhalte sollen die Bundesländer das Programm „ergänzen“. Und als Kurator:in werkelt dann, aus Kostengründen, der Algorithmus der ARD-Mediathek.

Das allen Ernstes verfolgt man bei der ARD, die es über Jahre hinweg nicht einmal hinbekommen hat, eine Datenbank zu erstellen und zu pflegen, über die man sich gebündelt für interessante Sendungen im Radio erschließen kann. Mehr Verachtung gegenüber den interessierten Hörer:innen kann man nicht offenbaren. Mehr Verachtung gegenüber redaktioneller Professionalität kann man nicht zeigen.


  1. Das böte noch mehr Sparpotential. Man könnte sogar alle Klassik-Abteilungen zusammenkippen, alles Orchester der ARD zu einem Super-Orchester. Man könnte vielleicht auch auf alle Klassik-Sender verzichten, deren Gesamtreichweite marginal ist. Spotify genügt, Amazon Music, oder Apple Music + YouTube reichen doch vorne und hinten. ↩︎

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der huflaikhan

Betreiber der Kritischen Masse seit 1995. Seit 2023 Wiederaufnahme. Promotion mit einer Arbeit über Adornos kompositorische und theoretische Auseinandersetzung mit der Zwölftontechnik. Arbeit für den Bayerischen und den Mitteldeutschen Rundfunk als freier Autor und Regisseur – zumindest bis Ende 2015. Online-Redaktion für neue musikzeitung, Jazzzeitung und Oper & Tanz. Unglücklich, aber fast taub.

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