Gitta

  • Lesedauer:2 Min. Lesedauer

Man hat ja nun wirklich nicht täglich mit Mitgliedern des Bundestags zu tun, wenn man nicht selbst Mitglied des Bundestages ist. Umso ehrfurchtsvoller begegnet man gelegentlich solchen Exemplaren, zumal dann, wenn sie auch noch jünger sind als man selbst. Woran das sonst liegt? Nun, es sind ja irgendwo auch Volksvertreter; ja das sind sie! Gitta Connemann sitzt der Enquete-Kommsion „Kultur in Deutschland” vor und wurde mir vorab als unkorrumpierbar geschildert - das ist heute wirklich schon eine Eignung. Aber Gitta ist darüber…

WeiterlesenGitta

taktlos # 79 – Zukunftsmusik II: Musikstudium für Taxifahrer?

  • Lesedauer:1 Min. Lesedauer

„Reifeprüfung = Taxifahrer“ so lautet ein geflügeltes Wort unter Musikhochschulstudierenden in Deutschland. Dahinter steht eine allgemeine Ratlosigkeit der Studierenden, bezüglich ihrer Perspektiven und der beruflichen Zukunft von Musikern und Musikpädagogen. Bilden die Musikhochschulen tatsächlich blindlings aus, in einen vollkommen überfüllten Arbeitsmarkt? Entsprechen die Studiengänge den Anforderungen einer veränderten kulturellen Landschaft? Sind solche Fragestellungen überhaupt angemessen angesichts der künstlerischen Ausrichtung der Hochschulen? „taktlos“-Moderator Theo Geißler diskutiert diese Fragen mit: Gitta Connemann (MdB), Thomas Rietschel (Präsident der Frankfurter Musikhochschule), Martin Ostertag (Musikhochschule Karlsruhe) und…

Weiterlesentaktlos # 79 – Zukunftsmusik II: Musikstudium für Taxifahrer?

“Raubkopieren ist erlaubt, solange niemand daran verdient”

  • Lesedauer:2 Min. Lesedauer

… soll Michael Moore gesagt haben und meinte damit seinen Film Fahrenheit 9/11. Die Creative-Commons-Gemeinde freut sich darüber. Telepolis zitiert ihn: "Solange sie dafür kein Geld verlangen, also sich mit meiner Arbeit bereichern, sondern nur meine Gedanken weiter verbreiten, wozu ich die Filme und Bücher ja gemacht habe, ist das für mich völlig okay. Ich bin mit den jetzigen Copyright-Gesetzen nicht einverstanden!" Quelle: TP: Michael Moore: "Raubkopieren ist erlaubt, solange niemand daran verdient" Eigentlich will diese Einstellung nicht verwundern. Seit Lawrence Lessigs…

Weiterlesen“Raubkopieren ist erlaubt, solange niemand daran verdient”

Music is better with you

  • Lesedauer:1 Min. Lesedauer

Nachdem die Lowe-Parade dieses Jahr nicht so stattfinden kann wie gewohnt, was auch nebensächlich ist, hat sich eine Initiative zu einer Demo gebildet, die just an deren Stelle treten möchte. »Music ist better with you« nennt die sich. Auf deutsch »Musik ist Butter-Witz JU (Junge Union)«. Da soll am 10. Juli zwischen 14 und 23 Uhr auf der Straße des 17. Juni in Berlin petitiert und demonstriert werden. Das nennt sich dann »Music-Day-2004« oder deutsch: »Musik-Deij-2004«. Im Moment haben sich acht Trucks…

WeiterlesenMusic is better with you

Einmal erster sein …

  • Lesedauer:1 Min. Lesedauer

Gestern abend das Finale der Fuss-EM-2004 in Portugal. Griechenland hat gewonnen mit eins zu null. Dieser kleine Sieg für Griechenland war ein großer Schritt für mich. Im Tip-Spiel meines hochverehrten Herrn Redunzl Semmel konnte ich, ungeachtet der demütigenden Tatsache, der schlechteste Tipper an Board zu sein, einzig und allein das richtige Ergebnis des Finales vorausahnen. Das Glück ist eben doch mit den Dummen. Und das bescherte mir diese Finaltags-Tabelle. Schlecht gestartet und erst am Ende alles gegeben. Wer weiß, wenn die Ball-EM-2004…

WeiterlesenEinmal erster sein …

Auto-Sadismus

  • Lesedauer:24 Min. Lesedauer

Mag man glauben oder nicht: Während der Lektüre einiger Informationen, die sich so im Internet oder in den Newsgroups tummeln, hatte ich als Hintergrundprogramm 9Live™ auf der Mattscheibe nebenan. Das ist zwar Stromverschwendung, aber dieses mal wollte ich es wissen. Seit über einer geschlagenene Stunde, seit 18 Uhr wird da die gleiche Frage gestellt:
Wenn 3 Ochsen in 3 Tagen 3 Liter Milch geben. Wie viel Milch geben dann 10 Ochsen in 10 Tagen?™
Die erste Antwort muss vor 18 Uhr gekommen sein. Denn penetrant blökt da eine Telefonstimme etwas von “100 Liter”(n). Hot-Button™-Runde nennt sich das. Und schon der zweite Moderator schwabuliert jetzt auf die Fernseher ein. “Wenn es tickt, dann ist es zum Hot-Button™ nicht mehr weit, sagt der Moderator™ schon seit gut 30 Minuten. Aber es kommt noch immer nicht zur Auslösung des Hot-Button™ – und das ganze dauert jetzt schon volle 80 Minuten.

Da stellt man sich langsam die Frage danach, was denn die Antwort sein könnte, aber nur nebenbei. Wer, um Himmels Willen, tut sich das an? Wer ruft bei sowas überhaupt noch an.
19:20: ”Jetzt geht es in die Endphase“ sagt da der Moderator™.
Was haben die eigentlich für eine Ausbildung, frage ich mich. Also ich könnte wirklich nicht über 80 Minuten mit einer Kamera sprechen.
19:22: ”Einhundert Liter sind falsch.“
19:23: ”Gleich ist es so weit.“
19:24: Frage wird wiederholt, falsche Antwort wird wiederholt und dann wird lange erklärt, dass die Antwort falsch ist.
19:25: ”Hören Sie das Ticken. … Kurz vor dem Ziel geben sie bitte nicht auf.“
19:27: ”Mit Spannung hat das Ganze nichts zu tun. [Pause] Das ist dramatisch.“

Wie ist das denn mit der Lösung jetzt? Geben Ochsen eigentlich Milch? Wie sieht das mit den Konditionen aus. — Wenn zwei Pferde vier Ferkel bekommen, wie viele Kälber haben dann eine Mutter?
19:29: ”Gleich ist es soweit. … Das habe ich vor einigen Augenblicken auch schon gesagt, aber es liegt nicht an mir.“
19:30 ”Dreitausenfünfhundert Euro sind Ihnen sicher.“

Warum tue ich mir das jetzt eigentlich immer noch an? Warum quäle ich den Leser der ”Kritischen Masse“ mit dieser ganz idiotischen Beschreibung.
19:31: ”Das große Finale. Das gaanz, gaaanz große Finale.“
Weil ich wissen will, ob es überhaupt eine Frage auf die Antwort gibt. Hätte Beckett das geahnt …
19:32: ”Es ist jetzt nach halb acht. Das Spiel ist gleich aus.“
…, wie hätte sein ”Warten auf Godot“ wohl aussehen können.
19:34: ”Bitte, ich weiß nicht, warum der Hot-Button™ nicht zuschlägt.“
19:35: ”Mit Lachen kommen sie ans Ziel.“
19:36: ”Sie haben noch Zeit, bleiben sie ganz entspannt.“

Uaaaaark. Gleich geht das Endspiel in Portugal los und ich habe auch noch anderes zu tun. Aber keine Antwort ist auch eine Antwort, oder? So muss wohl Live-Blogging sein, wenn man Live-Bloggen könnte hier. Man könnte natürlich jede Minute ein ”item“ abbloggen. Oder …
19:38: ”Ich weiß nicht wie sie heißen.“
… ich könnte sagen: Zahlen Sie GEZ und schauen sie sich das an, wenn sie 9Live™ empfangen können. Langsam wird das wirklich nervig, wenn man das Zeug nicht als Hintergrund sondern als Hauptgegenstand betrachtet. Jetzt entgehen mir schon die Lindenstraße und BigBrother. Und was hilft es da, wenn dieser Sender werbefrei ist. Im Gegenteil, jetzt sehne ich mich geradezu nach umfallenden Legosteinen a la DHL™, irgendeine Biersorte.
19:43: ”Ich warte jeden Moment auf das Zuschlagen des Hot-Buttons™. Sie sind auf der Ziellinie.“
19:44: ”3500 Euro, das sind 7000 Mark. … Wenn sie die richtige Antwort kennen.“

Haben die immer noch nicht genügend Anrufe in der Leitung …
19:45: ”Es ist viertel vor Acht – neunzehn Uhr fünfundvierzig.“
… gehabt.
19:46: ”Seien sie schneller, seien sie schneller. Das Spiel ist so gut wie vorbei.
Wie nennt man sowas: “Drängen zum Warten.” Also ich wage jetzt mal einen Tip, der Hot-Button™ schlägt um 19:58 zu. So lange quäle ich mich noch durch. Jetzt erzählt der Moderator™ etwas davon, dass immer etwas passiert, wenn man was anderes machen will. Denn er wollte in die Küche gehen bei 9Live™ und verglich das mit einem Tor beim Fussball, das gerade dann fällt, wenn man auf Toilette geht oder ein Bier aus dem Kühlschrank nachholt.
19:50: “Hundert Liter” klingt es aus dem Off und der Moderator™ ergänzt: “Und das ist definitiv falsch. … Eine sportliche Herausforderung”
Wobei ich wieder beim Fussball wäre, denn das ist mir beim Spiel Griechenland gegen Tschechien passiert. In der Linde, einem Biergarten schaute ich mir das Spiel mit einem Freunde an. Weil ich unbedingt vor der Masse auf Toilette wollte, die Pausen etc. für solche Zwecke nutzen, ist es passiert. Der gedämpfte Jubelschrei ging durch die Toilettenfenster und hallte dann brav durch die Kachel. Und “ich mittendrin, nicht nur dabei.”™
19:54: “… in wenigen Augenblicken. … Wie oft haben sie das Programm gewechselt und warum kommen sie wieder zurück?”
Psychologische Forschungen sollen ergeben haben, dass ein Augenblick etwa drei bis sieben Sekunden lang ist, zumindest habe ich das man so gehört. Das wäre so eine Art menschliche Zeiteinheit. Ein Augenblick und noch einer und noch einer wären schon fast wenige Augenblicke? Aber nein, ich quäle mich und warte auf diesen blöden zweiten Anrufer. Und der Hot-Button™ schlägt nicht zu. [Erinnern, dass ich mir ein Hot-Button™-Makro anlege.] Jetzt ist gleich 19:58 rum.
Ach Scheiße, jetzt sehe ich, (frühestens) spätestens um 20:15 ist die Sendung vorbei, weil Jörg Draeger™ auf die Bühne tritt. Weerbung. Bitte! Da sitzt der Moderator™ in seinen kurzen Hosen. Schaffe ich mir eben Ablenkung durch die Lektüre des Teletextes: Seite 334 – dort der Hinweis auf 349, dort:
Endlich Feierabend! Raus aus den Klamotten und ab in den TV-Sessel. Was gibt es Schöneres, als gemeinsam mit 9Live den Feierabend zu genießen und dabei Geld zu verdienen? Mit spannenden Rätseln und Quizaufgaben macht der Feierabend noch mal so viel Spaß!
Hätte ich mich besser aus den Klamotten schälen sollen, damit ich mir besser die Eier kraulen kann. Der Plural von “Rätsel und Quizaufgabe” ist geradewegs ein Schlag in das Gesicht jeden Sprachwissenschaftlers oder Konsumentenschützers. Das “gemeinsam mit 9Live … Geld verdienen” klingt nach der aktuellen Regierungstechnik von CDU und SPD. Irgendwie hat Adorno schon Recht gehabt: So etwas zu kritisieren ist ein bisserl billig und zu einfach. Andererseits sieht man hier schon deutlich, wie das Große und Ganze im kleinsten Detail sich wiederzuspiegeln in der Lage sich zeigt sich. [Sich muss immer nach hinten, egal wie.]
20:09: “Machen Sie es so wie unsere erste Anruferin.”
Also, wenn der Moderator™ sagt, jede Sekunde könne der Hot-Button™ zuschlagen, dann frage ich mal die Leser der Kritischen Masse: Die Sendung 9Live-Feierabend™ fängt um 18:45 an und endet um 20:15. Wenn der Hot-Button™ jede Sekunde zuschlagen kann, wie häufig könnte der dann in dieser Sendung zuschlagen? Oder gibt es im Arbeitsrecht einen Paragraphen, der dies verhindert? [Stichwort: tarifliche Ruhepausen]?
Jetzt ist gleich 20:13 … Jetzt … und nix passiert. Viel Zeit bleibt da nicht mehr, auch wenn 9Live™ sicher am Abspann sparen wird. 20:15 … Jetzt … Die überziehen sogar, das ist eine Überraschung. Ist der Jörg™ wohl noch aufm Klo.
20:17: “Schalten sie ruhig um … Schnell sein.”
Langsam wünsche ich mir so einen guten alten Fernseher der Marke Nordmende zurück, wo man einen kleinen zweiten Bildschirm drin hatte. Langsam kann ich mir in der Wirrnis sogar vorstellen, dass ein paar Menschen sich auf Video aufzeichnen. … … Hey, das ist die Lösung für die Zukunft, so mache ich das. Und kann mir dann das alles im Schnelldurchgang ansehen. Superlongplay habe ich ja. Nur kein Leermedium. Und es wäre auch komisch, wenn ich dafür noch Urheberabgaben bezahlen müsste 😉

Also wenn das eine Feierabendshow am Sonntag (!) ist, die jemand sich wirklich anschaut, dann muss der Arbeitstag (Sonntag !!) schon wirklich hart sein.

20:22 – Jetzt erhöht der Moderator die Gewinnsumme um 1000 Euro. Da kann ich nur sagen: “Gut, dass ich gewartet habe.” Wo ist denn das blöde Telefon. Moment bitte … … … … … … … … … Wie war noch mal die Frage?

Gehen die wirklich bis zum Endspiel?

20:26: “Sie verzeihen mir”, sagt der Moderator™ als er einen Schluck aus seiner WodkaCola-Pulle nimmt.

Ich muss da jetzt durch, ich hab es mir auch selbst eingebrockt. Das einzige, was mich noch interessiert, ist, ob der nächste (der zweite) Anrufer die richtige Antwort weiß. Ich könnte ja zwischendurch mal was Gescheites lesen. Mach ich jetzt auch. Ich zitiere Franz Fühmann, Zweiundzwanzig Tage oder Hälfte des Lebens (Seite 486):
Wer nur einer Richtung folgt, ohne anzustoßen, geht ins Leere
Das ist groß und dauert nur ca. vier Sekunden. Das ist ein Augenblick voller Wahrheit. Nächstes Zitat (Seite 495):
Interessant, daß der Gewinn an Zeitgenauigkeit durch den Verzicht auf das ehemals gemeinsame Subjekt erkauft ist. »Ich sehe, und höre das Telephon, zur Tür« – dieser Satz ist Wirrnis
Das gefällt mir an Franz Fühmann ganz ausgezeichnet. Faktisch hat er keinen großen Roman geschrieben. Alle seine Texte handeln im Wesentlichen von ihm selbst. Darin ist er stark. Zugleich aber auch dann diese Reflexion beim Schreiben über das Schreiben – er hat ja auch aus dem Tschechischen und Ungarischen übersetzt. Das hat manchmal etwas, was mich an Ludwig Wittgenstein erinnert, nur ist das hier alles witziger (Seite 467):
So lieb das sudetendeutsch. Putzig. Herzig. Was einem zuerst dazu einfällt ist: »Ei

Dieses böhmische Diminutiv-»l«, nicht einmal »el«: Hausl, Glasl, Gartl, Steinl, Krautl, Mädl, Wiesl, Bachl, Briefl, Bluml, eben: Diminuitivl, es kommt nirgends vor, aber alles ist davon durchtränkt

Nudln

Nudlsuppl
20:45 – Es reicht wirklich, obwohl es eine Sternstunde von 9Live sein wird. Die Sendung hört und hört nicht auf. Das Spiel hat wohl begonnen. Es reicht. Der Draeger™ Jörgl ist wahrscheinlich gar nicht da, sondern schaut sich zuhause, entledigt aller Klamotten, das Fussballspiel im ZDF™ an. Ob die Moderatoren™ der nachfolgenden Sendung dies auch machen werden? Nackig aus den Studios von 9Live™ laufen und daheim sich dem fussballanguckerischen Feierabend widmen?

Aber die haben Recht. Man kehrt zurück. Wie von einem Magnet angezogen, selbst wenn man sich nicht telefonisch beteiligt.

Das muss man sich doch wirklich einmal geben. Da machen die eine Sendung, die dauert jetzt schon über drei Stunden. Eine Frage und ein Anruf, der die falsche Antwort lieferte. Das ist ein Irrwitz, das angebliche Finale dauert jetzt schon über 70 Minuten. So eine Oper wie der Wozzeck von Alban Berg hat etwa 100 Minuten, die könnte man in der Zeit dieser Sendung zweimal komplett hören! So komme ich mir sonst nur vor bei einer beliebten Verspätung von Seiten der Deutsche Bahn AG™.

21:02: Die haben schon wieder den Moderator gewchselt. Unfassbar. Und man befindet sich wieder auf den letzten Metern. 0,49 Euro kostet ein Anruf. “Sie müssen sich beeilen!” sagt der neue Moderator™ in halb kurzen, womöglich hochgekrempelten Hosen in Weiß. Also ich würde mir da ja hineinscheißen langsam und vor der Kamera meine Kreise drehen. Außer mir schaut das keiner mehr an, oder? Und ich rufe nicht mal an. Die vielleicht letzten anderen Zuschauer warten nur auf Draeger™.

21:10: “Es war selten so spannend wie heute,” sagt der neue Moderator. Da hat er Recht. 21:15: “Es kann ja jeden Moment sein.”

21:20 – Mich erinnert das langsam an das berüchtigte Spiel irgendwo, als mal das Tor umgefallen ist. Wenn ich in der Jury des Grimme-Preises einmal sitzen werde, diese 9Live™-Sendung gehört zu den Höhepunkten der Fehlsichtigkeitsunterhaltung.
21:23: Erhöhung der der Gewinnstufe auf 5.000 Euro.
Da fällt mir ein weiterer Text von Fühmann auf (Seite 469):
Ein ungarisches Märchen; dieses Motiv des Befreiens durch Töten, Zerstückeln, mindestens Schmerzzufügen kommt in den Märchen aller Völker vor. Erlösung durch Kopfabschlagen; Erlösung durch Aus-der-Haut-Peitschen; Erlösung durch Feuer; Erlösung durch An-die-Wand-Werfen. Es ist eine Menschheitserfahrung
Warum mir gerade jetzt das einfällt.
21:26: “Den letzten Stoß müssen Sie tun. … Es geht doch kein Weg daran vorbei. … Nur die Guten kommen jetzt ans Ziel.”
Und ins Kröpfchen kommt ein Stöpfchen. Entschleunigung.

Ach, das erinnert mich an meine sechste Klasse, Physikunterricht, als mir mein Lehrer eine “Lernzielkontrolle” [kurz: LZK] zurückgab mit dem Hinweis, es heiße nicht “Geschwindlichkeit” sondern “Geschwindigkeit”. Und als die Schule, noch früher, “Intrigierte Gesamtschule” und nicht “Integrierte Gesamtschule” ausgesprochen wurde.
21:36: “Aber sie müssen sich auch mal anstrengen.”
Das spricht er gelassen etwas aus. Mei, wie ich mir hier einen abwürge. Um dann zwischen den Zeilen des Nicht ein bisserl etwas zu schaffen.
21:39: “Sie müssen doch agieren. … Ich schwöre ihnen, …
… was? Dass die Sendung noch sieben Tage dauert? Muss ich alle meine Termine absagen? Wer füttert und wäscht mich? Wer hält mir die Ohren und Augen auf? Warum muss ich wegen dieser Sendung zum Sozialfall werden? Warum muss ich extra Strom verbrauchen? Warum komme ich meinen sozialen Verpflichtungen nicht nach? Warum können die nicht gerichtlich dazu gezwungen werden, einzublenden, dass eine Hot-Button-Runde™ mehr als vier Stunden (das sind 240 Minuten) dauern kann, ohne das ein Anrufer durchgestellt wird?
21:44: ”Das Ding tickt. Sie müssen jetzt in die Leitung. … Noch nie war es so spannend wie jetzt. Leute! … Hören sies ticken? Sie … Sie … Sie … Es ist jetzt mein allerletztes Wort. … Es geht jetzt um 7000 Euro.
Ach, wäre es sein letztes Wort geblieben. Aber mal ehrlich, es liegt doch nicht bei “Sie”, ob der Hot-Button™ gedrückt wird, sondern bei 9Live™. Und der wird nun erst recht nicht gedrückt, weil alles Fussball gucken außer “Ich”. Was bin ich doof.

Mach ich es nicht mittlerweile genauso wie der Moderator™ in weißen Hosen dort? Blablabla. Warten sie, jeden Moment ist dieser Eintrag fertiggestellt. Es liegt nur bei ihnen. Ich erhöhe den Text um 2500 Bytes, sie müssen jetzt dran bleiben. Gleich gibt es die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Nein, ich muss diese historische Situation ästhetisch aufgeben. Ich habe Durst und will gemütlich wenigstens den Rest des Spiels Portugal gegen Griechenland schauen. Es gibt kein anderes Programm im Fernsehen? Das wäre jetzt ein Albtraum. 22:52 Ich habe fertig.
(mehr …)

WeiterlesenAuto-Sadismus

Noten kopieren II

  • Lesedauer:6 Min. Lesedauer

Ein bisschen was im Netz recherchiert. Die Österreicher haben bemerkt, dass mit der Regelung das Kopierverbot von Noten ohne Erlaubnis des Berechtigten durchzusetzen, etwas nicht stimmen kann. Man findet eine ausführliche Stellungnahme von Hofrat Dr. Hermann Becke, seines Zeichens Universitätsdirektor und Vizerektor für Ressourcenmanagement und Infrastruktur an Universität für Musik und darstellende Kunst Graz.

Er schildert dort das Problem und erörtert es an zahlreichen Beispielen wie hier:
8. Das Musikstudium eines jungen Menschen wird praktisch zur Gänze in den Bereich der nicht mehr geschützten Musik gedrängt, weil hier Kopien für den eigenen Gebrauch weiterhin möglich sind. Es ist für einen Musikstudierenden unzumutbar, sich alle geschützten Werke zu kaufen, wenn er eventuell nur Teile davon studiert. Es ist auch vollkommen undenkbar und unfinanzierbar, dass alle Bibliotheken der Musikschulen, der Konservatorien und der Musikuniversitäten geschützte Werke in einem solchen Umfang ankaufen, dass jederzeit jedes Werk jedem interessierten Studierenden zur Verfügung gestellt werden kann.
Er lässt auch die Betroffenen an der Uni selbst zu Wort kommen, von der Musikwissenschaftlerin über den Instrumentallehrer bis zum Komponisten. Letzterer macht deutlich:
„Bei strikter Anwendung der Urheberrechtsnovelle 2003, wodurch das Herstellen von Kopien geschützter Musiknoten auch für Zwecke des Unterrichts in dafür gerechtfertigter Anzahl untersagt wird, ist eine pädagogisch und künstlerisch verantwortungsvolle Abhaltung des Unterrichts in einigen Fächern, mit denen ich betraut bin, unmöglich geworden.

Die Behandlung so wesentlicher Komponisten der 1. Hälfte des 20. Jh. wie (nur z.B.) Strawinsky, Bartók, Schönberg, R. Strauss, Webern, Hindemith, Schostakowitsch, Messiaen, Prokoffief….., ja sogar Ravel, Gershwin, Berg… (bis 2006/07), sowie quasi aller maßgeblichen Komponisten nach 1945 (Berio, Nono, Stockhausen, Cage, Penderecki…), darunter Österreicher wie Ligeti, Cerha, Haubenstock-Ramati…. ist im Unterricht (Tonsatz, Formenlehre, Musikalische Analyse etc.) OHNE Verwendung kopierter Notenbeispiele sinnlos.

Der Unterricht muss/müsste sich auf Komponisten beschränken, die spätestens 1932 verstorben sind, wodurch Fächer wie „Musikgeschichte“, „Musik des 20. Jh.“, „Einführung in die Neue Musik“ etc. völlig ad absurdum geführt werden.

Diese Regelung und die dadurch eintretenden Auswirkungen können keinesfalls im Sinne der geschützten Komponisten, ihrer Rechtsnachfolger und Verlage sein, weil dadurch das Bekanntwerden und die Verbreitung der Werke dieser Komponisten gerade in der jüngeren Generation ungünstig beeinträchtigt wird.

Aus meiner Sicht ist die gegenständige Novelle kontraproduktiv, unsinnig und ein Schildbürgerstreich.“
Zum Schluss fragt Hofrat Becke, welche Lösungsmöglichkeiten vorliegen könnten. Eigentlich bleibt nur die Rücknahme.

In Österreich gilt dies erst seit Mitte letzten Jahres. In Deutschland haben wir lange schon dieses Problem – aber anscheinend geht man einmütig drüber hinweg, d.h. man kopiert eben doch die Noten. Damit haben dann die Musikverleger sich selbst doppelten Schaden zugefügt. Weil es das Kopierverbot auf Noten gibt, erzielen sie so nicht einmal Erträge aus Geräteabgaben.

Zum Abschluss sei noch die Bemerkung eines Gastprofessors für Kontrapunkt und Werkanalyse, die gewissermaßen über den Hausgebrauch noch hinausgeht:
Aus den genannten Gründen ist das Verbot der freien Werknutzung für mich nicht akzeptabel. Es ist überdies absurd weil unkontrollierbar. Die einzig wirksame Maßnahme, die seine Einhaltung gewährleisten könnte, wäre wohl die Schließung aller Bibliotheken und Kopieranstalten. Wird das, was sich bei uns „Bildungspolitik“ nennt, so weit gehen?“

Wie auch immer, die Verleger jammern und leider scheint es denen noch zu gut zu gehen. Denn trotz Kopierverbots wird offensichtlich noch genügend geschützte Musik gespielt, wie die Gema-Erträge für das letzte Jahr ‘beweisen’ (Nullwachstum, trotz zurückgehender Einnahmen aus der Tonträgerlizenzierung. Wir wollen doch sehr hoffen, dass diese Musik nicht aus kopierten Noten gespielt wird – denn darüber gibt es natürlich keine gesicherten Zahlen; so wenig wie darüber, ob durch ein Kopierverbot dann auch weniger “neue Musik” gespielt würde.
(mehr …)

WeiterlesenNoten kopieren II

Umschau – heute

  • Lesedauer:3 Min. Lesedauer

Semmel hat einen üblen Traum = Schröders Schergen sind losBrain farts lässt sich von der Zukunft schon mal Luftküsse geben – Rainer Mayer geht auf Chuzpe, dem härtesten jüdischen Blog zwischen New York und Tel Aviv, einer modernen Hexenjagd in Frankfurt nach – Juliane Teege rechnet in The Jiary mal für Karstadt mit und nach und ab = Karstadt macht ernst – Janko Röttgers sieht auf Mix, Burn & R.I.P. schwarz und checkig und fragt erstens “Freier Informationszugang = Freibier?“ und zweitens ”Kommt die Internet-Totalüberwachung?“.

Quirinus hat für uns auf Demokratie & Alltag sehr genau beobachtet und hört die Zwischentöne = Trotz alledem:
“Ein Mensch mit intakten Ohren braucht aber keine Zensoren. Er hört alle Mißtöne, und deshalb läuft er keinem Rattenfänger hinterher: weder in die eine noch in die andere Richtung. Wie aber schult man sein Gehör? Eben nicht, indem man nur das vermeintlich oder tatsächlich Gute hört (auch Lesen ist eine Form des Hörens!), sondern zuweilen auch das Schlechte. Dies gilt für die Musik und die Literatur, aber auch für die Politik und alles andere. Intelligenz ist die Fähigkeit, zwischen den Tönen hören und zwischen den Zeilen lesen, unterscheiden und selbst entscheiden zu können. Wer die Menschen daran hindern will, spricht ihnen diese Fähigkeit ab. Er verachtet sie. Doch solange es Menschen gibt, wird es nicht nur das Entweder-Oder geben, sondern auch all das, was dazwischen liegt und sie nicht hören sollen oder wollen.”
Schön gesagt, sehr schön gesagt.
(mehr …)

WeiterlesenUmschau – heute

Stefanski & Friends in der Ostdeutschen Galerie Regensburg

  • Lesedauer:6 Min. Lesedauer

Vor einiger Zeit angekündigt, die Kritik des Konzerts mit Stefanski & Friends. Kann man jetzt in der Online-Ausgabe der Jazzzeitung nachlesen. Oder hier in der Kritischen Masse.

Es war ein Abschiedskonzert. Pavel Liska verlässt die Ostdeutsche Galerie Regensburg als wissenschaftlicher Direktor. Als Abschiedstrio fanden sich Stefanski & Friends ein, oder wie Michael Scheiner in seiner Begrüßung sagte: Jost & Friends oder Manderscheid & Friends. Friends also allemal: Freunde, schöner Götterfunken, gewissermaßen. Zwei der drei haben in den letzten Jahren den Hessischen Jazzpreis erhalten (Ekkehard Jost, 2000 und Janusz Maria Stefanski, 2003) und Dieter Manderscheid ist ein Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht. Ekkehard Jost besuchte zum Abschied seines langjährigen Freundes das erste Mal Regensburg. Premieren, Abschiede, neue Formationen. Alles Zutaten für ein feines Konzert. Wenn dann auch noch ein akustisch interessanter Raum wie der Grafik-Saal der Ostdeutschen Galerie hinzutritt, dann kann es elektrisierend werden – wurde es auch.

<%image(20040528-jost.jpg|220|293|Ekkehard Jost)%>

„Everything can happen“ hieß ein Stück und wenn nicht alles so doch einiges passierte tatsächlich. Das Programm mit Jost (Baritonsaxophon), Dieter Manderscheid (Bass) und Janusz Stefanski (Schlagzeug) bot Triokultur im besten Sinn mit Standards und Stücken aus der Feder Josts, die ihrerseits den Charakter von Standards einnehmen, mindestens „so“ klingen. „Zatopek“ von Jost war so eine Komposition bei dem Stefanski im feinsten Sinne das Schlagzeug führte, ganz zart und doch beherzt. Stefanski zeigte sich im Trio als Motor und eigensinniger Musiker im besten Sinne des Wortes. Sein Solo im Jost Stück „Green Fox“ wurde immer länger und überraschender, gerade so, als ob der Raum des Grafik-Saales perkussiv ausgelotet und ausgemessen werden müsste. Schlagzeugmusik wie von einer Fledermaus. Sein Spiel mit den akustischen Bedingungen des Raumes verlieh dem Trio eine ungeheure Tiefe. Aus dem Trio wurde eigentlich ein Quartett – der vierte Mitspieler war der Raum. Da war keine Spur von musikalischen Notlösungen zu spüren; das Spielerische war ins Ernste gewandt und umgekehrt.

Zentral für das Konzert war dann vielleicht ein Stück von John Coltrane, „Living Space“. Eine lange Einleitung von Manderscheid, dessen Tonfarben von Äolstönen (flautando und sul ponticello) bis zum druckvollen Strich reichen mochte, dann der kraftvolle Klang des Baritonsaxophons zu einem Stück, welches von seiner Themenstruktur her zwischen Pressluft und Atemlassen pendelt. Diese innere Struktur fand ihre improvisatorische Kompensation: Während am Ende das Saxophon sich ausatmete, verstärkte das Schlagzeug den Klangdruck bei gleichzeitiger Verringerung der „Schlagdichte.“ Ein großer Moment an diesem Abend. Es war nicht der einzige.

Das klingt jetzt vielleicht alles nach einem nur sehr ernsten und würdigen Abschiedskonzert. Das war es nicht. Ekkehard Jost zeigte sich auch als guter Moderator, der manchen Stücke seine ganz eigene sprachliche Note aufdrückte, von Maulwürfen anno 1973 genauso zu erzählen wusste, wie er auch gerne knapp freundlich gemeinte Publikumsbeleidigungen tangierte. Vom emeritierten Professor für Musikwissenschaft der Universität Gießen konnte man nichts ahnen. Vielmehr scheint es sogar so, dass dieses unspektakulär spektakuläre Auftreten ein Zeichen eines lange währenden Reifungsprozesses darstellt. So zurückgenommen und doch gleichzeitig konsequent habe ich Jost noch nie Saxophonspielen gehört. Ein schönes Abschiedskonzert für Pavel Liska und das Publikum.

Martin Hufner
(mehr …)

WeiterlesenStefanski & Friends in der Ostdeutschen Galerie Regensburg