Darmstadt
Der armen Kaltmamsell geht es übel. Drum habe ich mal meinen Magen gebeten, ein paar strenge Worte dem ihrigen zu übermitteln. [MP3 - 2:10 - 1,6 MB]
Der armen Kaltmamsell geht es übel. Drum habe ich mal meinen Magen gebeten, ein paar strenge Worte dem ihrigen zu übermitteln. [MP3 - 2:10 - 1,6 MB]
In einem Brief eines ungenannten Rundfunkredakteurs zu meinem Artikel „Ästhetische Tauchgänge“ heißt es selbstkritisch und traurig: Insgesamt ist ein Wandel mit dem Medium Radio passiert, der sehr schmerzlich ist. Das Radio wird seit etwa 10 Jahren seit dem geballten Auftreten der privaten Anbieter als Junk-Box genutzt. Die Musik spielt nur noch als Stimmungsrampe eine Rolle, wichtiger ist das ungefähre Gefühl, in der Gegenwart zu sein und bei Verkehr, Wetter und Weltlage im verschwommenen Bilde. Eine Identifikation mit dem Sender gibt es kaum…
Auf der ersten Seite des hiesigen Bliz aktuell (Regensburg, Nr. 46, 14. November 2004) sind offenbar die busenfreudigen Trampel der Regio ausgegangen. Da wird ein armes Mädel schnell zum aufregenden Gardemädchen gemacht. Dem scheint es nicht gerade besonders zu gefallen, der Fotograf und die Bildredaktion des Zeitung geben sich nicht sonderlich Mühe, wenigstens den Blitz aus der Brille zu retouchieren. Ein furchtbares Foto, an der Grenze zur Verachtung. Shanine ist laut Bliz acht Jahre alt und sie „schaut ein bisschen ernst“, es…
Auf der ersten Seite des hiesigen Bliz aktuell (Regensburg, Nr. 46, 14. November 2004) sind offenbar die busenfreudigen Trampel der Regio ausgegangen. Da wird ein armes Mädel schnell zum aufregenden Gardemädchen gemacht. Dem scheint es nicht gerade besonders zu gefallen, der Fotograf und die Bildredaktion des Zeitung geben sich nicht sonderlich Mühe, wenigstens den Blitz aus der Brille zu retouchieren. Ein furchtbares Foto, an der Grenze zur Verachtung. Shanine ist laut Bliz acht Jahre alt und sie „schaut ein bisschen ernst“, es sei die „Aufregung“. Ja um Himmels Willen. Wer gibt denn der Presse Recht, das arme Ding so zu misshandeln. Hätte nicht mindestens die Trulla hinten rechts in ihrem roten Hoppelkleid mit den Perlen um den Hals Einhalt bieten müssen. Hat Shanine denn keine Eltern, die sie vor solch einem Scheiß bewahren konnten. Das Bild wird ungewollt zur Anklage gegen den ganzen Zinnober von Fasching, Kinderarbeit, Erwachsenengeil- und lallheit (die Titelzeile macht denn auch aus dem aufgeregten Gardemädchen ein „aufregendes“). Semmel würde sagen: „Ich prangere das an.“
[Man kann da jetzt vorwerfen: „Hufi, du Sau, du bringst doch selbst das Foddo aus dem Bliz und machst die Sache damit nur noch schlimmer.“ Da ist natürlich was dran. Man muss sich da fragen, darf man das Unrecht überhaupt noch benennen und darlegen? Wird es dadurch nicht perpetuiert? Augen zu und durch! So ganz blöde ist der Vorwurf schließlich nicht.
Ist es anderen nicht auch schon einmal aufgefallen? Da gibt es einen bösen Busunfall irgendwo mit zig Verletzten und Toten. In den nächsten Tagen scheint es dann, wenn man der Presse trauen kann, als ob eine Busunfall-Epedemie ausbricht. Oder bei Tanker-„Unglücken“? Wenn da erst einmal einer angestochen auseinanderbricht, fallen auf der ganzen Welt plötzlich die Schiffe auseinander. „Selektive Rezeptionsfokussierung infolge permanenter Angstüberflutung durch Erwartungshorizontverschiebung“, würde ich das nennen. Oder: eine journalistische Blutgrätsche.
Natürlich hoffe ich nicht, dass jetzt sämtliche deutschen und weltweiten Presseorgane derartige Bilder publizieren. Aber der Fasching oder Karneval wird seine eigenen Pressegesetze aufstellen.
Im der gleichen Ausgabe auf Seite 16 neben dem Mädchen von neben an („Brust raus, Bauch rein“) wird vermeldet (O-Schrift): „Die Kids entdecken die deutsche Sprache wieder.“ Die Kids also. Mensch, Redakteur vom Bliz, das ist ja geradezu potz. Allerfeinste Ironie, so wie man das vor Tagen noch konnte, geradezu subversiv.
Auch in der Alltagssprache der Jugend ersetzt „fett“ immer öfter das englische „cool“. „Da versteht man wenigstens, was der andere meint“, finden Kerstin Behammer und Theresa Stenzl (beide 14).
Und natürlich Kitts. Das finde ich allerdings auch voll knorke. Das Essen neulich fand ich auch cool, ähem fett(ig) — und das bin ich jetzt auch. Also, das hier stammt aus Regensburg und ich möchte mich in aller Form entschuldigen für diese Zeitung. So tumb sind die Regensburger dann nämlich auch wieder nicht; hoffe ich zumindest.
Fehlt nur noch der Polizeibericht. Wieder einmal mehr Alkohol. Lasst die Finger davon!
Trunkenbold
Straubing — Er hatte gerade seine Wodkaflasche geleert, da machte es Bums: Auffahrunfall. Die Fahrerin des beschädigten Autos wurde leicht verletzt, der Trunkenbold ist seinen Führerschein los.
Aber man muss die Sache ja auch mal positiv sehen. Es wurde bei diesem Auffahrunfall nur ein Auto beschädigt. Immer wieder überrascht aber der lebensechte Reportagestil der Bliz-Redaktion; gerade so, als ob der Autor im Auto des Trunkenboldes gesessen habe; womöglich selbst der Trunkenbold war. Man müsste der Bliz-Redaktion aber vor dem Führerschein besser die Presseausweise abknüpfen.
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Der misantropische Kierkegaard mal wieder. Hier ganz sympathisch: Meine Zeit teile ich folgendermaßen ein: die halbe Zeit schlafe ich, die andere halbe träume ich. Wenn ich schlafe, träume ich nie, das wäre zu schade; denn Schlafen ist die höchste Genialität. Wer einmal jemanden kannte, der unter Schlaflosigkeit zu leiden hatte, der wird das verstehen können. Ich sagte mir danach. Man kann mir alles nehmen, aber nicht meinen Schlaf. Und wenn man noch so sehr von Polarisationsfiltern träumt. Die Träume muss ich dann…
In der letzten Zeit hatte die Kritische [Kretische] Masse [Masche] mit Kommentar-Spam ganz schon was zu tun. Irgendwer wollte so Medikamenten-Zeugs verticken. Im Prinzip reichte es zwar aus, Kommentare nur noch dann direkt zuzulassen, wenn die Beiträge nicht älter als x Tage sind. Das kann Nucleus mit einem Plugin erreichen. Aber jeden Tag drei bis 15 Kommentare abzulehnen, das macht auch keinen großen Spaß. Parallel gabs dann eine Zugangsbeschränkung über eine sogenannte .htaccess-Datei. Nun aber scheint die sogar zu funktionieren. Elegant ist das zwar nicht, aber immerhin. Wer die Datei gerne übernehmen will, die eine Ergänzung (Zeile 5 und 6, 16 bis 20) zu einer schon vorhandenen ist, der mag sie sich hier herunterladen als Text-Datei. Die gehört ins Stammverzeichnis und muss dann .htaccess genannt werden. Aber ich übernehme keine Verantwortung für etwaige Probleme. Es kann sein, dass da schon eine ist und wichtige Informationen enthält. Für nucleus ist sie momentan jedenfalls in Ordnung.
Die Kommentar-Fuzzis sind ja schon merkwürdig. Einen Sinn hatte ihr Vorhaben die ganze Zeit nicht mehr gehabt. Auch waren die so zeitlich komisch organisiert. Einmal fett gespammt, dann einige Tage Pause. Dann kamen sie wieder als texas- und phentamine-Zeugs. Seit das nicht geht, kommt der Referrer wieder von 12.163.72.13 — aber das klappt nun auch nicht mehr. Hoffentlich nicht zu früh gefreut.
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Auch das hatte Kierkegaard recht fein herausgearbeitet und pointiert. Das Wesen der Kritik mal anders: "Der beste Beweis, der sich für die Jämmerlichkeit des Daseins führen läßt, ist der, den man aus der Betrachtung seiner Herrlichkeit herleitet." Der geneigte Leser der „Kritische Masse“ mag sich da langsam fragen. „Mein lieber Hufi, was ist denn nur mit dir los. Warum tust du dir diesen Dänen an? Diesen waschechten Jammerlappen aus Smörreland und Selbstmordistan?“ [Ich glaube, die Dänen haben sich da sehr verbessert, heute…
Auch das hatte Kierkegaard recht fein herausgearbeitet und pointiert. Das Wesen der Kritik mal anders:
Der beste Beweis, der sich für die Jämmerlichkeit des Daseins führen läßt, ist der, den man aus der Betrachtung seiner Herrlichkeit herleitet.
Der geneigte Leser der „Kritische Masse“ mag sich da langsam fragen. „Mein lieber Hufi, was ist denn nur mit dir los. Warum tust du dir diesen Dänen an? Diesen waschechten Jammerlappen aus Smörreland und Selbstmordistan?“ [Ich glaube, die Dänen haben sich da sehr verbessert, heute bringt man sich eher im Baltikum selbst um die Ecke.]
Nun Jungs und Mädels, die Antwort ist recht einfach. Der Däne spinnt — also genauer: Dieser Däne spinnt, wie es nur ein literarisch fühliger Mensch tun kann. Der Autor, nun eben der Sören Kierkegaard, der war ja selbst nicht so übellaunig, sondern vor allem gallig. Das Genre des Aphorismus, das er in den Diapsalmata (so habe ich mir diese griechische Fitzelei am Seitenkopf transliteriert) ausprobiert ist ja voll von Hasenschlägen und kürzesten Verkehrungen. Man ist nachher nicht schlauer, auch wenn einem am Anfang alles spontan klar ist. Anfangs sagt man sich: „Naja, klar doch, stimmt — schön gesagt.“ Und kramt man dann herinnen herum, dann werden diese Aphorismen sowohl zu Supernovae wie zu schwarzen Löchern. Plumps, sagte ich da nur. Eben war da doch noch ein Sinn. Und nu?
Aber manchmal sinds auch nur Lebensweisheiten, hübsch ausgedacht, wie der nächste Aphorismus:
Die meisten Menschen hasten so sehr dem Genusse nach, daß sie an ihm vorüberhasten. Es geht ihnen wie jenem Zwerg, der eine entführte Prizessin in seinem Schloß bewachte. Eines Tages hielt er ein Mittagsschläfchen. Als er nach einer Stunde erwachte, war sie fort. Geschwind zieht er seine Siebenmeilenstiefel an; mit einem Schritt ist er weit an ihr vorüber.
Klingt ja alles zunächst plausibel. Aber wer von uns ist denn ein Zwerg, der eine Prinzessin bewacht (die er selbst entführt hat?; wer anders entführt hat?). Und: Was hat das mit dem Genuss zu tun. Braucht der Kierkegaard die Siebenmeilenstiefel doch nur zum Beleg seiner These vom Genuss nachhasten. Wo ist denn der Genuss an einer entführten Prinzessin? Sie zu bewachen und nicht zu pennen, gerade als Zwerg?
Kierkegaard ist dann aber wieder so schlau und sagt ja nicht: „alle“ Menschen sondern nur „die meisten“ Menschen. Tscha. Ich war nicht gemeint, soviel ist doch klar. Prima zum Zurückzug. Aber, so höre die Leser blöken: „Hufi, warum denn dann?“
Das will ich wohl sagen. Ich beziehe mich dabei auf die Einleitung Theodor W. Adornos zu Heinz Krügers „Über den Aphorismus als philosophische Form“ [München 1988] Adorno schreibt dort, selbst ganz aphoristisch den Pfeil führend:
Der Aphorismus verwendet Sprache und Wissensprinzipien nicht so, wie sie sich von sich aus meinen: er macht sie uneigentlich und sich selber fremd. Er ist das entfaltete Nichtwissen, das die äußerste Reflexion des Wissens voraussetzt.
Er zielt auf die Negation abschlußhaften Denkens; er terminiert nicht im Urteil, sondern ist die konkrete Gestalt, in der die Bewegung des Begriffs sich darstellt, der des Systems sich entschlug. (S. 8)
Das versteht jetzt zwar auch keiner, nicht mal ich, aber ein paar Teile leuchten sofort ein. Der „gute“ Aphorismus macht nicht „peng“ oder „puff“ und weg isser, sondern er ist wie ein leises Gift, welches sich durch die Gedanken bohrt und affiziert.
Krüger hat natürlich auch dazu etwas zu sagen, und das ist gar nicht mal schlecht. Ich hatte es mir nicht gemerkt. Aber die etymologische Wurzel soll auf Hippokrates zurückgehen, der wohl medizinische Lehrsätze so nannte (»aphorismoi«), die gegen die Tempelmedizin standen und wohl auch mit seinem Lehrer Gorgias zu tun haben. Im 12. Jahrhundert greift dies ein Joannes de Mediolano seine ärztlichen Vorschriften im Form metrischer »aphorismis« zusammen. Die begannen mit dem weltbekannten: „Vita brevis, ars longa “ (was ich immer dachte, von Baudelaire stammt). Aber klar, konnte eigentlich nicht sein.
Schön endet Krügers Abhandlung mit einem Aphorismus des Meisters Nietzsche aus der „Früöhlichen Wissenschaft“, der wunderschön ist und lange anhält:
Meine Gedanken, sagte der Wanderer zu seinem Schatten, sollen mir anzeigen, wo ich stehe: aber sie sollen mir nicht verraten, wohin ich gehe. Ich liebe die Ungewissheit um die Zukunft und will nicht an der Ungeduld und dem Vorwegkosten verheißener Dinge zugrunde gehen.
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